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CD-Besprechung

Lieder zu Advent und Weihnachten
Improvisationen an der Mühleisen-Orgel der Stuttgarter Stiftskirche

Lieder zu Advent und Weihnachten<br />Improvisationen an der Mühleisen-Orgel der Stuttgarter Stiftskirche

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8

Klangqualität:
Klangqualität: 9

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 8

Besprechung: 27.12.05

Carus 83.179

1 CD • 52min • 2005

„Dem höchsten Gott allein zu Ehren, dem Nechsten draus sich zu belehren“ überschrieb der Köthener Kapellmeister Johann Sebastian Bach sein Orgelbüchlein, das er als Sammlung ausgeführter Kompositionen über ein Leben respektabler Dauer nie in der ursprünglich intendierten Form fertig stellte. Kleine, knappe Formen haben es in sich, was für Improvisationen in besonderer, für solche, die auf Medien festgehalten sind, in dramatischer Weise gilt. Beschränkt sich die Erscheinung des Musizierens ex improviso in konzertanter Umgebung auf ein einmaliges, oft rauschhaft erfahrenes Erlebnis, so gestattet der Speicher dem Hörer einen konsequent analytischen Zugriff, dem Improvisationen nur allzuleicht nicht gerecht werden. Vorwürfe des „Auswalzens“ sinnleerer Einfälle oder der „Geschwätzigkeit“ deuten an, dass unser Musikwesen mit jener bis heute zentralen Tätigkeit eines Organisten 'so seine Schwierigkeiten' hat.

Kay Johannsen legt nun eine im Oktober 2005 auf der neuen Orgel der Stuttgarter Stiftskirche entstandene CD mit gut zwei Dutzend Improvisationen über adventlich-weihnachtliche Cantiones und geistliche Volkslieder vor, darunter auch einige der heute nicht unbedenklich populären Weisen. Die primär neoromantische Ausrichtung des Instrumentes legt gemeinsam mit den improvisatorischen Vorlieben Johannsens den auch tatsächlich gewählten Weg der musikalischen Gestaltung fest, um die man sich aber außerordentlich bemüht zu haben scheint, denn Kay Johannsen und sein Tonmeister Wolfgang Mittermaier investierten vier Tage in die Aufnahme, die im Übrigen allem Anschein nach auch nicht gänzlich ohne Schnitte auskam.

Johannsen bedient sich in seinem der Weihnachtsgeschichte folgenden Programm zwar einer durchaus interessanten Formenvielfalt zwischen der Pastorale und der Vielle, der Musette und dem Trio, dennoch weisen alle diese Formen, veranlasst durch Johannsens Bearbeitungs- und Registrierungsweise sowie den Klang seines Instrumentes in eine neoromantisch gefärbte Orgelwelt, wie man sie von musikalisch engagierten Organisten in England, den USA oder aber solchen einer bestimmten Szene in Frankreich kennt. Johannsen trifft mit seinen programmmusikalischen, textdeutenden und prägnanten Improvisationen den Nerv auch anspruchsvollerer Hörer, wozu sicher auch die wohltuende Knappheit seiner Improvisationen beiträgt. Sie rührt daher, dass Johannsen durchwegs dem versmäßigen Ablauf der Cantiones folgt, die er nur in zwei sehr populären Fällen ein wenig antastet, wohl um die einschlägige Last von den Weisen zu nehmen. In einer dieser Liedbearbeitungen erscheint dann quasi als „Kontrapunkt“ ein weiteres sehr populäres "Weynacht=Lied", was aber leider ohne klassische kontrapunktische Arbeit abgeht, die mir im Bestand von immerhin 25 Bearbeitungen umso mehr fehlt, als sich viele für die kontrapunktische Gestaltung anböten, am ehemaligen Wirkungsort des alten schwäbischen Kontrapunktikers Johann Ulrich Steigleder allemal. Johannsen zieht es vor, zu malen, was sicher auch der Mehrzahl potenzieller Hörer entgegenkommt, zumal Johannsen und „sein“ Instrument eins sind. Die Registrierungen faszinieren auch den, der sich von klanglichen Moden in Orgelbau und Orgelmusik nie überzeugt sah. Johannsen entwickelt jene Registrierungen als Fond seiner Klangbilder immer am motivischen Material und den textlichen Aussagen des Liedgutes entlang, was sich dem Hörer auch ohne akademische Analysen erschließt. Die Gefahr des Erreichens geschmacklicher Grenzen sieht Johannsen bewusst, überschreitet diese daher nie; selbst die Assoziation einer Schlittenfahrt bei "Ihr Kinderlein kommet" wird vom – nicht eine Sekunde gelangweilten – Hörer nicht als Untiefe empfunden. Die faszinierend eingesetzte – und nebenbei einmal musikalisch großartig, nämlich „sachdienlich“ aufgenommene – Chamade in Lobt Gott ihr Christen alle gleich verdient eigene Erwähnung.

Nachdem sich die gesamte Produktion auch noch gut anhören lässt, ein schön bebildertes (darunter der Kirchenraum!), mit aussagefähigen Texten versehenes Büchlein beiliegt (Orgel und Orgelgeschichte der Stiftskirche, Musik, Disposition und Registrierungen, Vita Johannsens), ergeht nicht nur an Liebhaber „von dergleichen Arbeit“, sondern auch an jeden, den die kulturelle Größe der evangelischen oder landessprachlichen Cantio anspricht, eine Empfehlung zugunsten dieser CD, die andererseits auch denjenigen anzurühren vermag, der einer bach-gesättigten Festlichkeit distanziert gegenübersteht. Warum allerdings im sichtlich allein auf den deutschen Markt hin konzipierten Beiheft unter (fehlerhaftem) englischem Datum vom „Sound enineer“ „recorded“ werden musste, bleibt selbst dem Halbamerikaner unklar...

Nachdem Improvisationen sehr stark von geschmacklichen Prämissen abhängig sind, verzichte ich auf eine „Bewertung“ der durchwegs großartigen Arbeit Johannsens, weil sie außerhalb „meiner Heimaten“ angesiedelt ist, und mir daher ein Beckmessern nicht zusteht. Ich räume ein, der CD mit großer Reserviertheit entgegengesehen zu haben, aber eines – überdies schlicht unerwartet kurzweiligen – Besseren belehrt worden zu sein. Improvisationen können eben nicht nur in Konzerten Freude bereiten.

Thomas Melidor [27.12.2005]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 Trad. Macht hoch die Tür
2 Nun komm, der Heiden Heiland
3 Ihr lieben Christen, freut euch nun
4 O Heiland, reiß die Himmel auf
5 Es kommt ein Schiff, geladen
6 O komm, o komm, du Morgenstern
7 Wie soll ich dich empfangen
8 Die Nacht ist vorgedrungen
9 Tochter Zion, freue dich
10 Vom Himmel hoch, da komm ich her
11 Es ist ein Ros' entsprungen
12 Komt und laßt uns Christus ehren
13 Brich an, du schönes Morgenlicht
14 Lobt Gott, ihr Christen alle gleich
15 Gelobet seist du, Jesu Christ
16 Nun singet und seid froh
17 Zu Bethlehem geboren
18 Kommet, ihr Hirten
19 Herbei, o ihr Gläubigen
20 Ihr Kinderlein, kommet
21 Ich steh an deiner Krippen hier
22 Fröhlich soll mein Herze springen
23 Hört der Engel helle Lieder
24 Stille Nacht, heilige Nacht
25 O du fröhliche

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Kay Johannsen Orgel
 
83.179;4009350831797

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