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CD-Besprechung

Giuseppe Verdi: Messa da Requiem für Soli, Chor und Orchester

Glor Classics 1 DVD-Video 162207

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 6

Klangqualität:
Klangqualität: 9

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 7

Besprechung: 18.04.07

Glor Classics 162207

1 DVD-Video • 2h 04min • 2006

Das Youth Orchestra of the Americas findet seit einigen Jahren internationale Unterstützung durch zahlreiche Prominente der Upper Class; eine der attraktiven Möglichkeiten des Sponsoring beinhaltet z.B. die direkte Unterstützung eines der Orchestermusiker mit einem Stipendium von 10.000 Dollar. Hier erhalten hochbegabte Musikerinnen und Musiker unter 26 Jahren aus allen möglichen amerikanischen Ländern zwischen Alaska und Feuerland die Möglichkeit, in den Sommerferien mit renommierten Dirigenten ambitionierte Programme zu erarbeiten und anschließend auf Tournee zu gehen. Einer der Mit-Initiatoren, Dirigenten und künstlerischer Berater ist Star-Tenor Plácido Domingo. Er dirigiert auch auf der ersten professionellen Produktion des Orchesters überhaupt, einem Live-Mitschnitt des Verdi-Requiems vom 6. August 2006 aus dem Münchner Gasteig. Die Europa Chor Akademie, ein aus einem Pool von europäischen Sängerinnen und Sängern unter 30 projektweise zusammengestellter Chor, ist dem Orchester ein sicher agierender Partner mit weiter Dynamik und flexibler Diktion. Allerdings hätte man sich insgesamt mehr Farbreichtum und bei den Sopranen gegen Ende (Libera) auch eine bessere Intonation gewünscht.

Gut gelöst wurde die heikle Balance zwischen Chor und Orchester: Selbst bei besonders problematischen Stellen wie dem Tuba Mirum-Einsatz der Bässe gegen das volle Blech hört man den Chor satt durch – was nicht oft der Fall ist. Das Solisten-Quartett war im Timbre insgesamt gut aufeinander abgestimmt: Der warme, plastische Mezzo von Fredrika Brillembourg und ein rabenschwarzer, fülliger Bass wurden den Partien des Werkes gerecht – den jungen Bassisten Ildar Abdrazákov wird man sich merken müssen, eine solche Stimme war wohl seit Nicolai Ghiaurov und Kim Borg nicht auf den Podien zu hören. Abstriche sind bei Marco Berti zu machen, ein strahlend-voller, doch im forte gelegentlich forcierender, metallisch anschlagender Tenor (Anfang des Ingemisco!) – auch wenn es zugegebenermaßen für ihn sicher alles andere als leicht war, eine solche Partie ausgerechnet dirigiert von einem der größten Tenöre unserer Zeit zu singen. Und Cristina Gallardo-Domãs gestaltete ihre Partie mit einem derartig unerträglich wuchtigen Wummern und Wimmern, daß sie schließlich im Libera die Grenzen ihrer stimmlichen Möglichkeiten erreichte. Das ungemein durchschlagene Vibrato und stark übertriebene Portamento des Quartetts wirkt auf die Dauer ausgesprochen langweilig und geht mitunter sogar zu Lasten der Text-Verständlichkeit.

Domingo zeigte sich zwar schon in den kurzen Proben-Ausschnitten als Dirigent, der genau weiß, was er will. Doch seine Schlagtechnik ließ immer wieder an Deutlichkeit und Souveränität zu wünschen übrig. Da half auch nicht die Flucht in die „große Geste“: Man schaue sich nur einmal das theatralische Zittern von Domingos Händen in der heiklen Echo-Trompetenstelle zu Beginn des Tuba mirum an, wo wohl doch eigentlich ein präziser Schlag mit klaren, leichten Impulsen gefordert wäre. Gut, daß die Trompeter anscheinend schlicht durchzählten…

