Hans Gál
String Quintet op. 106 • String Quartet No. 4 op. 99 • Five Intermezzi op. 10
cpo 555 721-2
1 CD • 81min • 2021
02.03.2026
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Gesamteindruck:![]()
Klassik Heute
Empfehlung
Ich erinnere mich gut, wie ich auf einer CD mit Brahms’ Ungarischen Tänzen in Fassungen für Orchester erstmals den Namen Hans Gál (1890–1987) las – zu Zeiten, als Gáls eigene Musik ein ausgesprochenes diskographisches Schattendasein fristete; präsenter war Gál damals eher noch als Musikwissenschaftler und Herausgeber. Selbst in den späten 2000er Jahren waren es erst einmal alte Rundfunkaufnahmen, die mich mit Gáls Sinfonien bekannt machten. Vor diesem Hintergrund ist die Fülle an CD-Einspielungen mit Musik Gáls, zu der es im Laufe der letzten 25 Jahren gekommen ist, ein Beispiel für eine sehr erfreuliche Entwicklung zu Gunsten eines lange Zeit vernachlässigten Komponisten, der sehr viel Schönes und Hörenswertes geschaffen hat. Auch cpo ist an dieser Renaissance beteiligt – mit dem neuesten Album erscheint u.a. das späte Streichquintett erstmals auf Tonträger, gepaart mit zwei Werken für Streichquartett, gespielt von (überwiegend) finnischen Musikern.
Eleganz, Charme, Anmut und ein wenig Nostalgie
Gál, Student des mit Brahms befreundeten Eusebius Mandyczewski, hat beinahe sein ganzes sehr langes Leben lang komponiert, was eine Spanne vom Wien der Kaiserzeit bis in die späten Jahre in Edinburgh abdeckt, wo sich Gál schließlich nach seiner Flucht aus dem nationalsozialistischen Deutschland niedergelassen hatte. In den drei Werken auf diesem Album begegnet man sowohl seinem frühen Schaffen als auch dem nahezu äußersten Spätwerk und erlebt dabei einen Komponisten, dessen Tonsprache über all die Jahre eine bemerkenswerte Kontinuität aufweist. Schon die Fünf Intermezzi für Streichquartett op. 10 (1914) am Ende des Albums lassen vieles erkennen, was für Gáls Musik generell charakteristisch ist. Sicherlich bezieht sich der junge Komponist u.a. auf den späten Brahms, obwohl der Grundton ein anderer, viel luzider ist; zugleich bemerkt man bereits hier Gáls eminente melodische Begabung, vergleichbar vielleicht mit Dvořák und in der Tat durchaus mit leicht slawischem Einschlag, insgesamt aber doch entschieden wienerisch, voller Eleganz, Charme, Anmut und immer auch ein wenig Nostalgie. Ein gewisses tänzerisches Moment durchzieht alle diese Stücke, ein sanftes Wiegen. Charakteristisch ist aber auch die Dezenz, mit der all dies aufgetragen wird – Gál ist kein Mann der lauten Töne, der dramatischen Zuspitzungen, wohl aber einer des feinen Humors, des Schmähs, der Burleske, stets unaufdringlich und mit leisem Schalk statt effektheischenden Possen.
