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CD-Besprechung

Hommage à Weber

Hommage à Weber

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10

Klangqualität:
Klangqualität: 9

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Besprechung: 30.10.14

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SWRmusic 93.324

2 CD • 2h 19min • 2013

Lucia Huang und Sebastian Euler – den beiden Pianisten des Duo d’Accord – ist diese Weber-Initiative in jeder Hinsicht zu danken! Carl Maria von Webers Sammlungen für Klavier zu vier Händen op. 3, op. 10 und op. 60 – hier ergänzt durch die beiden Duostücke aus den Allemanden op. 4 –, sie sind zu Unrecht vernachlässigt! Genauer noch: ihr Vorhandensein ist vielen dilettierenden, vor allem aber den im klavieristischen Nebeneinander professionell agierenden Allianzen unbekannt oder hinsichtlich ihrer Qualität verdächtig geblieben. Zur Korrektur von allfälligen Vorurteilen oder zur unvoreingenommenen Kontaktaufnahme empfehle ich, sich zunächst den Huit Pièces op. 60 zuzuwenden. Deren kürzester Abschnitt – ein empfindsames, sozusagen raffiniert unschuldiges „Moderato“ – ist mit etwa 3 Minuten Spieldauer das kürzeste. Mit mehr als 7 Minuten nimmt die Nr. 7 – „Marcia.Maestoso“ – die meiste Zeit in Anspruch. Betont sei damit nicht die Perspektive eines Referenden, der mit der Stoppuhr seine Berichte abzusichern versucht, sondern die materiale und in deren Folge auch die expressive Bandbreite dieser acht Stücke, von denen die Nummer fünf „Alla Siciliana“ in den Süden und die Nr. 6 – „Tema Variato“ – in die Verzweigungen einer anmutigen, leicht beschwingten Ursprungsidee führen. Hier wie auch in vielen Momenten und Passagen der Editionen op. 3 und op. 10 sind melodische und atmosphärische Stimmungen in Nachbarschaft zu den Weberschen Opern – und da vor allem zu den naturhaften und menschlich-sittsamen Vorkommnissen – zu erleben.

Die beiden Interpreten gestalten diese elegischen, im besten Sinne von Sentiment geleiteten, immer wieder tänzerisch pointierten, gelegentlich auch festlichen Köstlichkeiten mit großer Sorgfalt in der Linienführung und in der musikalisch-dialogischen Ausformung. Das bedeutet: jedes Stück wirkt vom ersten Ton, vom ersten Akkord an beim Namen genannt, es ist präsent in Stimmung, Farbe und Bewegung. Dies hat zur Folge, dass vom Zugriff her etwa der erwähnte Marsch in den Maestoso-Rahmenteilen eine pazifistische Note erhält, während der Mittelteil in seiner endgültig befriedeten Beschaulichkeit an entsprechende Marsch-Abschnitte des Schubertschen Repertoires denken lässt.

Die Aufmerksamkeit des akkordierten Duos gilt nicht nur den original überlieferten Stücken, sondern dem Komponisten Weber insgesamt. Und dies natürlich unter dem Blickwinkel des vierhändigen Klavierspiels auf einem oder auf zwei Instrumenten. Lucia Huang und Sebastian Euler haben sich dabei nicht mit den drei genannten Sammlungen und beiden Allemanden aus der ansonsten zweihändigen Serie Opus 4 begnügt. Und sie haben es auch nicht mit den Arrangements von Ouvertüren und des zweiten Klavierkonzerts genug sein lassen. Leopold Godowskys verwinkelte, in all ihren Haupt-, Neben-, Mittel- und Sonderstimmen hochkomplizierte „Kontrapunktische Paraphrase über ‚Aufforderung zum Tanz‘“ darf wahrhaftig als literarische Entdeckung mit hohem pianistischen, aber auch musisch-intellektuellen Ergötzungsfaktor begrüßt werden. Die Gefahr besteht ja in all den bekannten Godowsky-Kühn- und Schrägheiten, dass ein Vortragender unter all den ihm auferlegten Griff- und Artikulationsproblemen zum Nachtragenden degeneriert, will sagen: der Ursprung des Experiments, das Original also außer Sicht- und Hörweite gerät. Hier nun gelingt es zwei auch im Alltäglichen günstig fusionierten Pianisten, sowohl Godowskys Anforderungen als auch der originalen „Aufforderung“ gerecht zu werden. Ein Tanz mithin nach dem Gebot der von Weber in Musik gezauberten Ballsitten und zugleich ein akustisches Seminar über die Möglichkeiten klavieristischer Choreographie im Wechsel von Erhellung und Verwirrung.

