Willkommen bei Klassik heute

Klassik Heute Bücher CDs SACDs Feuilleton Künstler Termine  

AGBs | Impressum | Sitemap | Kontakt | Newsletter | Seite drucken

Klassik Heute Feuilleton

Interview

Dienstag, 9. Februar 2010
Klassik Heute - Hörführer

Der lange Weg zur Interpretation

Der russische Pianist Grigorij Sokolov

Die Befürchtung, die Phalanx der russischen Künstler, die das 20. Jahrhundert musikalisch mitgeprägt haben, finde nach dem Tod von Klavierriesen wie Gilels, Richter, Horowitz und anderen keine adäquate Fortsetzung, wird entkräftet durch einige wenige russische Pianisten, die, heute mittleren Alters, in Deutschland leider nicht allzu oft zu hören sind, aber fraglos zur internationalen, überzeitlichen Pianisten-Elite gehören. Weniger spektakulär und weniger exzentrisch als andere, aber hochbedeutend und über Moden erhaben, ist die Klavierkunst Grigorij Sokolovs.

Grigorij Sokolov verfügt über eine stupende Technik und ein außergewöhnlich profundes Textverständnis. Nicht zuletzt hat er eine pianissimo-Kultur, die heute ihresgleichen sucht. Wenn Sokolov 1997 äußerte, Pianist sei für ihn kein Beruf, sondern eine Lebensform, so ist das mehr als eine Redensart. Dabei schätzt er Malerei ebenso wie Literatur, besonders Puschkin, Dostojewski, Anna Achmatowa und Brodskij sowie Stefan Zweig. Auf die Frage, wer sein Lieblingskomponist sei, eröffnet seine spontane Antwort ein Spektrum, das von Johannes Ockeghem und Guillaume de Machaut bis zu Ravel und Schönberg reicht. Sein Repertoire enthält Hochvirtuoses, meidet allerdings seit längerem Liszt. Das Repertoire bei Klavierabenden reicht von Prokofieff und Ravel über die Romantik bis zu Bach, Rameau, Byrd, Gibbons und neuerdings Froberger.

So uneitel, auf die Sache bezogen und unprätentiös Grigorij Sokolov sich auf dem Konzertpodium gibt, so freundlich, offen, klar und herzlich erwies er sich in diesem Gespräch mit »KLASSIK heute«, bei dem er viele Einblicke in seine Gedankenwelt zuließ.

Klassik heute: Wie bekam Ihr Leben musikalische Ausrichtung?

Grigorij Sokolov: Die Anfänge liegen weit zurück. Meine Eltern bemerkten meine Neigung zur Musik. Immer blieb ich regungslos stehen, wenn ich Musik hörte, und wir hatten nicht nur ein Grammophon, sondern ich hatte auch so etwas wie ein kleines Dirigentenpodium und einen Holzstab, den ich als Taktstock benutzte. Dirigent zu werden war mein Traum, noch ehe ich zur Schule ging. Meine Eltern luden eine Klavierlehrerin ein, und die sagte: Wartet noch ein Jahr, und dann kauft ein Klavier! Den Traum vom Dirigieren habe ich dann vergessen; ich bin einer der wenigen, bei denen alles umgekehrt verlief. Mit sieben trat ich in die Fachmusikschule beim Konservatorium ein; man bleibt bei uns in Rußland etwa zehn Jahre dort; am Konservatorium, was in Deutschland der Hochschule entspricht, ist man zwischen 18 und etwa 23. Die Musikschule ist bei uns eine sehr ernste Schule und eine frühe Vorbereitung zum Berufsmusiker. Dort habe ich auch mit zwölf den ersten Klavierabend gespielt, und ich war noch dort, als ich den Tschaikowsky-Wettbewerb gewann. Ausbildung und Konzerttätigkeit liefen bei mir jahrelang zeitlich parallel.

Was denken Sie über Wettbewerbe?

Ich hasse Wettbewerbe! Es gibt eine Menge Wettbewerbe; sie bringen nichts. Was ist eine Jury, wenn nicht wirkliche Persönlichkeiten drinnen sind? Heute ist die Situation schon besser; es gibt Beispiele unter Musikern, die auch ohne Wettbewerbssiege ihre Karriere aufbauen.

Was ist dran an der sogenannten „Russischen Schule“?

Ich glaube nicht, daß es überhaupt eine Schule gibt! Man kann sinnvollerweise nicht Persönlichkeiten sammeln, denen man dann das Etikett ,russische‘ oder ,deutsche Schule‘ gibt. Ich glaube, die Leute sind ganz verschieden. Professor Nikolaij definierte das so: Schule ist etwas, wovon man weggeht. Aber was bei uns sehr gut war: daß das Studium System hatte und früh begann. Das Problem im Westen ist, daß man zu spät beginnt.

Ein Werk existiert zunächst in Form des Notentextes. Wie gehen Sie mit dieser Tatsache um?

Die Frage ist etwa so umfangreich wie: Was ist das Leben? Also erstens glaube ich, das Werk existiert nur subjektiv. Die Noten sind gedruckt, aber noch kein wirkliches Werk. Ob traurig, oder heiter – es gibt tausend Charaktere, und das versteht man nur bei der Interpretation, wenn Sie auch nicht eine Interpretation hören, sondern mit dem inneren Gehör lesen. Zweitens: Eine sehr gute Werkausgabe ist wichtig, aber auch die beste Ausgabe ist nicht so reich und vollkommen wie die Persönlichkeit des Komponisten, der etwas hinterlassen hat. Wie ist dieses Verhältnis: Komponist, Werk, Interpretation? Es ist eine Einheit. Und egal, was man sagt: Strawinsky zum Beispiel war gegen ,Interpretation‘, aber auch da: Er interpretiert sich selbst! Rachmaninoff interpretierte seine Werke, indem er sie spielte. Vermutlich jeden Tag neu, anders. Wenn Sie mehrere seiner Aufnahmen von demselben Stück betrachten, zwei, drei, sie sind wirklich sehr frei.