Eine dezidiert persönliche, zeitlose Tonsprache
Für ihr Entstehungsjahr 1914 ist dies zwar traditionell orientierte, jedoch im Vergleich zur Gesamtheit dessen, was seinerzeit komponiert wurde, keinesfalls überdurchschnittlich konservative Musik. In seinem weiteren Schaffen ist Gál diesen Idealen treu geblieben und hat seinen Stil zwar fortentwickelt, aber in Form von Verfeinerungen, nicht etwa Brüchen oder Experimenten mit Modernismen. Insofern wirken dann Werke wie das Streichquartett Nr. 4 op. 99 (1970) und das Streichquintett op. 106 (1976) tatsächlich ihrer Entstehungszeit gleichsam enthoben. Gerne wird in solchen Fällen behauptet, diese Musik hätte auch einige Dekaden früher entstanden sein können. Damit aber macht man es sich m.E. wesentlich zu einfach, denn erstens ist Gál niemand, der „im Stil von“ komponiert, sondern (spätestens) bei näherem Hinhören eine ganz eigene, persönliche, letztlich unverwechselbare, in gewisser Hinsicht zeitlose Tonsprache entwickelt hat, und zweitens sind beide Werke durchaus klar als Spätwerke identifizierbar: hier blickt jemand zurück, mit einer gewissen Milde und Gelassenheit, auch Wehmut (langsame Sätze, die ungewiss tastende Einleitung zum 1. Satz des Quartetts Nr. 4), aber letztlich doch dominiert von gelöster Heiterkeit. Beide Finalsätze entsprechen in ihrem Charakter dem Typus, den Gál auch in seiner Sinfonie Nr. 4 gewählt hat; im Falle des Quintetts verweist er selbst auf die Commedia dell’arte, ein trefflicher Vergleich. Dabei liegen Frohsinn und Wehmut nahe beieinander: so findet der wundervolle Moment der Katharsis am Ende des langsamen Satzes des Quintetts seinen Gegenpart in den (ohnehin für Gál charakteristischen) leichten Eintrübungen, den Anwandlungen des Zögerns am Ende der überwiegend freundlich-gelösten übrigen Sätze, sehr ausgeprägt auch im Antagonismus von chromatischer langsamer Einleitung und B-Dur-Allegro, der den 1. Satz des Quartetts Nr. 4 auch im weiteren Verlauf bestimmt.
Eine hoch erfreuliche Veröffentlichung
Die Interpreten der vorliegenden CD, viele von ihnen aus den Reihen des Ostbottnischen Kammerorchesters, setzten sich teilweise bereits länger für Gáls Musik ein; insbesondere sind Katalin Kertész und Reijo Tunkkari (beide Violine) sowie Hanna Pakkala (Viola) an früheren Veröffentlichungen von Toccata Classics bzw. cpo beteiligt gewesen. Zusammen bilden sie ein Ensemble, das Gáls Musik sorgfältig durchgearbeitete, gediegene, ausdrucksstarke Interpretationen angedeihen lässt. Sehr schön geraten u.a. die Kopfsätze sowie die elegischen langsamen Sätze der beiden Spätwerke mit ihrer Aura der Retrospektive, auch der Elegie, während man sich namentlich die Intermezzi eine Spur duftiger, charmanter vorstellen könnte: hier forciert das Ensemble zuweilen etwas stärker als nötig. Einmal mehr zeichnet Gáls Tochter Eva Fox-Gál, vorbildlich engagierte Anwältin des Schaffens ihres Vaters, für einen profund informierenden, sehr lesenswerten Begleittext verantwortlich. Eine hoch erfreuliche, für Freunde der Musik der Romantik wie aus des 20. Jahrhunderts gleichermaßen empfehlenswerte Veröffentlichung.
Holger Sambale [02.03.2026]
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Komponisten und Werke der Einspielung
| Tr. | Komponist/Werk | hh:mm:ss |
|---|---|---|
| CD/SACD 1 | ||
| Hans Gál | ||
| 1 | Streichquintett op. 106 | 00:31:57 |
| 5 | Streichquartett Nr. 4 op. 99 | 00:28:31 |
| 9 | Intermezzo op. 10 Nr. 1 für Streichquartett | 00:03:45 |
| 10 | Intermezzo op. 10 Nr. 2 für Streichquartett | 00:03:26 |
| 11 | Intermezzo op. 10 Nr. 3 für Streichquartett | 00:03:26 |
| 12 | Intermezzo op. 10 Nr. 4 für Streichquartett | 00:05:08 |
| 13 | Intermezzo op. 10 Nr. 5 für Streichquartett | 00:04:52 |
Interpreten der Einspielung
- Katalin Kertész (Violine)
- Reijo Tunkkari (Violine)
- Hanna Pakkala (Viola)
- Emiliano Travasino (Viola)
- Lauri Pulakka (Violoncello)
- Ulla Lampela (Violoncello)
