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CD-Besprechung

John Foulds

Daniel Hope

John Foulds

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8

Klangqualität:
Klangqualität: 8

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 7

Besprechung: 11.10.04

Warner Classics 2564 61525-2

1 CD • 78min • 2004

Am Ende des exzellenten Streifens Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen ruft ein afrikanischer Schamane den vermeintlich toten Quatermain (Sean Connery) ins Leben zurück. Die Spannung steigt ins schier Unermeßliche, jeden Moment muß sich eine geballte Faust aus dem Grabhügel emporrecken – und just an dieser Stelle endet der Film.

Unwillkürlich mußte ich an diese gelungene Klimax denken, als ich den Anfang des Violinkonzerts Apotheosis hörte, das der britische Komponist John Foulds 1909 abschloß. Denn ungeachtet aller historischen incorrectness scheint der erste Takt dieser bewegenden Elegie genau dort zu beginnen, wo der Film endete: Ein kraftvoller Schlag, und dann meldet sich das Solo zu Worte, das nun freilich nicht die afrikanische Sagenfigur, sondern den großen Joseph Joachim auferstehen läßt. Foulds bringt es fertig, eine Solokadenz zu schreiben, die uns – offenbar aus der direkten Erinnerung an ein persönliches Konzerterlebnis – die ganze Romantik des 1907 verstorbenen k.k-Geigers und Pädagogen vor Ohren führt, und das mit einer solchen musikalischen Schamanenkunst, daß wohl kein moderner Interpret den Tonfall wird verfehlen können: Die Drehungen und Wendungen der Violinstimme führen unmittelbar zurück zu den inspirierten Ferienmonaten, in denen Brahms seine schönsten geigerischen Einfälle zu Papier brachte, und aus diesem Geist der Sommerfrische steigt tatsächlich auch sein langjähriger Freund Joachim empor ...

Dieses Music-Poem Nr. 4 von John Foulds ist eines der eindrucksvollsten Werke des vorliegenden Programms, das den Hörer ungeachtet der einen oder andern Durststrecke mit einem Komponisten bekannt macht, der – obwohl er mit Salonstücken und anderer light music sein Brot verdiente – stets nach „Höherem” strebte und auf diesem Weg einige sehr bemerkenswerte Dinge geschaffen hat, beispielsweise die Konzertoper The Vision of Dante oder das World Requiem, das von 1923 bis 1926 in der Royal Albert Hall zum Jahrestag des Waffenstillstands aufgeführt wurde.

Foulds muß über ein immenses Sensorium verfügt haben. Keltisches gelangte nicht nur in seine unterhaltenden Piècen, sondern auf wundersamen Wegen auch in die „seriösen” Partituren, Einflüsse aus den verschiedensten Kulturkreisen schienen sich förmlich über seinem Haupt zu sammeln, und so war es letztlich nur konsequent, daß er endlich auch Indien für sich entdeckte (praktisch genug, denn der Subkontinent „gehörte” damals noch dem United Kingdom). Unser Komponist hat sich aber augenscheinlich ernsthaft mit dieser fremden Welt beschäftigt und sich derselben nicht im Stile jener hochnäsigen mem-sahibs oder prunkvollen cornels genähert, die die Anhänger der Göttin Kali so gern in ihren Wäldern meuchelten.

Das Ergebnis dieser konkreten Feldforschungen ist beachtlich. Seit dem Beginn der zwanziger Jahre befaßte er sich mit einem gigantischen Sanskrit-Opernprojekt namens Avatara (= Herabsteigen der Götter), von dem schließlich die drei Vorspiele übrigblieben, die er unter dem Titel Drei Mantras aus Avatara zu einer sinfonischen Einheit zusammenfügte. Und die hat es wirklich in sich. Mal scheint es, als begegnete man dem jungen Olivier Messiaen auf der Suche nach den grundlegenden Ideen zu seiner Turangalîla-Sinfonie, dann wieder mengt sich Alexander Scriabin ins Geschehen; ein Schimmer des Neptun von Gustav Holst zuckt durch den zweiten, mit Chor erweiterten Satz – und am Ende steigert sich alles in einem „Poème de l’extase”, das auf seine Weise die Unternehmungen des russischen Mystikers nur bestätigt.

Weniger beglückend empfinde ich die zwei Sätze der Lyra celtica, eines Konzertes für Sopran und Orchester, das zwar einige unerwartete Kontakte zwischen den Welten der Kelten und der Inder beschert, auf die Dauer aber doch ein wenig nervtötend wirkt, weil ein gewisses Mitleid mit der Sängerin aufkommt, deren Rachen vor lauter Vokalisen allmählich austrocknet. Auch das fünfte Music-Poem mit dem Titel Mirage dauert, wie ich es höre, in seiner philosophischen Bewältigung des menschlichen Strebens und Versagens ein paar Minuten länger als nötig. Doch insgesamt lohnt sich die Begegnung allemal, denn offenkundig haben wir hier ein „fehlendes Bindeglied” vor uns, einen Komponisten, der sich nahtlos in das Gefüge der jugendstilistisch-symbolistischen Strömungen seiner Zeit einfügt und zweifellos einige Nuancen mitbringt, die eine Lücke zwischen Holst, Delius, Schreker, Zemlinsky, Skrjabin und ähnlichen Klangkünstlern schließen und zugleich einen deutlich zukunftsweisenden Akzent setzen.

Rasmus van Rijn [11.10.2004]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 J. Foulds Three Mantras op. 61b (aus Avatara)
2 Lyra Celtica – Konzert op. 50 für Stimme und Orchester
3 Apotheosis op. 18 für Violine und Orchester (Elegy, Music-Poem Nr. 4)
4 Mirage op. 20 für Orchester (Music-Poem Nr. 5)

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Susan Bickley Mezzosopran
Daniel Hope Violine
City of Birmingham Symphony Youth Choir Chor
City of Birmingham Symphony Orchestra Orchester
Sakari Oramo Dirigent
 
2564 61525-2;0825646152520

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