Was ist die Freiheit des Interpreten? Und wo liegt die Bindung?

Das Schönste ist absolute Freiheit in der Kunst, nicht aber unbegrenzte. Unbegrenzte Phantasie bringt überhaupt nichts. Nur wenn sich die Phantasie selbst begrenzt, nur dann entstehen Konturen, Schöpfung, Kunst! Einfache Beispiele: Form; Tonart; Genre – alles das sind Formen von Begrenzung!

Was geschieht nach der Lektüre der Noten mit Freiheit und Verantwortung?

Den Notentext muß man lesen; Freiheit kann nicht sein, wenn Sie den Text nicht lesen. Das ist eine merkwürdige Sache, wie überall im Leben. Wenn Sie nicht moralische Gesetze beachten, sind Sie nicht frei! Man spricht zwar von Freiheit, nennt es so, aber... Es gibt so viele interessante Sachen in den Noten zu entdecken, doch das ist nur die erste Annäherung. Was folgt, ist ein langer Weg. Was auf dem Weg, der zur Einheit von Werk und Interpretation führt, genau passiert, weiß ich nicht und möchte es auch nicht wissen. Etwas Unglaubliches. Wenn alles interessant und gut ist, gibt es etwas Ganzes – eine Interpretation. Wie auch über-all sonst gilt: Es zählt nicht, was man hört von dem, was einer sagt, sondern was man sieht, was er macht.

Welche Rolle spielen Leben und Werk eines Komponisten?

Das Wesentliche – im fortgeschrittenen Stadium der Interpretation – hat nicht allzu viel mit den Informationen über den Komponisten zu tun. Siehe die Anonyma des 15. Jahrhunderts: Ich kann doch dazu gelangen, das Werk eines anonymen Komponisten zu verstehen, ohne seine spezifische Biographie zu kennen! Ich meine, echte Kunst ist an keine Zeit gebunden. Und an keine Geographie. Bach und Byrd gehören zu den Zeitgenossen, die jetzt leben.

Wie sieht es in der Arbeitswerkstatt von Grigorij Sokolov aus?

Bei mir bleiben die Noten ganz leer! Fingersätze sind nicht nur danach zu machen, was bequem möglich ist, sondern ausgerichtet an Artikulation, Phrasierung, Ligaturen... Tausend Menschen, tausend verschiedenen Hände... Aber einige schreiben ihre Fingersätze doch auf.

Sie bevorzugen die Bühne, und auch den Livemitschnitt vor Studioaufnahmen. Haben Sie eigentlich ein Lieblingspublikum irgendwo auf der Welt?

Es gibt keine nationale Typologie von Publikum. Es gibt ganz verschiedene. Zufällige Besucher sitzen im Konzert ebenso wie hochgebildete. Auf jeden Fall handelt es sich weniger um Erholung und Unterhaltung. Das Konzert ist geistige Arbeit für alle Anwesenden; nur so kommen wir näher zur Kunst. Kunst ist ganz international; diese geistige Arbeit im Konzert ist international. Die Stunden auf der Bühne sind sehr kostbar. Meinen Partner, den Flügel, kenne ich am Anfang noch nicht. Ob er gerne macht, was ich möchte? Phantasie im Klang bietet? Ich quäle den Flügel nicht gern... Man braucht das Einvernehmen von Stimmer und Instrument. Es gibt kein gutes Instrument ohne guten Stimmer. Die notwendige Regulierung der Mechanik ist nicht einfach zu machen, und manches kann der Stimmer selbst nicht ausprobieren; die Repetition zum Beispiel kann nur der Pianist überprüfen.

Und das Proben beim Zusammenspiel mit Orchester...

Mancherorts wird nur ein Mal geprobt. Zwei Proben ohne Eile, oder gar nicht, ist meine Devise. Denn ein Orchester ist ein geheimnisvoller Organismus. Wenn das Orchester nach der zweiten Probe nicht zu ,mehr‘ fähig ist, macht eine dritte Probe das Resultat im Konzert meist nicht besser. Es gibt eigentlich nie genug Zeit, mit dem Orchester zu arbeiten, und Nachmittagsproben sind nicht ideal. Das Brahms-Konzert ein Mal durchzuspielen, braucht ja schon 55 Minuten!!

Wie sind Ihre Erfahrungen mit Dirigenten?

Gute Dirigenten, die die Musik noch wirklich lieben – davon gibt es nicht viele. Der Dirigent ist im übrigen sehr verbunden mit dem Orchester. Beim klanglichen Ergebnis ist schwer zu trennen, was wessen Leistung ist. Jeder Musiker ist verantwortlich für alles; und umgekehrt ist der beste Dirigent wie ein Instrumentalist. Mravinsky in Leningrad, zum Beispiel, war fest verbunden mit seinem Orchester.

Sie halten also nicht viel vom häufigen Orchesterwechsel eines Dirigenten?

Wir müssen keine Namen nennen, da es viele sind, die den Mantel nach dem Konzert ausziehen. Sie wissen alles, was passiert, aber die Musik kennen sie nicht. Auch bei der Begleitung in einem Solokonzert sieht man das ganz deutlich.

Wo spielen Sie am liebsten?

Auf der Bühne, bei einem Klavierabend.

Matthias Thiemel, 1.11.2000

zum Seitenanfang

Klassik Heute - Ihr Klassik-Portal im Internet

Konzert-Tipp

Anzeige

Buch-Tipp

Anzeige

Noten

© Klassik-Treff.GmbH