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SACD-Besprechung

Tacet S 157

1 SACD • 57min • 2006

27.08.2007

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 7
Klangqualität:
Klangqualität: 3
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 5

Bei dieser Produktion handelt es sich um eine eigenartige Schimäre: Produzent und Tonmeister Andreas Spreer hat ein Aufnahme- und Abbildungs-Verfahren entwickelt, das er “Tacet Real Surround Sound” nennt. Er ist der Meinung, es sei nicht das Entscheidende für den Hörer einer CD, den Eindruck zu erwecken, er befände sich im Konzertsaal, denn so “sei die SACD nicht richtig genutzt”. Spreer ordnet daher im 5.1 Surround-Modus die Instrumentengruppen eines Orchesters kreisförmig um den Zuhörer an, und zwar auf sehr eigenartig-unnatürliche Weise: Halbkreisförmig vorne sitzen (in der Reihenfolge von links nach rechts) Fagotte, Klarinetten, Oboen und Flöten, links hinten Horn 2, rechts hinten Horn 1, in der Mitte hinten die Pauken, sodann halbkreisförmig hinter dem Hörer erste Geigen, Bratschen, Bässe, Celli und zweite Geigen, hinten links die erste Trompete, hinten rechts die zweite. Die Hörprobe im Surround-Modus ergab, daß man zwar auf diese Art tatsächlich die einzelnen Stimmen weitaus differenzierter wahrnimmt (nicht zuletzt auch, weil sie aus ungewohnt neuer Richtung kommen). Doch leider hat dies nichts mit den räumlichen Wirkungen zu tun, mit denen Beethoven für seine Werke gerechnet hat. Absolut befremdlich ist beispielsweise, daß die vier Blasinstrumente, die Beethoven bewußt paarweise instrumentiert hat, aus vier verschiedenen Ecken kommen, was musikalisch keinen Sinn ergibt. Das Ergebnis ist im 5.1 Modus also sehr artifiziell, denn das Orchester hat bei der Aufnahme wohl kaum so gesessen wie im Surround Sound zu hören; die Aufnahme wurde mit zwei Mikrofonen gemacht, so daß die gesamte Kanalbelegung am Mischpult ausgetüftelt wurde. Ich kann mir nicht helfen – bei einem solchen Verfahren muß ich an das berühmte Bild jener Laborratte denken, auf der man zu Versuchszwecken ein menschliches Ohr wachsen ließ. Schlimmer noch: Eine solche neue Klang-Ästhetik verzieht den CD-Konsumenten daheim, desensibilisiert ihn für die differenzierte Wahrnehmung der Klangwirkung von Orchestern in Konzerträumen.

Schon Leopold Stokowski hatte 1967 herausgestellt: “Ein sehr einfacher Sachverhalt wird seltsamerweise meist übersehen: Jedes Instrument im Orchester strahlt den Klang in eine bestimmte Richtung ab. (...) Meines Erachtens sollten wir die Spieler und Instrumente so auf dem Podium aufstellen, daß der Klang zu den Hörern im Raum geworfen wird, denn Konzerte sind für die Zuhörer und nicht für uns. (...) Nicht nur in der Musik, sondern überall im Leben gibt es die närrische Einstellung, neuen Ideen zu widerstehen. In dem Augenblick, wo jemand mit einer neuen Idee daherkommt, gibt es immer wieder Leute, die etwas dagegen haben, nicht, weil die Idee nicht gut ist, sondern weil sie neu ist. Dabei ist es schlicht ein Gebot der Achtsamkeit, die Spieler und ihre Instrumente so auf der Bühne zu plazieren, daß der Ton der Instrumente zu den Zuhörern abgestrahlt wird und erst auf dem Weg dorthin in der Luft miteinander verschmilzt.” (aus: Innovations: Acoustics and Seating, in: The American Symphony Orchestra, hg. von H. Swoboda, New York 1967, S. 115ff.) Eine solche Räumlichkeit des Klanges läßt sich aber ohne weiteres auch im 5.1 Modus abbilden. Man stelle sich von oben ein Orchester folgender Aufstellung vor: Halbkreisförmig um den Dirigenten von links nach rechts erste Violinen, Bratschen, Celli, zweite Violinen, dahinter mittig Flöten, Oboen, dahinter Klarinetten und Fagotte, auf der linken Seite hinter den Violen die Hörner, rechts hinten die Trompeten, Pauken und Posaunen, die Kontrabässe in einer Reihe hinter den Holzbläsern. Nun stelle man sich eine Kunstkopf-Aufnahme vor, bei der die Mikrophone etwa da positioniert werden, wo die ersten Pulte der Bratschen und Celli zusammenstoßen, und bilde den Klang genauso kreisförmig ab (also etwa aus der Position des Dirigenten, der allerdings etwas weiter in das Orchester hinein geschoben wird). Dann hätte man ebenfalls alle Kanäle belegt, doch auf eine weitaus natürlichere Weise als durch das Verfahren von Spreer vorgeschlagen.