Bei den Ouvertüren zu Abu Hassan und zu Silvana handelt es sich um Klavierarrangements des deutschen Pianisten und Komponisten Richard Kleinmichel (1846 – 1901), dessen Klavierauszüge etwa von Wagner-Opern noch immer in Gebrauch sind. Vergessen sind seine Opern Manon und Der Pfeifer von Dusenbach, die in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts in Hamburg herauskamen. Besonders die schmissige, an Mozarts Entführung gemahnende Abu Hassan –Einleitung lohnt die Beschäftigung, sofern ein hausmusikalisches Duo flinke Finger hat. Die D’Accords nutzen ihre Fähigkeiten, um mit diesem flotten Einsteiger das Terrain zu sondieren und Stimmung zu machen. Von Umsicht und Repertoire-Engagement zeugt die Berücksichtigung einer Duo-Version des Es-Dur-Klavierkonzerts op. 32 von (Friedrich) Wilhelm Jähns, einem Berliner Komponisten, der 1873 in Leipzig auch ein chronologisches Verzeichnis der Werke Webers inklusive einer „Lebensskizze nach authentischen Quellen“ veröffentlichte. Das Duo D’Accord bemüht sich, die konzertante Ausgangssituation gegenwärtig zu halten, was allerdings in Anbetracht der Dichte des Zusammenklangs und wohl auch auf Grund des mitunter wenig ausgeprägten Orchestersatzes nicht immer gewährleistet ist.

In dieser pragmatischen Hinsicht und natürlich auch in allen Fragen der melodischen Prägnanz führt die Bearbeitung der Freischütz-Ouvertüre durch das Duo persönlich zu entschieden besserem Resultat. Da werden und bleiben die „Gestalten“ erkenntlich, da stellt sich Stimmung zwischen Düsternis und Jubel ein! Ein Stück, ein Arrangement mit hohen Zustimmungschancen beim zukünftigen Publikum, sieben Freikugeln sozusagen für jedes Duo, sofern Lucia Huang und Sebastian Euler ihre Transkription überhaupt freizugeben gedenken. Auch das mit bestem Gewissen als Weltersteinspielung bezeichnete „ Hommage à Weber“-Grand Duo von Ignaz Moscheles dürfte mit seinen drei an Anspielungen nicht armen Sätzen „ankommen“ und sicher auch bei den Duo-Kollegen und –Kolleginnen auf Interesse stoßen.

Zur diskographischen Situation im Umfeld des Weberschen Klavierschaffens sei nicht unerwähnt, dass mit dem Duo Alexander Paley und Brian Zeger zehn Weber-Ouvertüren vorliegen, die im Naxos Begleitheft als erste Veröffentlichung „in ihrer Originalfassung für Klavier zu vier Händen“ bezeichnet werden… (Naxos 8.553308).

Vergleichseinspielungen: Op. 3 und op. 10: Marrucci – Galli (Harmonia mundi HMC 32521); Op. 60: Marrucci – Galli (Harmonia mundi HMC 32521), Soós – Haag (Hungaroton HCD32492), Beyer – Dagul (Nr. 4 und 6 – Four hand music FHWD 8045.

Peter Cossé [30.10.2014]

Komponisten und Werke der Einspielung

CD 1
Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 C.M. v. Weber Abu Hassan (Bearb. für Klavier zu vier Händen; Ouvertüre) 00:03:27
2 Acht Stücke op. 60 00:33:41
10 Silvana (Bearb. für Klavier zu vier Händen; Ouvertüre) 00:06:25
11 Klavierkonzert Nr. 2 Es-Dur op. 32 (Bearb. für 2 Klaviere) 00:22:37
14 Allemande Es-Dur op. 4 Nr. 11 00:01:13
15 Allemande D-Dur op. 4 Nr. 12 00:01:26
CD 2
Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 Der Freischütz (Ouvertüre; Fssg. für zwei Klaviere Duo d'Accord) 00:08:38
2 Sechs Stücke op. 10 00:19:54
8 L. Godowsky Kontrapunktische Paraphrase über C.M. von Webers "Aufforderung zum Tanz" für 2 Klaviere (1921) 00:12:29
9 C.M. v. Weber Sechs Stücke op. 3 00:15:03
15 I. Moscheles Hommage à Weber op. 103 (Grand Duo) 00:13:33

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Duo d'Accord Klavierduo
 
93.324;4010276026976

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