Hilary Hahn
Die Aufnahme des Beethoven-Konzerts (gekoppelt mit Bernsteins Serenade) stellte den Ausnahmerang von Hilary Hahn unter Beweis: Was an ihrem Geigenspiel so fesselt, sind nicht nur ihre überlegene Virtuosität und die sonore, nuancenreiche, strahlende Tongebung, sondern vor allem die für ihr Alter absolut außergewöhnliche künstlerische Reife und ausdrucksvoll-innige Gelassenheit. Nicht umsonst war bei ihrem München-Debüt mit dem Beethoven-Konzert unter Maazel im März 1995 die Rede von einem „Jahrhunderttalent“. Man konnte nur staunen, wie natürlich dieses 15jährige Mädchen phrasierte, wie wenig Selbstzweck ihrem grandios in den Riesenraum der Münchner Philharmonie projizierten Ton anhaftete, welch tiefes Verstehen von Form und Charakter des umfangreichen Werks, welche Reinheit des Ausdrucks bereits erreicht war. Weitere Auftritte Hilary Hahns bestätigten diesen Eindruck. Als ihre erste CD mit Bachs Solo-Partiten und Sonaten bei Sony herauskam, fühlten sich manche Kritiker voreilig herausgefordert, der geigerischen Jungmädchenschwemme entgegenzuwirken – dies freilich am falschen Objekt, denn wenn bei einer der vielen jungen Geigerinnen, deren Karrieren derzeit überall gepusht werden, die pauschalen Vorwürfe gegen Vermarktungsstrategien nicht greifen, dann bei Hilary Hahn. Sie ist ganz einfach zu gut, eine zu starke, ausbalancierte Persönlichkeit, und nirgendwo ist das so deutlich wie bei ihrem Bach-Spiel. Stilistische Spitzfindigkeiten werden ob solcher Qualitäten geradezu bedeutungslos.
Hilary Hahn wurde im November 1979 als Tochter eines Bibliothekars und einer Steuerberaterin in Baltimore geboren. Ersten Geigenunterricht (streng nach der Suzuki-Methode) erhielt sie schon kurz vor Vollendung des vierten Lebensjahres: „Mein Vater sang in einem Chor und übte zuhause regelmäßig. Ich fragte mich: Warum singt er so viel? Als ich selbst ein wenig Geige spielte, wußte ich, warum er das tat.“ Nach einem Jahr wurde sie Schülerin von Klara Berkovich: „Sie lehrte schon lange in der russischen Tradition. Von ihr habe ich gelernt, daß eine Aufführung immer die Übergabe eines Geschenks ist. Ich verdanke ihr meine ausgezeichnete technische Basis, das Grundwissen um Phrasierung, das Bekenntnis zum persönlichen Ausdruck, überhaupt mein musikalisches Fundament. Sie war sehr streng, aber liebevoll. Der Unterricht war stets eine Herausforderung für mich. Ich liebe Herausforderungen! Nie sagte sie: ,Sehr gut’ – nie. Höchstens ,gut’. Das gefällt mir.“ Mit zehn Jahren gab Hilary ihr erstes Recital – mit einer Händel-Sonate, Wieniawski, Glière und, schon damals, Bach. „Ich spiele immer Solo-Bach. Ich habe ihn mehr als die anderen Komponisten gespielt. Ich weiß nicht, warum. Es ist einfach wunderbare Musik.“ Kurz darauf begann sie am Curtis Institute in Philadelphia ihr Geigenstudium bei Jascha Brodsky, dem als Lehrer umworbenen Schüler von Eugène Ysaye und Efrem Zimbalist, bei dem sie bis zu seinem Tod im März 1997 blieb: „Brodsky hat mich am meisten geprägt. Auch bei Bach ist sein Einfluß zentral. Er sprach über alle Seiten der Bach-Philosophie und hatte sich mit allen Interpretationsansätzen auseinandergesetzt. Daraus entwickelte er aber keine Systematik. Zuerst und zuletzt geht es darum, daß die Phrasen Sinn ergeben. Die Musik hat Priorität vor allen technischen Erwägungen.“
Das Lernen geht weiter: „Im letzten Jahr mit Brodsky habe ich auch mit Jaime Laredo studiert. Er ist nicht mein Lehrer wie Brodsky, sondern ein Mentor, bei dem ich mir Rat holen kann. Er ist zu beschäftigt, um regelmäßig zu unterrichten. Ich muß jetzt selbst entscheiden und brauche gelegentlich die Möglichkeit, einem erfahrenen Geiger vorzuspielen und Ratschläge zu bekommen. Ich habe viele Freunde, die mir in allen möglichen Situationen zur Seite stehen.“ Lampenfieber kennt Hilary Hahn nicht: „Ich bin begeistert, nicht nervös. Ich tue mein Bestes und lerne aus allem. Wenn ich nur einen Tag nicht spiele – wegen einer Reise oder was weiß ich – merke ich das am nächsten Tag deutlich. Eigentlich spiele ich jeden Tag und versuche, auf täglich fünfeinhalb Stunden zu kommen. Das ist eine Menge, und es geht nicht ohne Unterbrechungen. Brod-sky sagte immer: ,Niemals mehr als sechs Stunden am Tag, mehr Konzentration ist nicht drin.’ Aber jeder muß da sein Optimum finden.“
Wie eignet sie sich ein neues Stück an? „Ich lerne zuerst die Noten: die ganze Partitur mit Hilfe von Aufnahmen. Dann vergleiche ich die verschiedenen Aufnahmen und nehme davon jeweils, was ich möchte. Ich kombiniere das für mich Richtige und erarbeite dann meine eigene Version. Manchmal übernehme ich Detaillösungen anderer Geiger in meine Interpretation, aber es ist mehr der große Bogen einer Darstellung, ihr Reichtum, der mich anspricht. Es kann zum Beispiel sein, daß ich von einer Platte das Tempo gut finde und von einer anderen die Phrasierung. Es geht dabei viel weniger um bestimmte Passagen als um die großen Ideen. Am Ende steht meine eigene Interpretation, wobei ich hoffe, eine Vision des Ganzen zu haben, von Anfang bis Ende. Diese Vision verändert sich freilich ständig – zunächst kaum merklich, aber in zehn Jahren – denke ich – wird es nicht mehr dasselbe sein.“
Hilary Hahns geigerische Vorbilder gehören einer großen Vergangenheit an: „Ich mag sehr Jascha Brodskys Aufnahmen, auch die seiner Freunde Misha Elman, Fritz Kreisler und Jascha Heifetz. Brodsky ist überall: Wo ich auch hingehe, ich treffe immer Brodsky-Studenten. Er hat schon mit 25 Jahren unterrichtet. Brodsky ist 89jährig gestorben, aber er lebt noch immer.“ Im Spiel seiner Schülerin Hilary Hahn pulsiert etwas von der lebendigen Tradition, von der geistigen Vitalität der großen Geiger der ersten Jahrhunderthälfte.
Christoph Schlüren, 2.12.2002