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CD-Besprechung

Roger Norrington

Beethoven

Roger Norrington

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9

Klangqualität:
Klangqualität: 9

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Besprechung: 05.08.03

SWRmusic 93.085

1 CD • 75min • 2002

Leider fällt die Eroica gegenüber allen anderen Sinfonien beträchtlich ab. Der erste Satz macht bei allem vordergründigen Effekt eher einen routiniert-gelangweilten Eindruck, wirkt streckenweise starr und kommt nur selten ins Schwingen wie in der früheren Norrington-Einspielung von 1987, die ich dieser neuen vorziehe. Das sehr starke Dauer-Vibrato der 1. Flöte wirkt ausgesprochen penetrant. Außerdem gibt es in dieser Sinfonie Stellen, in denen das Fehlen der Stopftöne in den Hörnern besonders schmerzlich vermißt wird (z.B. in der Durchführung des Kopfsatzes, Tr. 1, ab ca. 9’09), während sich einzelne Hornisten aber Extravaganzen leisten. Wieso spielt der Hornist im berühmten Solo des 2. Horns vor Beginn der Hauptthemenreprise den Themenkopf eklatant mit mezzoforte-crescendo, obwohl Beethoven zwei Takte pianissimo und dann plötzlich forte schreibt (10’04)? Oder wollte Norrington das wirklich so?

Die berühmte Trauerszene des 2. Satzes sollte eigentlich doppelbödig wirken: Beethoven koppelt hier, wie Schleuning zeigte, einen Ausschnitt aus der Promotheus-Geschichte autobiographisch-reflexiv mit der „durch stoische Vorbilder der Antike bewirkten Selbstüberwindung zum Weiterleben“ in der Krise von 1802 mit Beethovens beginnender Taubheit. Dies brachte Norrington 1987 besonders deutlich heraus, durch mehr Atemspannung in den Pausen und große Bögen, denen die martialischen Revolutionsklänge der Pauken und Bläser nurmehr untergeordnet waren. Hier ist das Anfangstempo etwas zu hektisch und die Phrasen werden allzu störend über-artikuliert, während die Binnenspannung auf der Strecke bleibt. Der Satz wirkt so kurzatmig, dass von der Begräbnis-Atmosphäre insgesamt wenig übrig bleibt (auf der Bonus-CD klingt das übrigens im Tonbeispiel viel überzeugender!). Der schön ersterbende Schluß und die nachfolgenden, elastisch musizierten Sätze reißen das Steuer leider nicht mehr herum, auch wenn die Aufführung insgesamt noch weit entfernt ist von dem scheußlich ideologie-verhafteten Romantizismus, dem immer noch zu viele Dirigenten huldigen (künstlerische Qualität: 7).

Eine Offenbarung ist hingegen die oft unterschätzte Vierte. Diese Neu-Einspielung stellt meine geschätztesten Aufnahmen mit Carlos Kleiber, Evgenij Mravinskij und Fritz Reiner weit in den Schatten. Folgt man jüngeren Untersuchungen von Autoren wie Peter Schleuning und besonders Martin Geck, so lassen sich im Grunde genommen alle Sinfonien als aufeinander bezogen darstellen, wobei oft zwei aufeinanderfolgende Sinfonien ein Gegensatzpaar bilden und zugleich die erste dieses Paares auch noch Gedanken der vorangehenden aufgreift. Dies kommt in dieser Gesamteinspielung durch die konsequente Koppelung besonders vorbildlich heraus. Und in der Vierten zeigt Norrington vorbildlich Beethovens Ambivalenz auf, einer Utopie wie der Eroica in der nächstfolgenden Sinfonie wieder Zweifel und Schatten entgegenzusetzen. Da klingt die Einleitung des ersten Satzes mit ihrer Kreuz-Symbolik wirklich einmal wie aus dem Grab – plötzlich erinnert man sich beim Hören an den Beginn von Schuberts Unvollendeter. Demgegenüber wirkt das Allegro nicht forsch-exaltiert, sondern bei aller Prägnanz wundervoll abgestuft in den Farben, so, als ob unter den lichten Passagen stets das Böse lauerte. Das alles ist auf sehr tiefsinnige Weise atemberaubend. Über ganz gelegentliche, live-bedingte Konditionsschwächen im Orchester (Bläserintonation zu Beginn, leichte Wackeleien im Blech) hört man da gern und ohne Weiteres hinweg.

Das Adagio mögen manche zu zügig finden, aber wie Norrington hier die beiden Ebenen überirdischen Gesangs und martialischer Kriegsfanfaren nebeneinander stellt, ist äußerst konsequent durchgehalten und verleiht der Musik endlich einmal jenen Ausdruck gespaltener Wahrnehmung, den Beethoven wohl beabsichtigt hat. Besonders erfreulich ist auch, daß Norrington, der in schnellen Sätzen manchmal die Zügel sehr schießen läßt, das Finale genau wie vorgeschrieben „ma non troppo“ hält. Die brutalen Einwürfe des Blechs, die die schizophrene Idee des langsamen Satzes wieder aufgreifen, werden sehr breit, geradezu aufdringlich in das Geschehen hineingedrückt. Unentrinnbar ist der Sog, den Norrington in der Durchführung entwickelt, um mit Reprise und Coda die Sinfonie geradezu in Hilflosigkeit enden zu lassen (künstlerische Qualität: 7).

Die Besprechungen des kompletten Beethoven-Zyklus:

Dr. Benjamin G. Cohrs [05.08.2003]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 L.v. Beethoven Sinfonie Nr. 3 Es-Dur op. 55 (Eroica) 00:43:46
5 Sinfonie Nr. 4 B-Dur op. 60 00:31:07

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR Orchester
Sir Roger Norrington Dirigent
 
93.085;4010276013617

Bezug über Direktlink

 

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