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CD/SACD stereo/surround-Besprechung

Nikos Skalkottas

Sinfonietta • Concerto • Suite

BIS 2434

1 CD/SACD stereo/surround • 70min • 2017, 2018

04.04.2020

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Nikos Skalkottas (1904-49), ohne Zweifel Griechenlands bedeutendster Komponist, war durch die so unterschiedlichen und prägenden Schulen Philipp Jarnachs und Arnold Schönbergs gegangen und behielt in stürmischen Zeiten seine Offenheit für sehr heterogene Kompositionstechniken und damit verbundene Ausdrucksweisen. Das ging so weit, dass die Befürchtung berechtigt schien, er können aus dem Spagat zwischen griechischer Folklore, neoklassizistischer Freitonalität und dodekaphonem Regelwerk keine Synthese herstellen. Nun aber erfahren wir, dass er gerade in den letzten Jahren seines kurzen Lebens einige größere Werke geschrieben hat, die eindeutig eine die unterschiedlichen Einflüsse fusionierende Tendenz aufweisen. Natürlich kann man nicht die Dodekaphonie mit der freien Tonalität koppeln, hier scheiden sich mehr oder weniger die Wege. Aber bei ihm sind es wesentliche Aspekte die gekreuzt werden: die unberechenbare Ausdrucksvielfalt der freien Tonalität, zudem zunehmend konsonant erfüllt, geht eine sehr erwachsene Ehe mit der strukturellen Nüchternheit des gelernten Zwölftontechnikers ein.

Eine leichte Symphonie

Das audiophile schwedische Label BIS ist schon lange zur Heimstatt des nach wie vor unterschätzten großen Griechen geworden. Die hier vorliegende CD wird man vor allem wegen eines Werkes kaufen: der 1948 komponierten, ca. 25-minütigen Sinfonietta in vier Sätzen. Ihretwegen werden Evolutionstheoretiker ihm gewiss – ähnlich Bartók – Vorwürfe der Rückwärtsgewandtheit machen, doch für derlei rechthaberisch ideologische Erbsenzählerei muss man sich nicht interessieren. Skalkottas zieht hier alle Register seines großartigen Könnens und seiner orchestralen Imaginationskraft und gießt das Ganze in die klare Form einer leichten Symphonie – in diesem Sinne, nicht so sehr auf die Kürze bezogen, ist wohl der Titel zu verstehen: die Musik ist sofort unmittelbar verständlich, spricht ohne Umschweife zum Zuhörer, besticht zwar mit Raffinesse in jedem Takt, setzt jedoch nicht zu komplexen Verläufen an, die nur mit wiederholter Beschäftigung allmählich zugänglich werden. Und überall hört man mit großer Macht das stolze griechische Idiom durchtönen, in seiner zackigen Kompaktheit und Liebe für solide, klar sichtbare Konturen. Ein schneller Walzer als Menuett knüpft so nahtlos ans klassische Idiom an wie Prokofieffs Symphonie classique, und doch ist diese Musik in ihren Techniken wie in der Psychologie der Form ebenso wie Prokofieffs berühmtes Pionierwerk denkbar weit entfernt vom klassischen Geist. Ganz besonders zauberhaft ist der langsame Satz mit seiner wunderbar subtil ausgehörten Unentschiedenheit zwischen Dur und Moll – ein Fest für jedes Ohr, das sich gerne Täuschungen aussetzen lässt und die entsprechend sich einstellenden Überraschungen goutiert.

Volkstänze in Gurdjieff-Nähe

Der Rest der CD besteht aus Arrangements, gleichwohl solchen unterschiedlicher Natur. Da sind zum einen zwei archaische Märsche und neun sehr einfache griechische Tänze, die Skalkottas aufgrund vorhandener Vorlagen lediglich orchestriert hat, ausgezeichnet orchestriert – und die Simplizität der Stücke rückt sie in deutliche Nähe zu jenen Gurdjieff/de Hartmann-Stücken, die für die Movements orchestriert wurden, auch zu Komitas, und natürlich zu der herrlichen Hellas-Suite des vielleicht ebenso einfachen, jedoch viel subtiler gestaltenden John Foulds. Wer also nicht gleich zurückschreckt, weil er befürchtet, man könnte ihn für ‚simple minded‘ halten, kann hier vielleicht doch einigen Gefallen finden. Kurios hingegen ist die nachträgliche Kombination einer historischen Gesangsaufnahme des kretischen Volkslieds Diogenes in seiner letzten Agonie, 1930 gesungen vom damaligen Ministerpräsidenten Eleftherios Venizelos, mit einer orchestralen Neuaufnahme der Begleitung. Aber wer kein Wunder erwartet, kann auch diese Umsetzung bewundern.

