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CD-Besprechung

Beethoven

String Quartets Opp. 132 & 130/133

Ondine ODE 1347-2D

2 CD • 1h 27min • 2019

05.04.2020

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 7
Klangqualität:
Klangqualität: 8
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 7

Ludwig van Beethovens fünf späte Streichquartette sind ähnlich wie Bachs Kunst der Fuge ein Kunstbuch des meisterlich gehandhabten vierstimmigen Satzes. Die drei im Auftrag des Fürsten Golizyn entstandenen Quartette op. 127, 130/133 und op. 132 gehen in den beiden letztgenannten Werken über die gattungstypische Viersätzigkeit hinaus und nähern sich durch eingestreute höchst kunstvoll ziseliert-gebrochene Tanzsätze formell, aber keinesfalls inhaltlich und ausdehnungsmäßig dem Divertimento an. Die abschließende Fuge des op. 130 ersetzte der Komponist später durch ein Polka-Finale und veröffentlichte sie als Einzelstück für Quartett als op. 133 und in einer Bearbeitung für Klavier vierhändig als op. 134. Sie sind vorrangig „Kompositionen für Komponisten“ und übten einen immensen Einfluss auf nachfolgende Musikergenerationen aus. Bereits der junge Mendelssohn versuchte sich an den dort dargelegten Konzepten, erreichte aber nur eine Trivialisierung. Erst Brahms, Dvořák, Reger und die französischen Impressionisten waren in der Lage, diese Techniken in ihren Stil zu integrieren. Einem unvorbereiteten Hörer erscheinen sie oftmals sprunghaft und auch heute noch „avantgardistisch“. Spielte man einem Fan „populärer Klassik“ bestimmte Ausschnitte der „Großen Fuge“ vor, würde der wahrscheinlich eher auf Bartók, Hindemith oder Strawinsky, denn auf Beethoven tippen.

Gipfelwerke der Streichquartett-Literatur

Wer mit diesen fordernden Werken erfolgreich sein will, muss den Hörer in Atem halten können. Das heißt: Jede Phrase muss ihren Höhepunkt erreichen; in langsamen Abschnitten sind langgehaltene Töne ohne Richtung tödlich. Motorische Begleitstimmen müssen eine dramatische Entwicklung vorantreiben. Trotz aller technischen Schwierigkeiten müssen Haupt- von Nebenstimmen klar getrennt werden. Dabei darf in keiner Zehntelsekunde der Blick auf den Gesamtzusammenhang verloren gehen, welche farblichen Varianten auch im Moment gewählt werden. Ansonsten zerfasern die Quartette in vielleicht schöne Einzelmomente, langweilen auf die Dauer jedoch tödlich. Dies bedarf einer immensen Probenarbeit, die nur vier virtuose hauptberufliche Quartett-Spieler oder vielleicht noch die im Alltag aufeinander eingespielten Stimmführer eines Spitzenorchesters leisten können.

So sehr ich die „Eckpfeiler“ des Tetzlaff-Quartetts, Tanja und Bruder Christian, für ihre Klaviertrio-Einspielungen und als Solisten schätze, muss ich konstatieren, dass man sich mit dieser Einspielung schlichtweg übernommen hat. Wenn ich mich fragen muss, was diese immens Begabten da eigentlich tun, ist es mit meiner Gemütlichkeit vorbei. Der Quartettklang ist durchgehend aufgerauht und aggressiv, was vielleicht auf eine zu nahe Mikrophonierung zurückzuführen ist, eher jedoch auf eine Produktion hindeutet, die entstand, nachdem man sich als Solist in den Konzerten von Elgar oder Sibelius gegen ein Orchester durchsetzen musste. Dem Piano fehlt Wärme, es entsteht ein Spaltklang, der in Purcell-Fantasien oder Dowlands Lacrimae am Platz wäre. Lange Töne wie in der Introduktion von 132/1 oder zu Beginn der „Danksagung eines Genesenden“ entwickeln keinen Sog. Wenn man die „Große Fuge“ op. 133 als Finale von op. 130 entsprechend der ursprünglichen Intention Beethovens einspielt, sollte man auf einer 45‘-CD zumindest das später komponierte Finale mitliefern, damit der Hörer eine Wahlmöglichkeit erhält. Generell fehlt es an klanglicher Phantasie: Das Artemis-Quartett vermag es, an gleicher Stelle wie ein Harmonium zu klingen und erzählt, wie auch das Emerson-Quartett, eine spannende Geschichte, die den Zuhörer in ihren Bann schlägt.

Die Aufnahmetechnik stellte die Mikrophone zu dicht und erzielte dadurch ein recht harsches Klangbild, das auch frühere Aufnahmen (Schubert Der Tod und das Mädchen) des Tetzlaff-Quartetts bereits beeinträchtigte.

Fazit: Beethovens Opera 130/133 und 132 gehören zu den schwierigsten Werken des Streichquartettrepertoires. Eine absolut perfekte Wiedergabe erscheint nahezu unmöglich, jedoch haben die folgenden Quartette zumindest ein entschiedenes Unentschieden erzielen können: Artemis, Emerson, Gewandhaus, Alban Berg. Dieses Niveau erreichen die Tetzlaffs leider nicht.

Vergleichsaufnahmen: Artemis (Erato), Emerson (DG), Gewandhaus (NCA), Alban Berg (Warner).

Thomas Baack [05.04.2020]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Ludwig van Beethoven
1Streichquartett Nr. 15 a-Moll op. 132 00:42:41
CD/SACD 2
6Streichquartett Nr. 13 B-Dur op. 130 00:29:42
6Große Fuge B-Dur op. 133 für Streichquartett 00:14:34

Interpreten der Einspielung

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