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CD-Besprechung

Stenhammar

Symphony No. 2 • Serenade

Stenhammar

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9

Klangqualität:
Klangqualität: 10

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Besprechung: 19.12.18

Klassik Heute
Empfehlung

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BIS 2424

1 CD/SACD stereo/surround • 84min • 2013, 2014

Eigentlich ist Wilhelm Stenhammar kein typischer Spät- oder Nachromantiker, denn seine Musik hat zwar romantische Anmutung und Atmosphäre, doch ihr Kern ist klassisch und ihr Glanz barock. Darin steht er den deutschen Meistern Brahms und Draeseke, mehr noch Bruckner, vor allem aber seinen Zeitgenossen Sibelius, Nielsen und dem ein Jahr zuvor in Dresden geborenen, skandalös vergessenen großen Symphoniker Paul Büttner nahe. Herbert Blomstedt hat nach eigenem Bekunden die Musik seines großen Landsmanns lange Zeit vernachlässigt (es gibt eine 36 Jahre alte Aufnahme der großartigen späten Kantate Sången für Caprice Records, der unlängst eine Göteborger Neuaufnahme unter Neeme Järvi für BIS folgte). Doch nun hat er sich – mittlerweile auch schon wieder einige Jahre her – eingehend mit den zwei symphonischen Hauptwerken Stenhammars befasst und legt seine Deutungen in live in Göteborg von BIS mitgeschnittenen Aufführungen vor, die im Dezember 2013 (Symphonie g-moll op. 34) und im Juni 2014 (Serenade F-Dur op. 31) zustande kamen. Diese zwei Werke, großteils parallel entstanden, stehen so gegensätzlich zueinander wie Beethovens parallel entstandene Symphonien Nr. 5 und 6. Freilich in anderer Weise: die Serenade (1911-13, revidiert 1919) zeigt Stenhammar von seiner unerschöpflich ausgelassenen, humoristischen, tondichterisch inspirierten, auch skurrilen Seite, sozusagen als Vollender einer Haltung, die lange vorher Franz Berwald angeregt hatte; die Zweite Symphonie (1911-15) hingegen (die Zählung ist postum, da Stenhammar seine Erste zurückzog) ist ein Monument musikalischen Klassizismus’, das die würdevolle Anknüpfung an Beethoven, Brahms und Bruckner versucht – und durchaus auch einlöst.

Eine inspiriertere, poetisch anregendere Musik als Stenhammars Serenade ist kaum vorstellbar, und wer der Meinung ist, er sei ein Eklektizist gewesen, sollte sich einfach – am besten, ohne zu wissen, was es ist – diese Serenade anhören, um auf der Stelle kuriert zu werden. Sie besteht aus fünf Sätzen (Stenhammar strich den ursprünglichen zweiten Satz, die kapriziöse ‚Reverenza‘, heraus; diese ist auf Neeme Järvis kürzlich erschienener Göteborger Stenhammar-CD für BIS enthalten), die alle auf höchstem Niveau anregen und erfrischen. Vielleicht könnte die einleitende Overtura noch etwas elastischer sein als unter Blomstedt, aber es ist schon sehr bestechend, und das improvisatorisch verzaubernde Konzertmeistersolo ist ganz unglaublich schön gespielt (der Name findet sich nicht im Booklet). In der Canzonetta ist mir Blomstedt im Metrischen zu schematisch, es mangelt am subtil ‚rubatisierenden‘ Wiegen des Walzercharakters, aber es ist schon faszinierend exakt. Dem Mendelssohn ebenbürtigen Presto-Scherzo folgt das herrliche Notturno, das eine Spur zu geschwind geraten ist, und im Finale fesselt Blomstedt mit jener für ihn typischen Genauigkeit und strukturellen Gründlichkeit, die doch nicht mehr so stachelig ist wie beispielsweise vor zwei Jahrzehnten in seinen Nielsen-Aufnahmen für Decca. Und doch, er verfehlt, was alle anderen, die ich kenne, auch verfehlt haben, denn es ist ungeheuer schwierig zu treffen: die Kontinuität des Accelerando aufrecht zu erhalten für die gesamte vorgeschriebene Strecke in diesem Finale, also im Hörer die ganze Zeit fortwährend das Gefühl zu erwecken, die Musik beschleunige sich zusehends, unaufhaltsam (dafür bedarf es klarer phänomenologischer Kenntnisse darüber, wo man das Tempo am besten wieder entspannen kann, ohne dass dies auffällig ist, und darüber, wo man am effizientesten unterschwellig beschleunigt; vor allem aber muss man die Kunst der Zügelung beherrschen, eben nicht zu schnell zu schnell zu werden, wie es auch hier wieder passiert ist, und was dann eben keine Reserve mehr beinhaltet, bevor das eigentliche Ziel erreicht ist…). Was man wissen muss: Stenhammar ist hier ein echter Pionier, nimmt quasi gleichzeitig voraus, was Sibelius im gigantischen Kopfsatz der Endfassung seiner Fünften Symphonie so unübertrefflich verwirklichte, jenes formbildende Accelerando bis zur Zielflagge. Auch wenn das hier nicht wirklich erfahrbar gemacht wird. Doch es muss festgestellt werden: Blomstedt ist ohne Präzisionsverlust lyrischer geworden, und das ist ein großer Gewinn, und so gerät ihm auch die Serenade insgesamt sehr hochklassig.

