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CD-Besprechung

Dieupart

Six Sonatas for a Flute with a Thorough Bass

Brilliant Classics 95572

1 CD • 52min • 2017

26.12.2018

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Klassik Heute
Empfehlung

Man kennt es: Da schlummern jahrelang Bücher (oder im Falle von uns Musikern Noten) unbeachtet einen Dornröschenschlaf im Regal bis sie ein glücklicher Zufall wachküsst. Mir selbst ist es jüngst so mit den sechs Sonaten für Blockflöte und B.c. des französischen Barockkomponisten Charles (François) Dieupart ergangen, deren zu Beginn der Neunziger Jahre gedruckte (moderne) Erstausgabe seither unbesehen und ungespielt in meinem Notenschrank ihr Dasein fristete. Den Part des Prinzen (in diesem Falle eigentlich den der Prinzessin) spielte die heute in Amsterdam lebende brasilianische Blockflötistin (und Barockfagottistin!) Isabel Favilla, deren Aufnahme dieser 1717 bei Walsh & Hare in London erstmals gedruckten Sammlung mich aufhören ließ. Ganz offensichtlich war ich nicht der einzige, dem der wahre Wert dieser Sonaten entgangen war, denn Favillas Einspielung ist – soweit mir bekannt – die erste Gesamtaufnahme dieser herrlichen Werke – nota bene über ein Vierteljahrhundert nach Erscheinen einer modernen Ausgabe!

Über den Komponisten Dieupart und dessen Lebensumstände ist uns nicht allzu viel überliefert. Die Hauptquelle stellt Sir John Hawkins’ „A General History of the Science and Practice of Music“ aus dem Jahr 1776 dar, erschienen dreieinhalb Jahrzehnte nachdem sich die Lebensspur des Komponisten um 1740 verloren hatte. Inwieweit also diese Berichte verlässlich sind, lässt heute sich nur schwer einschätzen. Geboren um 1667 in Frankreich (vermutlich mit dem Taufnamen François) wirkte Dieupart spätestens ab 1703 als Geiger, Cembalist und Komponist in London, wo er sich (vermutlich der für britische Zungen leichteren Aussprache wegen) Charles nannte. Viele begabte französische Landsleute (sowohl berühmte Instrumentenbauer wie Bressan als auch Instrumentalvirtuosen wie Jacques Paisible) zog es damals in die Metropole an der Themse, jenen Schmelztiegel, der für sein überaus reiches, gleichsam internationales Musikleben legendär war. Es war also kein Zufall, dass dort zahllose hochqualifizierte Musiker aus dem Ausland ihr Fortkommen suchten, denken wir nur an Georg Friedrich Händel, Johann Christian Bach und – einige Jahrzehnte später – auch noch Joseph Haydn!

Dieupart hatte erstmals mit der Veröffentlichung seiner sechs Suiten für Cembalo 1701 in Amsterdam die Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Die Sammlung schien so beliebt zu sein, dass nur kurze Zeit später bereits eine Einrichtung für Violine (oder Blockflöte) und B.c. zu haben war, und kein Geringerer als Johann Sebastian Bach adelte die Suiten, indem er sie eigenhändig abschrieb. Obschon Franzose von Geburt, war Dieupart (wie seine Blockflötensonaten zeigen) auch mit dem italienischen Stil bestens vertraut. Angeblich war er sogar selbst Violinschüler des legendären Arcangelo Corelli. Gesichert zumindest ist, dass Dieupart in London Corellis Musik aufführte und ganz offenbar stand er auch im persönlichen Kontakt mit den führenden Londoner Blockflötenvirtuosen seiner Zeit.

Seine sechs Blockflötensonaten verraten in der Tat den Pan-Europäer, finden wir in ihnen doch eine Melange von Sätzen in lupenreinem Corelli-Still, Tänzen von typisch französischem Esprit, aber (als vielleicht unbewusste Hommage an seine britische Wahlheimat) auch manch sperrige Skurrilität (wie etwa das Presto der fünften Sonate). Eine Musik, deren wahre Qualität sich erst auf den zweiten Blick erschließt, dann aber einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt.

Isabel Favillas Aufnahme stellt eigentlich fast alles in den Schatten, was mir im laufenden Jahr an Blockflöteneinspielungen zu Ohren gekommen ist. Ich kann nicht mehr zählen, wie oft ich mir diese CD (freiwillig!) bereits angehört habe und jedes Mal von Neuem begeistert, ja entzückt gewesen bin. Das ist Muszieren vom Feinsten wie man es wirklich nicht oft zu hören bekommt. Ich weiß nicht, was ich mehr loben sollte – Favillas herrlich sonoren Ton, die Anmut ihrer wunderbaren Verzierungen, die stets absolut stimmigen Tempi, ihre unglaubliche Sprezzatura und Feinheit agogischer Gestaltung und – nicht zu vergessen – die wirklich „sprechende“ kongeniale Continuo-Gruppe... Kurzum: besser kann man das nicht spielen! Die Tontechnik ist meisterhaft und auch das Beiheft (in Englisch) bietet mit einem ausführlichen Einführungstext von David Lasocki fundierte Informationen zum Komponisten und den Sonaten. Selten zuvor habe ich ein so rührendes und gleichzeitig musikalisch hochintelligentes Blockflötenspiel gehört. Im Bereich Alter Musik ist Isabel Favillas Einspielung der Dieupart-Sonaten für mich völlig unangefochten die „CD des Jahres“. Und ich bin ziemlich sicher: auch noch lange darüber hinaus!

Markus Zahnhausen [26.12.2018]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Charles François Dieupart
1Sonata Nr. 1 G-Dur für Flöte und B.c. 00:09:07
6Sonata Nr. 4 B-Dur für Flöte und B.c. 00:07:07
14Sonata Nr. 6 F-Dur für Flöte und B.c. 00:07:29
18Sonata Nr. 5 g-Moll für Flöte und B.c. 00:07:05
24Sonata Nr. 3 e-Moll für Flöte und B.c. 00:09:34
30Sonata Nr. 2 a-Moll für Flöte und B.c. 00:11:23

Interpreten der Einspielung

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10.11.2015
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The English Flute, The Virtuoso Recorder III / cpo
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