Joachim Schweppe
Trakl-Symphony | English Horn Concerto | Violin Sonata
KKE Records KKE 25010
1 CD • 49min • 2023, 2021, 2024
03.03.2026
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Gesamteindruck:![]()
Man lernt nicht aus: Der Komponist Joachim Schweppe (1926-1999) ist wohl den wenigsten Musikkennern bekannt, am ehesten noch denen, die in Norddeutschland leben: 1960-1989 wirkte Schweppe als komponierender Kantor, zuerst an der Stephanus-Kirche in Hamburg-Einsbüttel, ab 1965 an der Kreuzkirche in Hamburg-Wandsbeck. Dort konnte er seine geistlichen Werke aufführen. Joachim Schweppe wurde in Kiel geboren, studierte in Lübeck Kirchenmusik sowie Klavier bei Eliza Hansen und Komposition bei Ernst Gernot Klussmann in Hamburg. 1966 erhielt er das Hamburger Bach-Preis-Stipendium. Von 1983 bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1989 lehrte Schweppe an der Musikhochschule Lübeck Musiktheorie, Tonsatz und Gehörbildung.
In den 1990er Jahren wirkte Schweppe als Organist, Chorleiter und Musiklehrer auf der norwegischen Insel Dønna. Zu seinen wichtigsten Werken zählen neben Orgelmusik und vielen Liedvertonungen auf Gedichte von Georg Trakl seine (dem Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt gewidmeten) „Große Messe“ zum evangelischen Kirchentag 1981. Ferner schrieb er die „Claudius-Kantilene“ und die Weihnachtskantate „Die Nacht ist vorgedrungen“ nach Worten von Joachim Klepper. Insgesamt zählt das von der Joachim-Schweppe-Gesellschaft, die die hier vorliegende CD des Labels KKE Records auch gefördert hat, vorgelegte Werkverzeichnis 146 Werke.
Klang und Klage
Schweppes Musik zu beschreiben fällt schwer: Wikipedia schreibt: „Stilistisch lässt sich Schweppes Musik schwer einordnen…Seine Musik ist subjektiv geprägt, sie geht Gefühlen nach, verbreitet Stimmungen.“ Das ist noch wenig aussagend. Aber immerhin nennt Wikipedia als wichtigstes Merkmal von Schweppes Musik „seine irisierende schwebende Harmonik. Er bedient sich der tonalen Sprache und setzt sich zugleich von ihr ab.“ Die Joachim-Schweppe-Gesellschaft rühmt „seine unverwechselbare Tonsprache, die besondere Art, Töne miteinander in Spannung zu versetzen“. Und sie titelt: „Klang und Klage“. Das ist so bündig wie zutreffend. Aber man kann insgesamt sagen, dass seine Musik zur Schwerblütigkeit neigt. So wie die Lieder auf Texte von Georg Trakl, „dessen spezifischer schwermütiger Ton ihn sofort ansprach“, wie Peter Rümenapp im kundigen (zweisprachigen) Booklet schreibt.
Kammermusik und eine Symphonie
Die vorliegende CD enthält kein geistliches Werk – dies wäre in Zukunft wünschenswert –, sondern Kammermusik, ein Konzertstück sowie eine Symphonie mit Gesang. Also schon ein guter Überblick über Schweppes nichtgeistliches Schaffen. Die Violinsonate Nr. 2 aus dem Jahre 1954 ist das früheste Werk. Da schrieb Schweppe noch mehr für seinen Schreibtisch, schickte aber dann Werke an den Rundfunk, wurde langsam dort bekannt und bekam auch Preise. Tonlich erinnert sie etwas an die Musik von Harald Genzmer – nur nicht so lebensprall. Sie ist viersätzig: Der erste Satz ist mit seinem zögerlich-suchenden Beginn eher Einleitung als Sonatenhauptsatz, der zweite Satz eine strenge dreistimmige Fuge, nach einem Scherzo folgt ein energischer und lebhafter Schlusssatz. Die Musik ist tonal und doch nicht tonal, aber von großem Erfindungsreichtum. Gustav Frielinghaus (Violine) und Jaan Ots (Klavier) widmen sich der Musik mit liebevoller Hingabe und zeichnen sie genau nach.