Nichts anderes gilt für die g-Moll-Symphonie, das goldglänzende, unerhört prächtige Tournee-Flaggschiff der Göteborger Symphoniker, die in diesem Meisterwerk ihres einstigen Chefdirigenten zuhause sind wie sicher kein anderes Orchester der Welt. Ich halte den Kopfsatz für eine der großartigsten Schöpfungen ihrer Zeit. Klar, da hört man außer dem Meister selbst auch Sibelius, Bruckner, in der Coda eindeutig Brahms und im mächtigen Aufgipfeln der Schlusskadenz ebenso eindeutig den orgelnden Bach heraus – aber wer würde das nicht gerne hören? Es gibt ihn nicht, den autarken Meister aus der Retorte. Aber das Ergebnis ist überwältigend, gerade auch hier: ganz wunderbar das gemessene Grundtempo, herrlich der Übergang zum breiteren zweiten Thema usw. Wunderbar komponiert sind auch das – fast wie eine Hommage an den Freund Jean Sibelius anmutende – Andante (ist etwas zu flüssig genommen) und das Scherzo im Gefolge von Beethoven-Schubert-Bruckner (warum lässt Blomstedt die ausdrücklich vorgeschriebenen, metrisch und harmonisch so reizvoll widersprechenden Akzente nicht ausführen?). Das Finale, von Stenhammar-Exegeten als Gipfelleistung seiner Kunst angesehen, fällt nach meinem Empfinden leider doch etwas ab in Anbetracht der olympischen Höhe der vorangegangenen drei Sätze. Zweifellos, die Fuge ist großartig und erinnert in ihrer resolut feinsinnigen Verschachtelung etwas ans Finale von Bruckners Fünfter. Doch das Ende will mir einfach – gemessen am Charakter der Symphonie insgesamt – etwas zu introvertiert erscheinen, fast, als hätte plötzlich die Kraft gefehlt, oder eben die Inspiration, das Ganze zu bekrönen (also doch, hier einmal, das viel beschworene Generalproblem der Romantiker mit dem Finale? Man denke an jene Symphonien Beethovens und Bruckners, wo das Finale nicht ganz so gelungen ist, und vielleicht insbesondere an Mendelssohns Schottische, aber auch an Sibelius’ Erste. Ein ähnliches Problem, freilich weit drastischer verunfallt, offeriert William Waltons ansonsten hinreißende Erste Symphonie). Nun, jedenfalls rettet auch Blomstedt dieses Finale nicht wirklich, doch gelingt ihm insgesamt eine der schönsten Aufnahmen dieser wunderbaren Symphonie, die umso liebenswerter wird, je öfter man sie (gut gespielt) hört. Die phänomenale Akustik des Göteborger Saals und die exzellente Tontechnik (Torbjörn Samuelsson und Lennart Dehn) tun ihr Übriges, um hier eine echte Empfehlung zwingend herbeizuführen. Und auch der ausgezeichnet informierende Begleittext von Tomas Block… Eine denkwürdige Produktion.

Christoph Schlüren [19.12.2018]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 W. Stenhammar Sinfonie Nr. 2 g-Moll op. 34 00:45:19
5 Serenade F-Dur op. 31 00:37:21

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Gothenburg Symphony Orchestra Orchester
Herbert Blomstedt Dirigent
 
2424;7318599924243

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