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CD-Besprechung

Kendlinger

Carmina Burana

Kendlinger

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9

Klangqualität:
Klangqualität: 9

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Besprechung: 27.07.16

Da Capo 2024

1 CD+DVD • 2h 37min • 2015

Carl Orffs Carmina Burana gehört zu den Hits des Konzertrepertoires – aber es gibt auch kaum etwas vergleichbares: Uralte Texte propagieren geistreich und humorvoll zugleich die Wonnen und Laster des prallen Lebens, leisten sich sogar manch sarkastische Verballhornung herrschender klerikaler Anschauungen, ebenso antiker Göttermythen bis hin zu einer deftigen Liebesakt-Szene mit der Liebesgöttin. Carl Orff war von diesem Stoff inspiriert genug, um dies in eine archaisch-wuchtige Klangwelt zu kleiden. Die Mischung traf ins Schwarze und der Rest ist Geschichte, war doch diesem lateinischsprachigen weltlichen Oratorium eine beispiellose Erfolgsstory beschieden. Da war es eine Frage der Zeit, bis auch Matthias Georg Kendlinger um dieses illustre Werke nicht mehr herumkam. Kendlinger ist ohnehin eine Phänomen für sich. Von klein auf musikbegeistert, hat er in die Profilaufbahn eher per Zufall und autodidaktisch hinein gefunden. Zudem ist er ein umtriebiger Selbstvermarkter, der für seine Produktionen keine öffentlichen Zuschüsse braucht und dem eine spontan spürbare Augenhöhe mit dem Publikum alles ist.

Kendlingers neue aktuelle Deutung der Carmina Burana bringt daher all diese Aspekte so zusammen, als hätten sie schon immer zusammen gehört. Wieder dirigiert der gebürtige Tiroler sein eigenes, von ihm ins Leben gerufenes Orchester, die „K und K Philharmoniker“. Zur Seite stehen ihm die ausgesprochen wandlungsfähigen Sängerinnen und Sänger des Nationalchores Lviv.

Alle zusammen erweisen sich als gute, auf dieses Repertoire eingeschworene Symbiose. Das erste, was den Hörer hier regelrecht anspringt, sind mutig dosierte Spannungsmomente, die Kendlingers Dirigat vor allem über Tempi und Agogik herbei führt. Aber er widersteht auch der Versuchung, all zu arg die Flucht nach vorne zu strapazieren. Aufrührerische Kontrastwirkungen tun sich zwischen den getragenen Solopassagen und raschvorwärtsstürmenden Chören auf. Allein diese Lebendigkeit erlaubt dem Hörer frische Blickwinkel auf die scheinbar vertraute Materie. Und der Spannungsbogen bleibt steigerungsfähig, hat auch im späteren Verlauf immer noch genug Luft und Raum für exaltierte Klangeruptionen. Abgrundtiefe Wucht entfaltet die Bass-Perkussion zusammen mit den tiefen Streichern. Flirrende Hintergrundklänge von Violinen erzeugen knisternde Hochspannung zu manchen Gesangsparts. Perkussive Glanzlichter funkeln. Über viele Passagen treibt die Rhythmik mit straffer Führung voran. Vor allem wenn diese in spitzen synkopischen Schlägen die unbetonten Zählzeiten auskostet, fühlt sich Kendlinger scheinbar in seinem ureigenen Element.

Die wandlungsfähigen Solostimmen stehen dem in punkto Ausdrucksstärke nicht nach: Tilman Ungers Tenor schraubt sich, unterbrochen von aufblitzenden Instrumentalzwischenspielen, mit bebendem Vibrato in die Höhe, vor allem in seiner Bravourarie über den gebratenen Schwan, der bei einem Schlemmer-Gelage auf dem Tablett kredenzt wird.

Stepan Drobits Bariton atmet viel berückende Wärme, vor allem im Lied „Onnia sol Temperat.“ Aber er kann auch anders: Mit druckvollem Biss in der Stimme stellt er vieles klar in jenem Abschnittes über die „Taverna“, die ohnehin das Lebenszentrum der ganzen Sauf- und Vagantenliedern des Mittelalters sind. Die Liebe in all ihren Höhenflügen und Wirrungen verhandelt der dritte große Abschnitt – und da wird Sopranistin Anna Shumarina ihrer Aufgabe mit viel Leidenschaft gerecht.

Dazu wartet der Ukainische Nationalchor mit hellwacher Präsenz auf – nicht nur, wenn er in rasch geschnittenen Zwischengesängen kommentierend ins Geschehen eingreift, sondern auch, wenn alle Sängerinnen und Sänger gemeinsam in euphorisch-hymnischem Taumel abheben.

Schillernd bunt und auf eigenwillige Weise auch anarchisch ist dieses Werk. Kendlinger und sein Orchester rufen hier Euphorie und Energie ab, ohne dass es in Klamauk mündet. Vielmehr ist eine hochkonzentrierte Ernsthaftigkeit und spielerische Disziplin bei allen Beteiligten das Erfolgsrezept.

Die Produktion macht nicht nur vieles hörbar, sondern ebenso auch sichtbar: Wieder dokumentiert eine Live-DVD diesen Konzertmitschnitt, was noch für eine ganz andere Erlebnisdimension sorgt. Deutlich wird, welch charismatische Ausstrahlung Kendlinger auf seine Musiker hat. Hier sind alle Beteiligten offenkundig ganz bei der Sache. So entsteht Musik, die auch scheinbar vertrautes neu erfahrbar macht!

Stefan Pieper [27.07.2016]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 C. Orff Carmina Burana (Lieder aus Benediktbeuren. Weltliche Gesänge für Soli, Chor und Orchester)

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Anna Shumarina Sopran
Tilmann Unger Tenor
Stepan Drobit Bariton
Ukrainischer Nationalchor Lviv Chor
K&K Philharmoniker Orchester
Matthias Georg Kendlinger Dirigent
 
2024;9120006600408

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