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CD-Besprechung

Mahler

Symphony No. 10

Mahler

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10

Klangqualität:
Klangqualität: 10

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Besprechung: 22.06.19

Klassik Heute
Empfehlung

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BIS 2376

1 CD/SACD stereo/surround • 77min • 2017

Nicht in allem, aber doch in vielem Schlechten liegt auch etwas Gutes. Entsprechend der heute allgemein verbreiteten, zur jahrzehntelangen Redundanz verkommenen Mode, dass sich die großen Orchester auf CD mit einem Mahler-Zyklus zu präsentieren gewohnt sind, den meist niemand braucht, weil der Dirigent außer Mainstream nichts zu bieten hat, der Effekt aber mit dieser Musik (und mit derjenigen von Schostakowitsch) am Größten ist, ohne dass man etwas zu sagen hätte – entsprechend diesem dämlichen Umstand präsentiert uns John Storgårds, den wir auf Tonträger in den letzten Jahren mit recht vorzüglichen Symphoniezyklen von Sibelius, Nielsen und Antheil als ersten Gastdirigenten des BBC Philharmonic aus Manchester für Chandos bewundern durften: eine Überraschung… er hat nämlich die Ersteinspielung einer weiteren Vollendung der Zehnten Symphonie von Gustav Mahler mit seinem in Rovanniemi ansässigen Lapland Chamber Orchestra unternommen! Wie das? Seine Kollegin Michelle Castelletti hat in jahrelanger Arbeit eine Fassung für Kammerorchester erstellt, die abgesehen von dem von Mahler in Partitur vollendeten Kopfsatz von den vorhandenen Fassungen Deryck Cookes, Rudolf Barschais, Clinton Carpenter, Remo Mazzettis und Joseph Wheelers ausgeht und sozusagen eine ergänzt-erweiterte ‚Best of‘-Version des Stands der postumen ‚Rekonstruktion‘ bietet (die Karten sind hier ungleich besser für ein Gelingen gemischt als etwa beim Finale von Bruckners Neunter, da die Mahler’sche Skizze durchgehend bis zum Schluss vorhanden ist). Es handelt sich Michelle Castellettis bei der Universal Edition erschienener Fassung um eine ganz kleine Besetzung in der Tradition der Arrangements des Wiener Kreises um Schönberg für den Verein für Privataufführungen: Flöte (auch Piccolo), Oboe, Klarinette in B, Fagott, Horn, Trompete, 1 Paukist, der auch die verschiedenen Schlaginstrumente (Xylophon, Glockenspiel und eine Vielfalt mit unbestimmter Tonhöhe) bedient, Harfe, 1 Pianist, der auch Harmonium und etwas Schlagwerk spielt, 2 Geigen, Bratsche, Cello und Kontrabass. Das ist natürlich viel zu wenig für eine Mahler-Symphonie, aber so etwas sind wir heute längst gewohnt, und so kann man es jetzt auch in einem etwas größeren Wohnzimmer spielen und vor allem kostengünstig überall da, wo ein großes Orchester nicht verfügbar ist.

Ich halte mich nicht mit einer Mängelliste auf, die versucht aufzuzählen, wo überall die Nachteile der Kammerbesetzung problematisch sind. Was sofort auffällt, ist die stupende technisch-tonliche Makellosigkeit aller Beteiligten. Natürlich ist manchmal auch der Preis für eine so gestochen scharfe Intonation bei einem so unausgeglichen zusammengestellten Instrumentarium, dass die Spontaneität des Ausdrucks dem Streben nach letzter Perfektion geopfert wird. Auch die Pianissimo-Kultur ist unglaublich hoch, und da besteht natürlich hier und da auch einmal die Gefahr, dass das extrem Leise ein bisschen zum Selbstzweck wird: Das wirkt dann schon geradezu ‚nordisch‘, rückt manchen (durch die Orchestration in dieser Richtung begünstigten) asketisch-linearen Moment in die Nähe von Sibelius’ Vierter. Und da kann es doch auch passieren – wie gleich zu Beginn – dass das Andante durchs Lauschen in die Stille langsamer wird als ein Adagio, was sich in der erforderlichen Relation nicht mehr ausgleichen lässt. Rhythmisch ist selbstverständlich unter Storgårds äußerste Exaktheit geboten, allerdings meine ich, dass die Tempovorschriften oft andeutenderer Natur sind und nicht überall so kontrastbetont wie hier verstanden, und vor allem auch in sich flexibler, aus einem gewissen permanent vorhandenen Grundrubato heraus, das mehr subtil als offenkundig geschehen sollte.

Von diesen Einwänden abgesehen, die nur einem sehr subtilen Hören zugänglich sind, ist diese Ersteinspielung vortrefflich gelungen, wie auch Michelle Castelletti viel gelernt hat aus den publizierten Versuchen ihrer Vorgänger bezüglich der großen Orchestration. Und natürlich ist dieser radikal entschlackte Mahler auch sehr interessant, ohne dass man im Ernst behaupten könnte, das klangliche Ergebnis sei Mahler verwandt. Das Niveau des Lappländischen Kammerorchester ist unter der langjährigen Leitung von Storgårds zu einem Weltklasseklangkörper aufgestiegen, was diese Aufnahme unbezweifelbar belegt. Und die BIS-Klangtechnik (Matthias Spitzbart und Robert Suff) tut das ihre, um ein fulminantes Ergebnis zu garantieren. Mahlerianer kommen um die Anschaffung keinesfalls herum, und wer wissen will, wie die Verwandlung der großen Orchesters in ein Kammerensemble im Idealfalle wirken kann, sollte hier unbedingt zuhören.

Christoph Schlüren [22.06.2019]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 G. Mahler Sinfonie Nr. 10 Fis-Dur 01:17:04

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Lapland Chamber Orchestra Orchester
John Størgårds Dirigent
 
2376;7318599923765

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