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CD-Besprechung

harmonia mundi HMC 905260

1 CD • 74min • 2002

30.06.2004

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 8
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 8

Nach „Gastspielen“ bei Naxos, Sony und Koch, nach einer Quasi-Eigenproduktion der Bachschen Goldberg-Variationen ist der österreichische Pianist Stefan Vladar bei harmonia mundi gelandet. Keine schlechte Adresse für medial heimatlose Pianisten im mittleren Alter. Und wie es sich nicht nur seit Neuestem zeigt: das Label bekundet auch Interesse am begabten, virtuosen Nachwuchs, wie er Jahr für Jahr von den führenden Wettbewerben in die Welt geschickt, zuweilen auch katapultiert wird. Ich verweise hier nur auf die jüngste harmonia mundi-Publikation mit Olga Kern, der Gewinnerin des Van Cliburn-Wettbewerbs im texanischen Fort Worth (Rachmaninoff, HMU 907336).

Vladar war in seinen jungen Jahren als Beethoven- und Mozart-Interpret unterwegs, auch als Schubert- und Schumann-Spieler. Ich kann mich nicht an Chopin-Interpretationen erinnern. Es scheint also, er habe sich die hier dokumentierten Balladen und Préludes in letzter Zeit erarbeitet – sozusagen als ein Projekt für seine künstlerische Gegenwärtigkeit, unter Nutzung seiner Erfahrungen als Pianist, als denkender, suchender Musiker in den verschiedensten Funktionen bis hin zum Festivaldirektor. Vieles an Glück und an Misserfolgen auf dem Weg eines überraschten Wiener Beethoven-Wettbewerbs-Sieger bis hin zum reifen, aussagestarken Interpreten scheint in die schillernde, assoziative, aber auch messerscharf „gebaute“ Welt der Chopin-Balladen und -Präludien eingeflossen zu sein. Besonders die Sammlung op. 28 kündet in der Handhabe Vladars von genauer, unbeeinflusster Textanalyse. Nicht verwunderlich ist es, dass der Pianist unter diesen Umständen gelegentlich zu völlig eigenen Schlussfolgerungen gelangt, was Zeitmaß, dynamische Gewichtverteilung, ja sogar die atmosphärische Akzentuierung einer Miniatur betrifft (siehe op. 28 Nr. 14!).

Wenn man bedenkt, dass die österreichischen Pianistinnen und Pianisten nur in Ausnahmefällen mit Chopin-Interpretationen zu reüssieren wussten, dann darf man Vladars mutige, manuell untadelige, in vielen Passagen begeisternde Leistung als durchaus innovatorisches Projekt begrüßen. Ingrid Haeblers frühe Vox-Aufnahme der 21 Nocturnes, ihre späte, ausgezirkelte Philips-Version der Walzer, Guldas lebensarme, hölzerne Versuche mit dem e-Moll-Konzert und mit einigen Charakterstücken bis hin zu den späten Sentimentalverfehlungen (Berceuse!), Brendels fremdsprachige Übungen mit den Polonaisen – dies alles und manches mehr mit Badura-Skoda, Demus und Buchbinder wirkte und wirkt noch immer, als hätten sich die Autoritäten der Wiener Klassik mit starken Selbstzweifeln auf fremdes Terrain begeben. Vladar nun zeigt, wie man sich von diesen Fesseln der Tradition zu befreien und einen eigenen, gleichwohl unmittelbar verständlichen Chopin-Zugang zu eröffnen vermag.

Kleines Minus: bei einem Label-Debüt sollten biographische Anmerkungen eine Selbstverständlichkeit sein!

Peter Cossé † [30.06.2004]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Frédéric Chopin
1Ballade Nr. 1 g-Moll op. 23 – Largo - Moderato
2Ballade Nr. 2 F-Dur op. 38
3Ballade Nr. 3 As-Dur op. 47
4Ballade Nr. 4 f-Moll op. 52 Nr. 4
524 Préludes op. 28

Interpreten der Einspielung

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