Ein Hauch von Verfall
Die Trakl-Symphonie mit dem Titel Verfall hat genau die beschriebene dunkle Trakl-Atmosphäre mit der Zeile aus dem Titel-Gedicht als Motto: „Da macht ein Hauch mich von Verfall erschüttern.“ Die Pauke droht anfangs zwischendurch unentwegt leise, Schweppe trifft hier genau den Trakl-Ton von Verfall, Schwermut und Tod. Intensiv, nachdrücklich, hochdramatisch und wortbewusst singt Juliane Banse im zweiten Satz dieses Gedicht, die besungene Amsel ist melismatisch ausgeziert, der dramatische Höhepunkt ereignet sich genau bei dem Wort „Verfall“ und alles endet schmerzlich-dissonant. Dann jagen die Geigen unter schreienden Bläserakkorden wie vom bzw. in den Tod gehetzt, bis alles in einem kurzen schwermütigen Adagio endet. All dies ist vom Orchester (das Frielinghaus Ensemble & Bremer Bläsersolisten) plastisch und suggestiv herausgearbeitet. Höchst eindrucksvoll!
Tanz und orientalische Atmosphäre
Interessant, dass das Concerto for English Horn and Orchestra, das letzte von insgesamt 146 Werken und 1999, wenige Monate vor des Komponisten Tod vollendet, dann doch lebensfroh klingt. Der erste Satz ist ein rechttänzerisch-munteres Spiel im 5/4-Takt, die Geigen flirren leise und die Musik schreitet immer zielbewusst voran. Das Englischhorn kann sich weit ausbreiten mit seiner Klage und seinem Sang und dann in hüpfendem Vergnügen, alles sehr sauber und schlackenrein angestimmt von Ramón Ortega Quero, dem Solo-Oboisten des Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Dem zweiten Satz schreibt das Booklet ein „fast orientalisches Gepräge“ zu, alles fließt und schwebt in leicht zauberhafter Atmosphäre und der Solist bläst weitausholend und ausdrucksstark elegisch, weitergesponnen von einem Violin-Solo. Das Finale ist belebter, endet aber in einem symbolischen Fragezeichen. Alles ist in tonal freischwebender Harmonik immer durchzogen von leiser Melancholie.
Die Violin-Sonate und das Concerto, weniger die Symphonie, sind von der Tonregie trennscharf in einen natürlichen Raumklang gestellt. Die Musik von Joachim Schweppe, die hier vorgestellt wird, hat ihre Reize, man möchte mehr davon hören – vor allem mehr von seiner geistlichen Musik.
Rainer W. Janka [03.03.2026]
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Komponisten und Werke der Einspielung
| Tr. | Komponist/Werk | hh:mm:ss |
|---|---|---|
| CD/SACD 1 | ||
| Joachim Schweppe | ||
| 1 | Konzert für Englischhorn und Orchester | 00:14:38 |
| 4 | Sonate Nr. 2 für Violine und Klavier | 00:18:30 |
| 8 | Verfall (Trakl-Sinfonie, Orchesterlieder nach einem Gedicht von Georg Trakl - In Memoriam Egbert Gutsch) | 00:15:40 |
Interpreten der Einspielung
- Ramón Ortega Quero (Englischhorn)
- Kammerensemble Konstanz (Ensemble)
- Gustav Frielinghaus (Violine, Dirigent)
- Jaan Ots (Klavier)
- Juliane Banse (Sopran)
- Frielinghaus Ensemble (Ensemble)
- Bremer Bläsersolisten (Bläserensemble)