Insgesamt gab es wenig Rubato; Domingo neigte eher dazu, straff durchzumusizieren, insbesondere bei den Tutti-Passagen. In den Ensembles, allein mit den Solisten, fühlte er sich merklich wohler und ließ freier musizieren, doch wirkte er insgesamt über weite Strecken seltsam unberührt. Schon durch das Dies Irae (Anfang Tr. 3) hetzte Domingo, ebenso durch die Sanctus- und die Libera-Fuge. Befremdlich auch das zügige Anfangstempo des Domine, das in dem Proben-Ausschnitt ruhiger und stimmungsvoller wirkte. Das „Bekenntnishafte“ des Werkes wurde in dieser Aufführung leider nicht in einem großen, stimmigen Spannungsbogen entfaltet.

Insgesamt empfand ich die Aufführung als Wechselbad anrührend-freier und nüchtern-bemühter Stellen, was wohl im wesentlichen auf Domingo selbst zurückgeht. Ob ihm eigentlich bewußt war, daß Solisten, Chor und Orchester ihn hier regelrecht auf Händen getragen haben? Insbesondere das Youth Orchestra of the Americas ging souverän an die Arbeit und folgte seinem Dirigenten durch Himmel und Hölle – eine mehr als beeindruckende Visitenkarte: Differenziertes Streicherspiel, delikat-seidige Holzbläser und ein auf den Punkt musizierendes, für amerikanische Verhältnisse erstaunlich schlank wirkendes Blech. So lebt denn dieser Live-Mitschnitt vor allem durch das große Engagement der hier versammelten jungen Musikerinnen und Musiker aus ganz Europa und Amerika.

Die DVD ist übersichtlich gestaltet; zusätzlich zu dem Konzert gibt es ein zwanzigminütiges Feature über das Projekt sowie drei kurze Bonus-Tracks. Bei dem häufigen, fast holzschnittartigen Einstellungswechsel zwischen Chor- und Orchester-Gruppen und Dirigent scheinen einige Zuschnitte von Domingos Dirigieren nicht immer zu der Musik zu passen, die gerade erklingt. Besonders deutlich wird dies zweimal in dem a-cappella-Teil Te decet hymnus (Tr. 2, ca. ab 4’12). Eigenartig, daß gerade bei manch heiklen Übergängen, wo man gerne sehen würde, wie Domingo sie dirigentisch löst, öfter Chor oder Orchester zu sehen sind und nicht er – auch wenn derlei dem musikinteressierten Laien kaum auffallen dürfte.

Gerade bei einer für das Orchester so wichtigen Debüt-Produktion hätte man vielleicht doch ein wenig sorgfältiger arbeiten und nicht an der Ausstattung sparen sollen: Auf ein detailliertes Booklet wurde verzichtet; es gibt lediglich einen blumigen Promotion-Text, in dem unbegreiflicherweise nicht einmal ein Hinweis auf die Homepage des Orchesters Platz fand. Hingewiesen sei schließlich darauf, daß immerhin knapp zehn Minuten der Gesamtspielzeit den in voller Länge mitgeschnittenen Vor- und Schluß-Applaus enthalten (Tr. 1 und 21).

Meine uneingeschränkte Bewunderung gebührt freilich der Tontechnik, die angesichts des akustisch problematischen Münchner Gasteigs Erstaunliches in puncto Räumlichkeit und Natürlichkeit der Klang-Abbildung durch das Medium leistete.

Dr. Benjamin G. Cohrs [18.04.2007]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 G. Verdi Messa da Requiem für Soli, Chor und Orchester

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Cristina Gallardo-Domâs Sopran
Fredrika Brillemburg Mezzosopran
Marco Berti Tenor
Ildar Abdrazakov Bass
EuropaChorAkademie Chor
Youth Orchestra of the Americas Orchester
Plácido Domingo Dirigent
 
162207;0693723622071

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