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CD-Besprechung

George Flynn

Fredrik Ullén

George Flynn

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9

Klangqualität:
Klangqualität: 8

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 8

Besprechung: 14.02.08

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BIS 1593/94

2 CD • 1h 55min • 2004

Wie so oft im Bereich der heutigen Musik bleibt der Hörer ohne Kenntnis des „Beipackzettels“ auf eigene, meist irreführende Vermutungen angewiesen. Denn eine Menge an politischen, sozialen und ästhetischen Hintergrund-Aspekten prägt den Lauf der musikalischen Dinge, ja mehr noch: sie sind der Bodensatz, die initialen Momente für langwierige Erkundungen, die ohne den in Prosa abgefassten Fußnotenapparat im grauen Bereich der Un- bzw. der Halbverständlichkeit versickern. Hier freilich wird schon pianistisch gegengesteuert, wenn der famose, uneigennützige Fredrik Ullén das Heiße und Kalte, dass Plappernde und das Konkrete von George Flynns Trinity-Monster in die Wege leitet und – so scheint es mir unter Zuhilfenahme der Partitur – auf souveräne, jederzeit schillernde, pulsierende Weise zu Ende bringt.

Trinity des 75-jährigen, im Westen der USA geborenen (wo genau, verschweigt der Begleittext!) George Flynn, besteht aus den Abschnitten Kanal, Wound und Salvage, wobei „‚Wound’ die tiefen Schlussklänge von ‚Kanal’ unterbricht (…), während ‚Salvage’, dessen meditativer Schluss auf frühere Brutalitäten antwortet, erst beginnt, wenn die letzten Klänge von ‚Wound’ vollkommen verschwunden sind.“ Und weiter im Erklärungstext von Flynn höchstpersönlich: „Das Gesamtprofil von ‚Trinity’ besteht mithin aus der anfänglichen Aufstellung von ‚Kanal’ und, in tiefstem Klavierregister, seinem verlängerten Verklingen, gefolgt von den drei zusehends längeren, turbulenten Abschnitten von ‚Wound’ und dem abschließenden Auf und Ab von ‚Salvage’, das die Form von ‚Kanal’ variiert und mit drei Meditationen endet, deren letzte im höchste Klavierregister verflüchtigt. Anders gesagt: Das Klangprofil von ‚Trinity’ wird von zwei Bögen (‚Kanal’ und ‚Salvage’) gebildet, die drei ‚Stacheln’ (Wound) umgeben.“

Nun möchte man aber auch erfahren, was hinter den in einem Zeitraum von 25 Jahren entstandenen drei Titeln gewissermaßen musikpolitisch steckt. Flynn leistet Aufklärung: Kanal wurde von den gewaltsam-gelassenen Bildern aus Andrzej Wajdas gleichnamigem Film inspiriert (Gegenstand waren die Partisanen des Warschauer Aufstands 1944!). Kanal bringt die Verteidigungsbemühungen der Polen unter Nutzung des Kanalsystems, während Wound – 1968 nach (oder unter) dem Eindruck eines Klavierabends von Vladimir Horowitz – „die Gewalt in Vietnam und auf den Straßen und den Universitätsgeländen in den USA“ spiegelt. Salvage verbindet, konfrontiert Momente aus den beiden vorangegangenen Partien, erklingt, erbebt im Gedenken an Flynns Mutter und stützt sich auf Themen und Bilder aus T. S. Eliots Four Quartets und im Endstadium ist der Bezug auf die Glocken aus Dry Salvages hergestellt.

Hilfreich auf CD 2 im CD-ROM-Format sind für den musiklesekundigen die Notentexte. Sie erinnern an manches vom frühen Boulez, erhellen den ungemütlichen Verlauf von Flynns Musik, bestätigen, wie ernst es ihm ist um die auslösenden, hier knapp beschriebenen Geschehnisse. Indes: Wer nicht einige Erfahrung mit der Produktion des 20. Jahrhunderts – und da am besten aus den Jahren nach 1950 – mitbringt, der wird sich nur mürbe versorgt fühlen. Auch wenn der bereits gelobte Ullén die Finger nach allen Regeln der Avantgarde-Kunst fliegen, stochern und knallen lässt. Eine Einspielung mithin, die Geduld verlangt, eine gute Portion an Unvoreingenommenheit und – wie schon gesagt – Vertrautheit mit den musikalischen Experimenten einer ätzend-rechnerischen Autoren-Vorhut, die inzwischen ins Abseits des Konzertlebens verfügt worden ist (und etwa wie im Fall Boulez’ durch eigene, selbstbezogene ästhetische Korrekturen wieder an Nähe gewonnen hat). Flynns aufwendiges Projekt wendet sich also an ein spezialisiertes Publikum oder an eine kaum näher bestimmbare Klientel, die ein Gespür für den kommenden Kultstatus eines schöpferischen Menschen hat, der es an Gedankenreichtum im Theoretischen und Unbequemlichkeit im Akustischen nicht fehlen lässt.

Peter Cossé [14.02.2008]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 G. Flynn Trinity

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Fredrik Ullén Klavier
 
1593/94;7318591593942

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