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CD-Besprechung

"1829"
Claviermusik um 1829 von Schubert und Mendelssohn

"1829"<br />Claviermusik um 1829 von Schubert und Mendelssohn

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9

Klangqualität:
Klangqualität: 10

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Besprechung: 21.11.14

Clavier 7

1 CD • 78min • 2014

Im Begleitheft dieser thematisch und musikhistorisch um das Jahr 1829 kreisenden Veröffentlichung wird das zum Einsatz kommende Instrument von Gerrit Zitterbart als Rolls-Royce unter den Flügeln der damaligen Zeit bezeichnet. Er geht wohl auch zu Recht davon aus, dass Schubert nie Gelegenheit hatte, auf einem solchen Instrument zu spielen. Mit dem Datum 1829 ist das Fertigungsjahr des Flügels aus der Wiener Fabrikation von Nannette Streicher und ihrem Sohn Baptist bezeichnet. Der automobile Vergleich eines auch bei dieser Gelegenheit literarisch rührigen, rundherum neugierigen Interpreten erweist sich als durchaus berechtigt, denn mit dem ersten Unisono-Akzent und der nachfolgend zunehmend harmonisierten Thematik wird deutlich, wie breit das „Ausdrucksspektrum“ dieses Instruments ist. Dessen „sinnliche Mischung aus obertonreichen, silbrigen Diskant und dunkelgefärbten Bässen“ hebt Zitterbart auch in seinem Begleittext hervor.

Für eine farbige, beseelte, wenn nötig auch düstere Zeichnung der vier Schubert Impromptus op. 90 aus dem Jahr 1827 sind das beste Voraussetzungen. Zitterbart nutzt diese Möglichkeiten mit Umsicht, in vielen Passagen mit delikatem Anschlag, ohne jede Extravaganz in den Dosierungen von Zeitmaß und Dynamik. Ein in Höchstform, also jenseits aller beruflichen Routine operierender Rudolf Buchbinder vermochte dem c-Moll-Stück zuletzt in seiner Sony-Einspielung eine noch stärkere Wendung in Richtung glosender, brodelnder Gefährlichkeit zu verleihen, gar nicht zu reden von Grigory Sokolovs schmerzlicher, schier blutender Empfindlichkeit in der Skalen des Es-Dur-Impromptus, wie sie mir aus seinem letzten Salzburger Soloabend unvergesslich ist. Zitterbart beschreibt die vier beliebten Edel-Nummern mit gesunder Empfänglichkeit für die wesentlichen Schatten- und Lichtwirkungen. Vor allem aber nutzt er die klangliche Nervosität des Instruments, das heißt: der Einzelton hat eine gehörige Lebensdauer und er verbindet sich im Legato verlässlich zur Kantilene (wie dies sehr schön im Ges-Dur-Stück zu verfolgen ist).

Die Wiederholung der Kopfsatzexposition der 1819 komponierten, aber erst 1829 veröffentlichten A-Dur-Sonate (D 664) wird von Zitterbart „eingespart“. Sie wäre bei mehr als 78 Minuten Spieldauer auch kaum noch unterzubringen gewesen… Rüstig, ohne übertriebene Biegsamkeit begibt sich der Pianist in die melodische Lieblich- und Betriebsamkeit des Kopfsatzes, die Oktavserien platziert er mit humanem Zugriff. Im Andante werden die klanglichen Möglichkeiten des Flügels rege ausgekundschaftet. Dem tänzerischen Finalsatz mangelt es nicht an Vitalität, freilich gibt es geschmeidigere und in manchen Passagen auch dynamisch zugespitztere Interpretationen (Richter /EMI, Brendel /Philips, Korstick /cpo, Afanassiev DG etwa).

Überzeugend in jeder Hinsicht ist für mich die Mendelssohn-Abteilung, in deren liedhaften ebenso wie in den zur Etüde neigenden Modellen Zitterbart sich als engagierter, launiger, sehr bildhaft zeichnender und malender Gestalter zeigt – spürbar von den Möglichkeiten des Instruments „beflügelt“. Einmal mehr mag es im Nachhinein bestürzen, wie lange Mendelsohns ursprünglich als „Melodies for the Pianoforte“ publizierten Lieder ohne Worte vernachlässigt, ja als billige Salonware oder aus antisemitischer Perspektive verunglimpft wurden.

In der Erstfassung von 1824 – so Zitterbarts Hinweis – wurde das quirlige Rondo capriccioso noch als Etüde bezeichnet. Als Mendelssohn das Stück 1830 der angebeteten Delphine von Schauroth widmete, erhöhte er nicht nur die technischen Anforderungen, sondern fügte – wie in einem Brief an Schwester Fanny zu lesen – ein „rührendes Einleitungsadagio“ hinzu. Von solcher Rührung erzählt uns Gerrit Zitterbart auf Tasten per Streicher-Philharmonie – und auch in den virtuosen Wechselfällen des Rondos hält er sich auf Augen- und Fingerhöhe mit jenen Kollegen, die das Stück nicht in Richtung Artistik auf die Spitze treiben.

Vergleichseinspielung: D 899: Buchbinder (Sony 8888371422).

Peter Cossé [21.11.2014]

Claviermusik um 1829 von Schubert und Mendelssohn">

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 F. Schubert Impromptu c-Moll op. 90 Nr. 1 D 899 Nr. 1 00:09:35
2 Impromptu Es-Dur op. 90 Nr. 2 D 899 Nr. 2 00:05:26
3 Impromptu Ges-Dur op. 90 Nr. 3 D 899 Nr. 3 00:05:51
4 Impromptu As-Dur op. 90 Nr. 4 D 899 Nr. 4 00:08:12
5 Klaviersonate Nr. 13 A-Dur D 664 op. posth. 120 00:15:43
9 F. Mendelssohn Bartholdy Fantasie über das irländische Lied "The Last Rose of Summer" op. 15 00:07:21
10 Lied ohne Worte Nr. 1 E-Dur op. 19b – Andante con moto 00:03:22
11 Lied ohne Worte Nr. 2 a-Moll op. 19b – Andante espressivo 00:02:14
12 Lied ohne Worte Nr. 3 A-Dur op. 19b – Molto allegro e vivace 00:02:46
13 Lied ohne Worte Nr. 4 A-Dur op. 19b – Moderato 00:01:50
14 Lied ohne Worte Nr. 5 fis-Moll op. 19b – Piano agitato 00:04:38
15 Lied ohne Worte Nr. 6 g-Moll op. 19b (Venezianisches Gondellied) 00:02:05
16 Lied ohne Worte (Für Dorothea von Goethe) 00:02:03
17 Rondo capriccioso E-Dur op. 14 00:06:25

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Gerrit Zitterbart Hammerflügel
 
7;4012652000709

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