Hungaroton HCD 32307
1 CD • 60min • 2003
11.05.2005
Künstlerische Qualität:
Klangqualität:
Gesamteindruck:
In einer fast spektakulären Weise häufen sich in letzter Zeit die Konzertankündigungen und CD-Einspielungen mit Rachmaninoffs "Großem Abend- und Morgenlob", wie der Untertitel zu seiner großen Vespermusik Opus 37 lautet. Damit scheint sich Rachmaninoffs Beitrag zu einer Erneuerung geistlicher Andachtsformen aus dem historisierenden Geist des beginnenden 20. Jahrhunderts allmählich für den gottesdienstlichen Gebrauch zu öffnen. Denn obwohl Aufführungen dieses Meisterwerks der Kirchenmusik, entstanden in den Weltkriegstagen des Jahres 1915, durch das Festhalten der orthodoxen Geistlichkeit an den altüberlieferten Gesangsformen bis heute auf außerkirchliche Konzertveranstaltungen angewiesen ist, gewinnt seine religiöse Wirkung in der Gegenwart des beginnenden 21. Jahrhunderts unter dem Aspekt der Ökumene und Suche nach vertiefenden Glaubensinhalten zunehmend an Bedeutung. Inzwischen gibt es kaum ein Land in Ost und West, deren Spitzenchöre sich mit Rachmaninoffs Vesper nicht intensiv beschäftigt haben. Dazu gehört sogar der Chor des Päpstlichen Russischen Collegs in Rom.
Hier ist jedoch eine Neuerscheinung aus Ungarn mit dem Budapest Tomkins Vocal Ensemble unter der Leitung von János Dobra anzuzeigen und zugleich zu empfehlen. Es ist die Begegnung mit einer vorzüglichen Chorgemeinschaft in kammermusikalischer Größenordnung (13 Damen, 10 Herren), der es gelingt, so mancher Vergleichsaufnahme unter den gegenwärtig angebotenen rund zehn Fassungen aus Russland, Bulgarien, Schweden, England, Amerika, Frankreich und Deutschland den Rang abzulaufen. Als bemerkenswerter Vorzug erweist sich in diesem besonderen Falle der Live-Mitschnitt einer konzertanten Aufführung in der Budapester St.-Stephans-Basilika vom Dezember 2003. Diese Aufnahme strömt unter spürbarer Einbeziehung eines andächtig lauschenden Publikums eine ungewöhnlich konzentrierte, ja, innige Stimmung aus. Sie gewinnt ihre Lebendigkeit durchaus auch aus den geringen, unvermeidlichen Raumgeräuschen. Letztlich erweist sich aber die weltentrückende Hallflut der Kirchenarchitektur ausnahmsweise einmal als eine willkommene Dienerin am Werk.
Natürlich wird russisch-altslawisch gesungen, wie ganz generell der Charakter dieser fünfzehnteiligen Komposition keine andere Lösung des Sprachklanges erlaubt (und auch nicht üblich ist). Das Beiheft enthält neben dem kyrillischen Originaltext eine ungarische und englische Version, jedoch ist für die deutschsprachigen Zuhörer in den begleitenden Werkerläuterungen eine ideale Kompromißlösung zum vertiefenden Verständnis der liturgischen Rituale und Zusammenhänge gefunden worden. So sind die originalen Textanfänge der einzelnen Werkteile in phonetischer Schriftumsetzung mit Übersetzungshilfe auch für das klangliche Geschehen ein wichtiges, akustisch nachvollziehbares Verständigungsmittel. Damit stehen für ein Nacherleben dieser ursprünglich klösterlichen Versenkung in die nächtlichen Stundengebete (Vigilien) vor besonderen Sonn- und Feiertagen von der Vesperandacht bis zur Matutin, vom Abend bis zum Sonnenaufgang, buchstäblich alle Kirchentüren offen. Beifall ist daher rundum angezeigt, wenn er auch zum Schluß dieses CD-"Konzertes" als lautstarkes Klatschen die Meditation allzu abrupt beendet.
Nachbemerkung: Im Bielefelder Katalog Klassik, Ausgabe 1/2005, ist das Werk im alphabetischen Titelverzeichnis unter „W“ zu finden, „Wsenoschtschnaja op. 37“. Im Beiheft zur vorliegenden Hungaroton-CD wird der kyrillische Originaltitel phonetisch „Vsenoshchnoye“ umgeschrieben.
Dr. Gerhard Pätzig [11.05.2005]
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Komponisten und Werke der Einspielung
Tr. | Komponist/Werk | hh:mm:ss |
---|---|---|
CD/SACD 1 | ||
Sergej Rachmaninow | ||
1 | Vesper op. 37 (Vesper; Das große Abend- und Morgenlob und russische Volksmusik) |
Interpreten der Einspielung
- Budapest Tómkins Vocal Ensemble (Chor)
- János Dobra (Dirigent)