Robert Kahn
Complete Piano Quartets • Serenade for String Trio
Zilliacus Trio • Oliver Triendl
cpo 555 150-2
2 CD • 1h 33min • 2017, 2023
16.02.2026
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Gesamteindruck:![]()
Klassik Heute
Empfehlung
Was ist künstlerische Eigenständigkeit? Ist der Künstler eigenständig, wenn seine Werke an möglichst wenige andere Künstler erinnern? Ist er es, wenn er sich offensichtlich an ein bestimmtes Vorbild anlehnt, weil dies seiner Neigung nun einmal entspricht, und er seine ganze schöpferische Kraft in den Dienst der Ideale stellt, die er anhand seiner Beschäftigung mit dem Vorbild gewonnen hat? Robert Kahn war definitiv kein Künstler, der auf Biegen und Brechen anderen unähnlich sein wollte. Im Gegenteil: Seine Werke verraten eine immense Zuneigung zu Brahms. In diesem Fall hat der ältere Meister die Sympathie auch erwidert, sodass Kahn zu den nicht zahlreichen Komponisten der jüngeren Generation gehörte, die von Brahms gefördert wurden.
Musikalischer Einfallsreichtum
Kahn repräsentiert den Typus des „Brahms-Schülers“ vielleicht am reinsten, denn einerseits erfreute er sich eines wesentlich kräftiger sprudelnden Einfallsreichtums als Gustav Jenner (der einzige Komponist, der von Brahms echten Unterricht erhielt); zum andern vermischt sich in Kahns Werken nicht Brahmssches Idiom mit moderneren Tendenzen wie bei den jüngeren Zemlinsky und Rabl. Dabei hat es Kahn, der nie eine Symphonie schrieb und sich als Sonatenkomponist auf Kammermusikwerke beschränkte, taktvoll vermieden, emotionale Extreme des Vorbilds imitieren zu wollen. Man sollte also an seinen Werken nicht bemängelt, dass sie weniger monumental, weniger abgründig, auch weniger gemütlich sind als entsprechende Brahmssche Stücke – das hätte Kahn wohl als erster zugegeben –, sondern sich darauf konzentrieren, was man an dieser Musik hat. Und das ist viel!
Einprägsame Themen
Die drei zwischen 1891 und 1904 Klavierquartette, die Oliver Triendl und das Ziliacus-Trio für cpo aufgenommen haben, stellen ihrem Autor ein hervorragendes Zeugnis aus. Kahn ist ein begnadeter Erfinder einprägsamer Themen, aus deren motivischen Bestandteilen er abwechslungsreiche Varianten, Ableitungen und Weiterführungen zu gewinnen versteht. Die Sätze sind konzentriert gearbeitet, von keiner einzelnen Passage könnte man sagen, sie sei zu lang oder nur da, um einem schematischen Formplan Genüge zu tun. Man merkt in jedem Moment, dass für Kahn, wie auch für Brahms, der klassische Formenkanon kein mit innerer Distanz aufgenommener Lehrbuchstoff ist, sondern natürliches Ausdrucksmittel persönlicher Empfindung. Kahn gelingt eine Kunst ohne jeglichen Manierismus. Die vom großen Vorbild gelernten Kunstgriffe sind tatsächlich noch solche. Die klassischen Formen werden nicht bloß ausgefüllt, sondern blühen auf unter den Händen eines Meisters.
Unbekannte Perle der Streichtrioliteratur
Den relativ frühen Quartetten findet sich in dem Doppel-Album noch die 1933 entstandene Serenade für Streichtrio beigegeben. Der Komponist – den die Nationalsozialisten aufgrund seiner jüdischen Herkunft bereits aus dem Kulturleben auszugrenzen begannen – schrieb dieses Werk nach eigenem Bekunden nur noch zu seiner eigenen Freude, gab ihm keine Opuszahl mehr und bemühte sich nicht um eine Veröffentlichung. Stilistisch unterscheidet es sich nicht wesentlich von den Klavierquartetten. Die Beschränkung auf drei Streicherstimmen brachte es aber mit sich, dass Kahn in diesem Werk noch intensivere Wirkungen rein polyphoner Schreibweise gelingen. Man kann nur bedauern, dass diese Perle der Streichtrioliteratur durch die widrigen Umstände ihrer Entstehungszeit so lange unbekannt blieb – und hoffen, dass die vorliegende Aufnahme dem entgegenwirkt.
Überzeugende Interpretation
Die Aufnahmen sind bestens geeignet, den Kompositionen Freunde zu gewinnen. Oliver Triendl erweist sich ein weiteres Mal als vorzüglicher Kammermusikpianist, der den übrigen Instrumenten Raum zur Entfaltung lässt, aber auch, wo die Musik es fordert, das Geschehen zu dominieren weiß. Die Musikerinnen des Ziliacus-Trios überzeugen gleichermaßen als quasi-orchestraler Mit- und Gegenspieler des Klaviers, als auch auf sich allein gestellt in den feinen kontrapunktischen Verästelungen des Streichtrios. Das Zusammenspiel aller Beteiligten ist in jedem der Werke lobenswert.
Norbert Florian Schuck [16.02.2026]
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Komponisten und Werke der Einspielung
| Tr. | Komponist/Werk | hh:mm:ss |
|---|---|---|
| CD/SACD 1 | ||
| Robert Kahn | ||
| 1 | Klavierquartett Nr. 1 h-Moll op. 14 | 00:23:12 |
| 4 | Klavierquartett Nr. 2 a-Moll op. 30 | 00:24:40 |
| CD/SACD 2 | ||
| 1 | Klavierquartett Nr. 3 c-Moll op. 41 | 00:25:43 |
| 5 | Serenade a-Moll für Streichtrio | 00:19:25 |
Interpreten der Einspielung
- Zilliacus Trio (Streichtrio)
- Oliver Triendl * 1970 (Klavier)


