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CD-Besprechung

Beatrice Rana

Chopin
Etudes op.25 • 4 Scherzi

Warner Classics 0190296764240

1 CD • 76min • 2021

22.10.2021

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Die Italienerin Beatrice Rana, bereits in jugendlichem Alter Gewinnerin zahlreicher, internationaler Preise, 2013 dann der Silbermedaille beim Van Cliburn Wettbewerb, erinnert den Rezensenten mit ihrer stupenden Technik wie der Intensität des musikalischen Vortrags an Martha Argerich – auch wenn die Persönlichkeiten als solche recht verschieden sein mögen. Vor allem mit ihren differenzierten Darbietungen der Bachschen Goldberg-Variationen hat sie klar gezeigt, dass sie mittlerweile zur Weltspitze der Pianistinnen zu zählen ist. Sie beherrscht aber, etwa bei den Klavierkonzerten, ebenso die großen „Technik-Schinken“ – von Tschaikowsky über Prokofjew bis hin zu Bernsteins The Age of Anxiety.

Schwieriger Weg zu Chopin

Interessant, dass Rana in ihrem sehr persönlichen Booklettext auf die durchaus kritischen Reaktionen eingeht, die ihre erste Chopin-CD – mit den Preludes, aufgenommen mit 19 Jahren – hervorrief. Sie schildert, warum Chopin bei ihr relativ spät drankam, und macht sich dann kluge Gedanken über das so charakteristische Rubato dieses Komponisten. Die intensive Auseinandersetzung mit gerade diesem Phänomen schlägt sich auch hörbar in ihrem Spiel nieder. Beginnen wir mit den Scherzi: Ranas Technik und ihre Anschlagskunst sind überwältigend – besonders die zahlreichen Steigerungen nicht nur bei den Schlüssen, sondern ebenso an Stellen wie dem Übergang des Mittelteils zur Reprise im b-Moll-Scherzo op. 31, beeindrucken sowohl durch Präzision wie drängendem Ausdruck. Aber wieso benötigt die Italienerin bei drei der vier Stücke im Schnitt zwei Minuten länger als die Konkurrenz? Tatsächlich lässt sich Rana besonders in den ruhigeren Teilen mehr Zeit, kostet besagte Rubati, nochmals stärker in den meist von Chopin zusätzlich ornamentierten Wiederholungen, betont aus, modifiziert gleichzeitig sogar immer den Klang – ihre Fantasie erscheint hier geradezu unbegrenzt. Ein paar Dinge befremden zwar – was soll z.B. im h-Moll-Scherzo die völlig unmotivierte Beschleunigung der drei Akkorde in T. 43f. und allen Parallelstellen? –, dafür gelingen ihr bei den beiden letzten Scherzi (cis-Moll bzw. E-Dur) wahre Kabinettstückchen. Das dritte Scherzo hat man auf CD wohl noch nie so überzeugend gehört – hier stimmt jedes Detail sowie der gesamte musikalisch-emotionale Aufbau.

Die Etüden op. 25 als Zyklus betrachtet

Dass Rana die zwölf Etüden op. 25 als Zyklus versteht, zeigt sich schon daran, wie sie die Etüden Nr. 5 und 6 unterbrechungslos aufeinander folgen lässt – man muss sich dieser Meinung dennoch nicht anschließen. Eine gewisse Teleologie hin zu den letzten drei Etüden – die wieder sensationell gut sind – kann die Pianistin in der Tat vermitteln. Das cis-moll-Stück (Nr. 7) steht somit als ruhiger Gegenpol im Zentrum. Bei vielen der kürzeren Etüden begegnet dem Hörer kaum Neues – selbst hier traut sich Rana jedoch mehr Rubato zu als viele andere Interpreten. Das wirkt absolut zwingend und ist so ein Gewinn, weil es ihr andererseits überhaupt nicht darum geht, irgendwelche Rekorde bezüglich der Tempi zu brechen, auch wenn sie dazu wohl zweifellos in der Lage wäre.

Chopin mit ganz persönlichem Profil

Ranas ausgefeilte Rubatokunst gibt ihren Chopin-Darbietungen mittlerweile ein ganz persönliches Profil, erinnert mehr an Traditionen längst verstorbener Pianistengenerationen, hebt sich deutlich vom leider derzeit sehr verbreiteten Einerlei wohltuend ab. Aufnahmetechnisch gibt es nichts zu mäkeln. Trotzdem: Die gerade erst erschienene Einspielung der Scherzi vom Chopin-Wettbewerbssieger 2015, Seong-Jin Cho, fasziniert den Rezensenten mit ihrer unglaublich sensiblen, zugleich zupackenden Virtuosität dann doch noch mehr – abgesehen von Nr. 3. Bei den Etüden kann Rana mit ihrem flexiblen Vortrag immerhin Lang Lang locker ausstechen – Pollini bleibt da nach wie vor unerreicht.

Vergleichsaufnahmen: [Etüden op.25] Maurizio Pollini (1972, DG 413 794-2); Lang Lang (2012, Sony 88725449132) – [4 Scherzi] Seong-Jin Cho (2021, DG 028948604395).

Martin Blaumeiser [22.10.2021]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Frédéric Chopin
1Etüde As-Dur op. 25 Nr. 1 00:02:41
2Etüde f-Moll op. 25 Nr. 2 00:01:31
3Etüde F-Dur op. 25 Nr. 3 00:02:04
4Etüde a-Moll op. 25 Nr. 4 00:01:41
5Etüde e-Moll op. 25 Nr. 5 00:03:50
6Etüde gis-Moll op. 25 Nr. 6 00:02:16
7Etüde cis-Moll op. 25 Nr. 7 00:05:38
8Etüde Des-Dur op. 25 Nr. 8 00:01:09
9Etüde Ges-Dur op. 25 Nr. 9 00:01:02
10Etüde h-Moll op. 25 Nr. 10 00:04:00
11Etüde a-Moll op. 25 Nr. 11 00:03:55
12Etüde c-Moll op. 25 Nr. 12 00:02:50
13Scherzo Nr. 1 h-Moll op. 20 00:11:04
14Scherzo Nr. 2 b-Moll op. 31 00:12:00
15Scherzo Nr. 3 cis-Moll op. 39 00:07:58
16Scherzo Nr. 4 E-Dur op. 54 00:12:03

Interpreten der Einspielung

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