Spritzige Lakonie

Die anderen Arrangements besorgte der Musikwissenschaftler Yannis Samprovalakis, der auch die Sinfonietta frisch in Partitur herausgegeben hat: Es handelt sich zwei konzertante Werke um 1930, die Skalkottas nach erfolgreicher Aufführung in Berlin zurückließ, wo sie verschollen sind. Doch dann tauchten Klavierauszüge auf, die teilweise auch orchestrale Hinweise enthielten. Das symmetrisch fünfsätzige Doppelkonzert für Geige, Klavier und Orchester dauert gerade mal 11 Minuten und erfreut mit spritziger Lakonie, die grelle Dissonanzen liebt, an französischen Geist geschult erscheint und in Deutschland am ehesten Eisler nahestand. Noch zuvor, 1929, entstand die Suite für Geige und Kammerorchester, von deren letztem Satz leider nur die Solostimme überliefert ist, wodurch nicht genug Anhaltspunkte für eine Rekonstruktion gegeben waren. Also hat Samprovalakis nur die ersten vier Sätze orchestriert, und das Ganze dauert gute acht Minuten, diese aber sind von einer phänomenalen Dichte, und sehr gerne würde ich das inspirierte und aufs Wesentliche konzentrierte Werk einmal im Konzert hören (das Material aller Werke dieser CD ist beim Hellenic Music Centre zu beziehen).

Die Aufführungen des Athener Philharmonischen Orchesters unter Byron Fidetzis sind insofern solide, als die Noten weitestgehend korrekt exerziert werden. Von einer tiefer gehenden Einstudierung kann keine Rede sein. Die Solisten – Georgios Demertzis auf der Geige und Vassilis Varvaresos am Klavier – haben sich hingehend gründlich vorbereitet und agieren mit Überblick. Die Aufnahmetechnik (Hans Kipfer) ist auf sehr gutem BIS-Standard, und der Booklettext von Yannis Samprovalakis informiert umfassend und exzellent.

Stunde der Koinzidenz

Nachdem so lange nichts Neues von Skalkottas erschienen war, scheint dieser März seine Stunde der Koinzidenz zu sein: Paladino Music hat soeben sein dodekaphones, beinahe einstündiges 3. Klavierkonzert mit Begleitung von 10 Bläsern von 1939 mit Daan Vandevalle veröffentlicht, und bei Naxos sind – mit dem Athener Staatlichen Orchester unter Stefanos Tsialis, der ein qualitativ ähnliches Resultat erzielt – gleich mehrere substanzielle Spätwerke herausgekommen: neben der Sinfonietta, die man nun sogleich vergleichen kann, die große Symphonie classique von 1947 für Blasorchester, Schlagzeug, 2 Harfen und Kontrabässe (auch ein Meisterwerk), die so einfachen wie eindrücklichen 4 Bilder für Orchester von 1948-49, und ein Antiker griechischer Marsch von 1946-47. Jetzt muss man diese Musik nur noch in Konzerten spielen, und das unbedingt auch außerhalb der griechischen Heimat.

Christoph Schlüren [04.04.2020]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Nikos Skalkottas
1Sinfonietta B-Dur 00:25:21
5Konzert für Violine, Klavier und Orchester 00:11:00
10Suite für Violine und Kammerorchester 00:08:17
14Digenés in his Last Agony 00:02:26
15Ancient Greek March (für den Club Lyceum griechischer Frauen) 00:02:15
16March (für den Club Lyceum griechischer Frauen) 00:01:19
17The Vlach Woman (für den Club Lyceum griechischer Frauen) 00:01:17
18The Maypole (für den Club Lyceum griechischer Frauen) 00:01:28
19Mount Pelion Dance (für den Club Lyceum griechischer Frauen) 00:01:36
20High up on Kositlata (für den Club Lyceum griechischer Frauen) 00:01:27
21Corfiot Dance (für den Club Lyceum griechischer Frauen) 00:01:13
22Up the Street (für den Club Lyceum griechischer Frauen) 00:00:57
23Lioúlios (für den Club Lyceum griechischer Frauen) 00:05:38
24Paraskevoúla (für den Club Lyceum griechischer Frauen) 00:02:20
25Physoúni (für den Club Lyceum griechischer Frauen) 00:01:48

Interpreten der Einspielung

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