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CD-Besprechung

Weinberg

Evil Penguin Classic EPRC 0045

1 CD • 68min • 2021

22.04.2022

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 9
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Es gehört zu den leichten Merkwürdigkeiten der vorliegenden Produktion, dass das Beiheft zwar mit nahezu 30(!) Bildern der Aufnahmesitzungen aufwartet, aber abgesehen von einer Auflistung der Musiker nichts über die Interpreten verrät. So muss eine kurze Internetrecherche herhalten, um festzustellen, dass es sich bei Les Métamorphoses um ein recht junges belgisches Kammerorchester handelt, gegründet von Raphaël und Camille Feye (Dirigent bzw. künstlerische Leiterin), das sich in der Tradition historischer Aufführungspraxis etwa eines Harnoncourt oder Norrington sieht. Die vorliegende zweite CD-Veröffentlichung des Orchesters ist allerdings zur Gänze dem Schaffen des großen sowjetischen Komponisten polnischer Abstammung Mieczysław Weinberg gewidmet. Neben zwei Werken für Cello und Orchester mit Pieter Wispelwey am Soloinstrument steht Weinbergs letztes vollendetes Werk, die Kammersinfonie Nr. 4, auf dem Programm.

Klage und Tanz

Bei Weinbergs Concertino für Cello und Streichorchester, 1948 binnen nur fünf Tagen komponiert, handelt es sich um die erst kürzlich entdeckte De-facto-Urfassung seines mittlerweile ziemlich populären Cellokonzerts. Die Bezüge zwischen beiden Werke sind offensichtlich; die ersten drei Sätze finden sich in erweiterter Fassung (und für volles Orchester gesetzt) auch im Konzert wieder. Doch wo sich Weinberg im Concertino danach für eine Wiederaufnahme des einleitenden Adagios entschied, steht im Konzert ein eigenständiger vierter Satz an letzter Stelle, in dem zwar schließlich auch das Adagio zitiert wird, hier aber eher im Sinne einer Rückblende (dies übrigens eine weitere Parallele zu Mjaskowskis Cellokonzert, das bei der Komposition ohnehin Pate gestanden hat). Im Gegensatz dazu erscheint das Concertino als eine in klagendem Duktus gehaltene Szene, die von zwei Tanzepisoden von sich steigernder Intensität zwar unterbrochen, aber nicht final durchbrochen wird. Das Stück lebt dabei vor allem von seinem sehr eingängigen, von jüdischem Idiom geprägten Melos. Sicher eine für Kammerorchester dankbare „Taschenfassung“ des Konzerts; Letzteres erscheint mir allerdings doch als das rundere, dramaturgisch überzeugendere Werk. Nur wenig später entstand die reizvolle, ebenfalls melodisch dominierte Fantasie für Cello und (kleines) Orchester, die eher polnische Tanzweisen suggeriert; apart die sanft-melancholische Walzermelodik des Andantino leggiero, kraftvoll-tänzerisch das Allegro con fuoco.

Weinbergs reduzierter, meditativ-ausdrucksstarker Spätstil

Naturgemäß ganz anders geartet ist Weinbergs Kammersinfonie Nr. 4 op. 153 für Streichorchester und solistische Klarinette (hier von Jean-Michel Charlier klangschön gespielt), geprägt von den für den späten Weinberg charakteristischen langen meditativen, oft nur sparsam und manchmal sogar solistisch besetzten Passagen, kontrastiert von plötzlichen heftigen, schmerzerfüllten Ausbrüchen. Eine fragile, tastende Musik, die gleichzeitig tieftraurig und berückend schön sein kann. Man beachte etwa den Schluss des Werks, wenn die Klarinette das Thema des finalen Andantinos aufs Äußerste gedehnt ein letztes Mal wiederholt, bevor einige erstickte Pizzicati in den tiefen Streichern die Dur-Tonalität in Frage stellen und ein vor dem Hintergrund der tiefen Hs (nicht Bs, wie im Beiheft falsch übersetzt) der Bässe aufleuchtender Triangelschlag das Werk beschließt.

Eloquenz, Nuancenreichtum und Temperament

Das Concertino ist in der kurzen Zeit seit seiner Entdeckung hiermit bereits zum dritten Mal eingespielt worden; ein Indiz für das erfreulich große Interesse an Weinbergs Musik dieser Tage. Im Vergleich zu Wallfisch (cpo) gestaltet Wispelwey seine Soloparts deutlich eloquenter und farbenreicher, zum Teil auch unter Einbeziehung gewisser Freiheiten (gelegentliche Rubati, geschmackvolle Portamenti, kleinere Verzierungen und Nuancen in der Artikulation). Auch das Orchester trägt seinen Teil zu diesen lebhaften, temperamentvollen Interpretationen bei, und in der Kammersinfonie Nr. 4 liefert es eine insgesamt subtile, nuancenreiche Darbietung. Was den prinzipiell sehr guten Gesamteindruck allerdings stellenweise empfindlich stört, ist die (sicherlich bewusste, aber deshalb nicht minder ärgerliche) Tendenz, lange Notenwerte zu verkürzen; schon aus den Halben im ersten Satz des Concertinos macht das Orchester faktisch höchstens Viertel, die jeweils auch noch mit einem kleinen Akzent versehen werden, die Halben zu Beginn des zweiten Satzes, auf ganz einfache Weise eigentlich ein Moment des Atemholens, des sanften Aufleuchtens, werden ebenfalls mit Decrescendi versehen, und auch im Choral am Anfang der Kammersinfonie finden sich Pausen, wo in der Partitur doch punktierte Viertel zu finden sind. Das Klangbild ist gut, manchmal allerdings mit etwas zu prominenten Bässen (Beginn des dritten Satzes des Concertinos). Das Beiheft informiert solide über die Werke auf der CD, und Camille Feyes abschließendem Plädoyer dafür, Weinberg und seine Musik nicht nur auf die Epoche zu reduzieren, in der der Komponist gelebt hat, kann man im Übrigen auch mit Blick auf Schostakowitsch und viele andere nur zustimmen.

Holger Sambale [22.04.2022]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Mieczyslaw Weinberg
1Concertino op. 43bis für Violoncello und Orchester 00:16:34
5Fantasie op. 52 für Violoncello und Orchester 00:17:40
6Kammersinfonie Nr. 4 op. 153 für Streichorchester und Klarinette 00:34:07

Interpreten der Einspielung

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