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CD-Besprechung

zurich ensemble

beyond time

zurich ensemble

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10

Klangqualität:
Klangqualität: 10

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Besprechung: 12.08.16

Klassik Heute
Empfehlung

Ars Produktion ARS 38 205

1 CD/SACD stereo/surround • 65min • 2015

Eine in und aus der Dunkelheit geborene Musik, die bei aller Düsternis doch lichte und hoffnungsvolle Züge in sich birgt? Genau das ist Olivier Messiaens religiös inspiriertes und groß dimensioniertes Quatuor pour la fin du temps: in deutscher Kriegsgefangenschaft im Lager Görlitz entstanden und dort auch am 15.01.1941 uraufgeführt, geschrieben für eben die Instrumente und Musiker, die Messiaen zur Verfügung standen, für den Cellisten Etienne Pasquier, den Klarinettisten Henri und den Geiger Jean le Boulaire; Messiaen selbst übernahm den Klavierpart. Für den heutigen Hörer mag es nur schwer nachvollziehbar sein, dass – so Pasquier in seinen Erinnerungen an jene denkwürdige Uraufführung – dieses Quartett für das Ende der Zeit von „unserem lieben Olivier Messiaen, dem Poeten der ewigen Reinheit […], uns in ein herrliches Paradies trägt“. Die für den Beginn der Ewigkeit komponierten und sich aus der Offenbarung des Johannes speisenden acht Sätze mit ihren verstörenden wie betörenden, abgründigen wie ätherischen Klangwelten, mit ihren eruptiven, meditativen und tranceartigen Strecken lassen das Publikum vielleicht eher ratlos zurück. Es ist keine Musik, die sich schnell erschließt; sie erfordert Geduld und ungeteilte Aufmerksamkeit von Allen, die bereit sind, neues Terrain zu entdecken. Alles an ihr ist Ausdruck; zwischen Verlorenheit, Schmerz, Verklärung und Erlösung entzieht sie sich einer nachvollziehbaren Metrik oder Taktordnung, wird somit schwere-, körper- und zeitlos.

Außerhalb der Zeit stehend, aus der Dunkelheit geboren, nicht von dieser Welt – so lassen sich auch die zweit zeitgenössischen Werke charakterisieren, die die mit „Beyond Time“ titulierte CD des aus Fabio di Càsola (Klarinette), Kamilla Schatz (Violine), Pi Chin-Chien (Violoncello) und Benjamin Engeli (Klavier) bestehenden Zurich Ensemble komplettieren. „Dunkel, werde zu einem Dunkel, dem das Licht gehört; Licht, werde zu einem Licht, dem das Dunkel gehört“ – so spricht der gelangweilte Erfinder im 2. Satz von Fabian Müllers Am Anfang – Drei Versuche die Welt zu erfinden. Diesem 2010 entstandenen und 2015 vom Komponisten selbst für das Zurich Ensemble eingerichteten Werk liegen Texte des Schriftstellers Tim Krohn zugrunde, die sich an teils ernsten, humorvollen und grotesken Schöpfungsmythen der Urvölker orientieren – sehr ein- und nachdrücklich rezitiert und gesungen von der Sopranistin Christiane Boesiger. Den Texten entsprechend gibt sich auch die Musik dunkel, grotesk und in einem merkwürdigen Schwebezustand verharrend – es ist eine Musik, die einfach da ist, ohne wirklichen Anfang und Schluss, die unmerklich anhebt und wieder verebbt. Volker David Kirchners 1994 entstandenes Exil schließlich thematisiert in fünf Sätzen eine mitunter auch als düster zu bezeichnende Seite menschlicher Existenz, die Isolation durch innere und äußere Emigration; im 2. Satz („Bluestempo“) wird diese als eine sich an Miles Davis orientierende „Emigrationsmusik“ (Kirchner) irgendwo zwischen Summertime, Mussorgskys Il vecchio castello und Miles Davis‘ legendären Bitches-Brew-Sessions fast schon körperlich erfahrbar.

Was für Messiaens Quartett gilt, kann ohne weiteres auch über die Werke von Fabian Müller und Volker David Kirchner gesagt werden: Alles an ihnen, jede einzelne Wendung ist Ausdruck menschlicher Seelenzustände. Und es ist geradezu phänomenal, wie atmosphärisch dicht und zum Zerreißen gespannt das Zurich Ensemble diese technisch und gestalterisch äußerst anspruchsvollen Kompositionen durchmisst. Beseelt und hoch expressiv ist der perfekt ausbalancierte und über jeden Zweifel erhabene Vortrag der vier Instrumentalisten, geprägt von klanglicher Tiefenschärfe, einer faszinierenden Tonmodellierung, einer elektrisierenden Artikulation und Phrasierungskunst sowie einer dynamischen Gestaltung, die sowohl instrumentale Trennschärfe als auch klangliche Verschmelzung gekonnt mit einbezieht.

Christof Jetzschke [12.08.2016]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 F. Müller Am Anfang (Drei Versuche die Welt zu erfinden, nach Texten von Tim Krohn) 00:12:20
4 V.D. Kirchner Exil 00:19:33
9 O. Messiaen Quatuor pour la fin du temps 00:47:44

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Zurich Ensemble Ensemble
 
ARS 38 205;4260052382059

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