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CD-Besprechung

A. Zemlinsky

Chandos 1 CD CHSA 5022

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10

Klangqualität:
Klangqualität: 10

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Besprechung: 04.03.04

Klassik Heute
Empfehlung

Chandos CHSA 5022

1 CD • 71min • 2003

Diese SACD ist klanglich und musikalisch ein wahres Juwel. Schon die Tiefenstaffelung ringt größte Bewunderung ab; Farbcharakteristik der Instrumente, Lautstärkedifferenzierung und Räumlichkeit des Orchesters sind in jeder Hinsicht vorbildlich. Vieles davon ist nicht nur das Ergebnis der Arbeit der Tonmeister. Es ist vor allem Antony Beaumont, der mit einem vorzüglichen Orchester sein profundes Wissen über Zemlinsky und dessen spezifischen Klang optimal umsetzen kann. Schon seine Tätigkeit als Zemlinsky-Forscher und Herausgeber von seinen Partituren verschafft ihm als Dirigent einen Wissensvorsprung. Beaumont zählt zu den wenigen, die sich im alten Sinne als Universal-Musiker verstehen und dadurch ihrer Dirigenten-Tätigkeit eine Dimension verleihen, wie sie vielen reisefreudigen Maestri naturgemäß fehlen muß. Davon zeugen bereits seine profunden Beiheft-Texte. Auch die Besetzungsstärke und Aufstellung des Orchesters dieser Produktion hat er auf die Erfordernisse von Zemlinsky und seiner Musik abgestimmt. So kann man sich hier endlich einmal von der ungeheuren Wirksamkeit jener modifizierten altdeutschen Orchesteraufstellung überzeugen, bei der die Violen und Hörner links hinter den ersten Geigen, die Celli, Kontrabässe und das schwere Blech rechts hinter den zweiten Geigen plaziert werden. Alle Instrumente und Gruppen sind in ihrer natürlichen Position im Raum und in voller Entfaltung ihrer Farbe zu hören, und das auch bei den wirklich lauten Stellen. Man höre nur den exemplarischen crescendo-Beginn der d-Moll-Sinfonie (Tr. 4), wo zunächst die Violen, dann die Holzblasinstrumente und die weiteren einfallenden Stimmen genau zu verorten sind, bis das Tutti erreicht wird (0’20), ohne daß sich die Klangperspektive auch nur im geringsten zu ändern scheint. Dabei betten sich die in vielen heutigen Produktionen häßlich dominierenden Trompeten und Posaunen sanft und natürlich in den Gesamtklang ein, ohne an Prägnanz zu verlieren.

Man hat übrigens lange geglaubt, dieses Werk sei nur dreisätzig spielbar, da ein Teil des Finales als verloren galt. In dieser dreisätzigen Form ist es jüngst und kommentarlos bei Naxos wieder veröffentlicht worden. Erst Beaumont hat die komplette viersätzige Version der Sinfonie aufgrund eines nachträglich aufgefundenen Manuskriptes herausgegeben und auch als Erster auf CD eingespielt. Diese Aufnahme mit dem NDR Sinfonieorchester war 1997 bei Capriccio erschienen (CD 10740) und erntete bei der Kritik so viel Lob, dass eine Einspielung aller großen Orchesterwerke Zemlinskys unter Beaumont nur eine Frage der Zeit schien, zumal er viele Jahre eigener Forschung und Arbeit in die Korrektur und fallweise Neuausgabe all dieser Meilensteine des 20. Jahrhunderts gesteckt hatte. Dieses Projekt schien im Jahr 2000 greifbar nahe – nicht zuletzt durch die Unterstützung des Zemlinsky-Fonds der Gesellschaft der Musikfreunde Wien, des Österreichischen Kulturinstuts in Prag und der Verlagshäuser Ricordi und Universal Edition Wien. Bei Nimbus erschien daraufhin 2001 eine wiederum phänomenale Produktion der B-Dur-Sinfonie, der Sinfonietta und des Vorspiels zu Es war einmal mit der Tschechischen Philharmonie. Nach der vorübergehenden Insolvenz des Labels Nimbus (das sich erst vor kurzem auf dem Markt zurück meldete) hat nun dankenswerterweise Chandos dieses Aufnahmeprojekt übernommen, das mit der hier rezensierten SACD im wesentlichen beendet ist. Im vergangenen Herbst war dort bereits die Lyrische Symphonie unter Beaumont erschienen, gepaart mit der ersten Gesamteinspielung der Shakespeare-Bühnenmusik zu Cymbeline (Chandos 10069). In diesem Frühjahr wird auch die inzwischen von Chandos übernommene, oben erwähnte Produktion der B-Dur-Sinfonie erscheinen, ergänzt um eine Neuaufnahme des Vorspiels zum dritten Akt der von Zemlinsky unfertig instrumentiert hinterlassenen Oper Der König Kandaules, die Antony Beaumont 1996 vervollständigt hat und die in dieser Version inzwischen einen wahren Siegeszug durch die internationalen Opernhäuser angetreten hat.

Vergleicht man die hier dokumentierten künstlerischen Ergebnisse mit den verschiedenen Zemlinsky-Einspielungen von James Conlon und Riccardo Chailly, fällt meine Entscheidung stets zu Gunsten von Beaumont aus. In der verkappten dreisätzigen Sinfonie Die Seejungfrau beispielsweise überzeugen schon seine flüssigen Tempi und das bei aller Trennschärfe doch geradezu aquarellartige Flirren und Funkeln des Orchesterklangs weit mehr als die grobe Lesart Conlons oder das Pathos Chaillys. Zugleich steht das traditionelle Spiel der Tschechischen Philharmonie Zemlinsky weit näher; man glaubt immer wieder, einen böhmischen Tonfall herauszuhören, der im Falle der d-moll-Sinfonie an Dvorák, in der Seejungfrau auch an Gustav Mahler und insbesondere Josef Suk und Viteszlav Novak erinnert. Geradezu betörend ist das Streicherspiel des Prager Orchesters in der Seejungfrau; besonders unter die Haut geht der herrliche Epilog des Werkes (Tr. 3, ca. 9’27), in dem Zemlinsky mit ätherischen Klängen sämtliche Erlösungsvisionen Wagners zwischen Lohengrin und Parsifal noch einmal zusammenfasst.

Mit diesen dann insgesamt drei CDs legt Chandos eine in allen Belangen vorbildliche Referenzeinspielung der fünf vollendeten sinfonischen Hauptwerke Zemlinskys in gültigen kritischen Neuausgaben vor. Angesichts mancher mehr durch Werbemaßnahmen als durch musikalisch-interpretatorische Leistung bekannt gewordener Dirigent ist es beruhigend, dass hier endlich einmal ein unbekannter Dirigent wie Beaumont allein aufgrund seiner musikalischen Fachkompetenz und seines großen Könnens mit einem derart bedeutenden CD-Projekt einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wird und die Früchte seiner langjährigen Arbeit ernten darf. Dieser diskographische Beitrag dürfte zu einer lange fälligen Neubewertung des immer noch unterschätzten Komponisten Alexander von Zemlinsky Entscheidendes beitragen.

Dr. Benjamin G. Cohrs [04.03.2004]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 A. Zemlinsky Die Seejungfrau (Orchesterfantasie nach Hans Christian Andersen)
2 Sinfonie d-Moll

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Tschechisches Philharmonisches Orchester Orchester
Antony Beaumont Dirigent
 
CHSA 5022;0095115502228

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