Die SACD bietet für die Aufnahme räumlich konzipierter Musik an sich wunderbare Möglichkeiten, die auch vom Repertoire her (wann gibt es endlich Stockhausens Gruppen auf SACD?) noch nicht ausgeschöpft sind – ob nun das Verdi-Requiem mit seinen Ferntrompeten, mehrchörige Gabrieli-Canzonen, die gothische Sinfonie von Havergal Brian, Mahlers Achte, Brittens War Requiem, Vaughan Williams’ Tallis-Fantasie, Kammermusik zwischen Quartett und Nonett oder Vokalmusik mit Solisten, Chor und Orchester. Klassische bzw. romantische Orchestermusik wurde jedoch von ihren Komponisten für eine bestimmte räumliche Wirkung in Bezug auf das Publikum disponiert und geht im Wesentlichen von Konzertsälen aus, in denen die Zuschauer dem Orchester gegenüber sitzen. Die Partituren sind so konzipiert, das die Instrumentierung der Abstrahlung in den Raum Rechnung trägt, wodurch Klänge erzeugt werden, mit denen die Komponisten ausdrücklich rechneten. Von daher entzieht sich besonders der Bereich der Sinfonik des 19. Jahrhunderts weitgehend dem Surround-Sound – es sei denn, man greift auf die von mir eben beschriebene Methode zurück oder auf die weit verbreitete Variante, die beiden hinteren Kanäle weitgehend leer zu lassen oder dort lediglich die Saal-Resonanz abzubilden. Natürlich hat Andreas Spreer jedes Recht, eine eigene Aufnahmetechnik als Ausdruck eigener künstlerischer Ästhetik zu verstehen und anzuwenden – im Zeitalter des unendlich manipulierbar gewordenen Klangs empfinde ich das allerdings als das Non-plus-ultra des Fortschritts-Wahns, die Frucht einer Denkweise, wonach man heutzutage Musikliebhaber nicht mehr anders als mit immer neuen technischen Gimmicks interessieren könnte.

Vor diesem Hintergrund wird für mich die künstlerische Leistung der Beteiligten fast nachrangig. Vom Musizieren des Dirigenten und seines Orchesters blieb im Hinblick auf den Ausdruck bei mir nichts in Erinnerung, was mir sonderlich unter die Haut geht. Die SACD-Produktionen der Beethoven-Sinfonien mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen unter Järvi haben beispielsweise in jeder Hinsicht weit mehr zu bieten (Sinfonien Nr. 3 & 8: Sony RCA BMG SACD Nr. 82676 845182; Nr. 4 & 7: SACD Nr. 88697 129332). Als Vergleich bietet sich auch die intensiv musizierte, wenn auch bezüglich der Tempi nicht ganz so geistreiche Aufnahme derselben Sinfonien mit dem Kammerorchester Basel unter Giovanni Antonini an (Oehms SACD OC 605). Man höre, wie schön die Basler Streicher die Töne in der Einleitung der ersten Sinfonie mit fast keinem Vibrato, doch mit warmem Klang zum Blühen bringen, wo die Kollegen aus Sopot mit weitaus mehr Vibrato nicht viel mehr als saubere, schöne, doch wenig beseelte Töne erzeugen.

Im Stereo-Modus ist diese Tacet-Produktion weitaus überzeugender als im Surround-Sound – die Anordnung der Instrumente macht dabei den Eindruck einer konventionellen Orchesteraufstellung. Doch auch dieses Klangbild ist nicht ohne Manko: Man hört zwar die räumlich getrennten Violinen ebenso gut wie die Bässe, jedoch so gut wie nichts dazwischen. Namentlich die Bratschen und Celli sind in stereo allenfalls ahnbar, der stets leicht vibrierende Streicherklang wirkt räumlich kaum differenziert, wird von den Holzbläsern mitunter fast zugedeckt. Die hallige Akustik der Stella Maris-Kirche in Sopot deckt bei abrupten dynamischen Veränderungen zum piano hin so manches zu. Der Gesamtklang des Orchesters ist ausgesprochen eng und scharf, die Pauken recht dumpf, die vier Blechbläser sehr dominant in den Tutti. Die Intonation der Bläser ist gelegentlich leicht eingetrübt. Rajski läßt zackig und knackig musizieren und hat sich hörbar mit Detailfragen zur Aufführungspraxis befaßt (Stopftöne bei Hörnern; beredte Phrasierung; Tempi; Tempo-Relationen; weitgehendes non sostenuto-Spiel der Streicher), doch stellt sich immer wieder auch der Eindruck einer gewissen Verbissenheit ein, zum Beispiel durch die wenig differenzierten Sforzati. Den Leser des Booklets hätte vielleicht auch interessiert, ob die Bärenreiter-Urtextausgabe von Jonathan Del Mar verwendet wurde.

Dr. Benjamin G. Cohrs [27.08.2007]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Ludwig van Beethoven
1Sinfonie Nr. 1 C-Dur op. 21 00:24:58
5Sinfonie Nr. 2 D-Dur op. 36 00:31:48

Interpreten der Einspielung

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