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CD-Besprechung

Joachim Raff

Chamber Music Vol. 1

MDG 307 2187-2

1 CD • 71min • 2020

23.12.2020

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 9
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Mit nicht weniger als acht Gattungsbeiträgen zwischen 1855 und 1874 war Joachim Raff einer der produktivsten Streichquartett-Komponisten seiner Zeit. Zu Lebzeiten international berühmt – Hans von Bülow und Pjotr Tschaikowskij waren nur die prominentesten seiner zahlreichen Fürsprecher –, posthum als Vielschreiber gescholten und lange Zeit unter Wert gehandelt, hat Raffs Ruf seit dem späten 20. Jahrhundert durch Tonträgeraufnahmen immens profitiert. Einen „vergessenen Komponisten“ wird ihn mittlerweile keiner mehr nennen können, dazu ist die Raff-Diskographie einfach zu groß. Auch die Musikgeschichtsschreibung scheint inzwischen verstanden zu haben seine Lebensleistung recht zu würdigen. Nun mag es in einem 216 Opuszahlen umfassenden Schaffen Qualitätsschwankungen geben, doch gilt auch für Raff: Ein weniger gelungenes Stück verringert nicht den Werk eines gelungenen; und es sollten seine besten Werke sein, an denen ein Künstler gemessen wird. „Gerade unter seinen trefflich gearbeiteten acht Quartetten sind einige, die zu seinen besten Werken gehören und wieder hervorgesucht werden sollten“, schrieb schon 1929 Wilhelm Altmann in seinem „Handbuch für Streichquartettspieler“ über Raff. Dem kann man sich getrost anschließen.

Reizvolles Repertoire

Mit der Aufnahme der ersten beiden Quartette durch das Leipziger Streichquartett – vielversprechend gekennzeichnet als „Vol. 1“ – beginnt nun zum dritten Mal ein Ensemble damit, Raffs Quartette zwecks Einspielung einzustudieren. Den Anfang machte 2000 das Quartetto di Milano für Tudor, es folgte 2004 das Mannheimer Streichquartett für cpo; beide Projekte blieben (bislang) unvollendet. Abgesehen von Nr. 5 sind damit immerhin alle Streichquartette Raffs auf CD greifbar. Nr. 1 erfährt durch die Leipziger seine zweite, Nr. 2 seine dritte Einspielung.

Raffs Streichquartettschaffen gliedert sich in drei deutlich voneinander geschiedene Gruppen. Während Nr. 3–5 klassizistisch gezügelt wirken, und es sich bei Nr. 6–8 um pittoreske, teils historisierende, teils programmatische Suiten handelt, sind die ersten beiden in jeder Hinsicht großzügig ausgestaltete, ambitionierte Stücke. Sie entstanden, anders als die übrigen Quartette, nicht in einem Zuge, wirken aber dennoch wie komplementär zueinander entworfen. Nr. 1 ist eines der düstersten und zugleich ausdrucksstärksten Werke, die Raff überhaupt geschrieben hat. Für die 1850er Jahre sehr kühn, beginnt es, ohne zu einem fest umrissenen Hauptthema zu finden, in brodelnder Unruhe. Der zweite Satz verläuft über weite Strecken als rabiates Perpetuum mobile. Den ruhenden Pol des Werkes bildet ein Adagio, in dem Raff seine Fähigkeit zu weit ausgreifender, polyphoniegestützter Melodiefortspinnung unter Beweis stellt, bevor das Finale mit punktierten Rhythmen einem freudlosen Ende entgegen eilt. Das alles kleidet Raff in ein Klanggewand, das ihn als einen wahren Berlioz des Streichquartetts ausweist. Die Klangfarbe gehört hier fest zur musikalischen Dramaturgie. Gleiches lässt sich im Falle des Zweiten Quartetts sagen, auch wenn Raff hier weniger offensiv spieltechnische Effekte anwendet. Dieses Werk, ebenfalls mit dem langsamen Satz an dritter Stelle, folgt einem viel sanfteren Gesetz; es herrscht die Freude am geistvollen Spiel, am Formen und Bauen. Grundlage ist freilich immer noch die im Ersten Quartett erprobte Stilistik, wie bereits der Beginn mit einem vergleichbaren „Einschwingvorgang“ zeigt. In beiden Werken hat jedes Instrument Wichtiges zu sagen, zeigt sich Raff als alle Kunstgriffe beherrschender Quartettsatzgestalter.

Verschiedene Interpretationsansätze

Vergleicht man die Einspielungen des Leipziger Streichquartetts mit denen des Quartetto di Milano (die Aufnahme des Mannheimer Streichquartetts von Nr. 2 lag mir nicht vor), fällt von Anfang an auf, wie unterschiedlich beide Ensembles diese Quartette auffassen. Das Quartetto di Milano musiziert insgesamt kantabler, legt größeren Wert auf die Entfaltung lang gestreckter melodischer Entwicklungen und nimmt sich hinsichtlich der Tempogestaltung im Detail größere Freiheiten, wozu etwa gehört, dass der erste Takt des Ersten Quartetts mit leichter Verzögerung gespielt wird – was nicht in den Noten steht, aber wunderbar zur Musik passt. Die Leipziger spielen gleich zu Beginn rascher und bleiben strikt im Tempo. Auch mit dem Einsatz des Vibratos gehen sie viel sparsamer um als ihre Mailänder Kollegen. Raff klingt in ihrer Lesart klarer, aber auch etwas kühler. In der Leipziger Darbietung lernt man den Komponisten eher als übersichtlich disponierenden Formkünstler kennen, als „bedeutendste combinatorische Kraft der Gegenwart“, wie ein Kritiker sich 1863 ausdrückte. Die Polyphonie wird hier deutlicher erlebbar als in der Mailänder Aufnahme; namentlich versteht es Cellist Peter Bruns, seiner Stimme mehr Präsenz zu verschaffen als sein Mailänder Kollege, so dass die Interaktion zwischen Sopran und Bass hier besser nachvollzogen werden kann.

Überzeugende Umsetzung

So interessant die Gegenüberstellung beider Einspielungen sein mag (und wie schön die Tatsache, dass dies möglich ist!), so kann man doch der CD des Leipziger Streichquartetts auch für sich genommen bescheinigen, auf überzeugende Weise Fürsprache für den Quartettkomponisten Joachim Raff eingelegt zu haben. Es bleibt zu hoffen, dass es diesem Ensemble vergönnt sein wird, endlich einmal eine Gesamtaufnahme der Raffschen Streichquartette vorzulegen.

Norbert Florian Schuck [23.12.2020]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Joseph Joachim Raff
1Streichquartett Nr. 1 d-Moll op. 77 00:33:55
5Streichquartett Nr. 2 A-Dur op. 90 00:36:52

Interpreten der Einspielung

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