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CD-Besprechung

J. Brahms • R. Schumann

claXl 1 CD HCD0909

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9

Klangqualität:
Klangqualität: 7

Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 8

Besprechung: 03.04.09

claXl HCD0909

1 CD • 54min • 1958, 1955

Wenige Monate nach einer ersten Kempff-Publikation schiebt das Label Classical excellence in Sachen Wilhelm Kempff mit einer für viele Klavierenthusiasten sicher aufregenden Edition nach. Im vergangenen Jahr war es Kempffs Potsdamer Klavierabend vom 7.10.1963 (HCD 0808) mit Werken von Bach, Brahms und Schubert. Nun ist es das B-Dur-Konzert von Brahms, das – nach Meinung von echten Kempff-Eingeweihten – bislang noch nie auf einem Tonträger zu haben, zu genießen und natürlich auch zu debattieren war. In meiner frühen Zeit des Hörens und des Gewichtens von großer, aber auch von lokaler Pianistik hatte ich stets den Eindruck, Kempff würde Mühe haben mit den markanten Akkordstrecken des ersten Satzes, mehr noch: er drücke sich um dieses Konzert herum, da mir nur eine Wiedergabe des d-Moll-Konzerts zu Ohren kam. Nun ist es Zeit, diese etwas vorwitzige, grünschnäbelige Einschätzung zu korrigieren. Denn Kempff – auf geliebtem italienischen Boden, nahe seiner zweiten Heimat Positano – verstand es durchaus, den genannten Akkorden Kraft und Tempo und den finalen, vertrackten Trillereruptionen Glanz zu verleihen. In einer Hinsicht aber bewegte er sich mit den Kollegen der Vor- und der frühen Nachkriegszeit auf einer Ebene des grifftechnischen Missgeschicks (bzw. des Desinteresses an klinischer Sauberkeit). Die weiten Sprungdistanzen am Ende der ersten Solopassage zeigen Kempff – wie Schnabel, Edwin Fischer oder auch Elly Ney, um nur drei begnadete Pianisten herauszuheben – als kämpfenden, aber auch einigen Datenmüll produzierenden Eröffnungshelden. Nun aber – wenn sich die Lage beruhigt hat, wenn dem Pianisten Einfühlung, singende Auskünfte und quasi kammermusikalische Fußnoten abverlangt werden – kommt Stimmung auf, beginnt es vom Klavier her zu schwingen und zu liebkosen, umarmen sich der Solist mit dem – erstaunlich – tüchtigen Alessandro Scarlatti-Orchester in musikantischer Einhelligkeit. Und die beiden – wie schon gesagt –fast schon mörderischen Akkordstrecken mit den von der linken Hand mächtig unterlegten Oktavsprüngen gelingen Kempff mit erstaunlicher Bravour, vor allem mit genügend Spannung und Intensitätssteigerung bis hin zu den abschließenden Trillerbebungen. Man kann nicht verschweigen, dass in diesen Phasen Pianisten wie Richter, Shukow oder Weissenberg über die kraftvollere, zuweilen durchaus auch brutalere Technik gebieten; aber Kempff verstand es, dem lyrisch-dramatischen Auf- und Ab, also dem Kommen und Gehen der Themen und Motive des Kopfsatzes unwiderlegbare Vital- und Leuchtkraft zu verleihen. Vorzüge eines sinnlich-sinnenden, auch versonnenen Spiels, das sich in den folgenden drei Sätzen nicht nur bewährt, sondern diesem Brahms-Konzert eine visionäre, von Erdenschwere befreite Aura verleiht.

Über Kempffs klavier-floristische Genialität bedarf es kaum der Worte: Schumanns Blumenstück erblüht im italienischen Süden des Jahres 1955 wie im ewigen Frühling pianistischer Vegatation – es duftet geradezu aus den Lautsprechern.

In diesem Zusammenhang erlaube ich mir auf eine Buchpublikation hinzuweisen, die allen Kempff-Verehrern, aber auch den Musikliebhabern ganz allgemein eine Fülle von Informationen gibt, darüber hinaus tiefe Einblicke in eine faszinierendes, in manchen Phasen (der NS-Zeit!) nicht ganz unproblematisches Künstlerleben eröffnet. Es handelt sich um Klaus Linsenmeyers umfangreiche, bewundernswert recherchierte Zusammenstellung des Kempffschen Lebensweges mit sorgfältiger Auflistung aller Schallplatten- und Rundfunkaufnahmen und Fernsehaufzeichnungen. Linsenmeyer – sozusagen ein Monsaigeon der deutschen Pianistik im Namen Kempffs – hat mit diesem im Verlag Florian Noetzel /Heinrichshofen-Bücher erschienenen Werk nicht nur Verdienste um den Künstler Kempff erworben, sondern auch im Zuge seiner „Ermittlungen“ dem Leser die deutsche Musikgeschichte näher gebracht (ISBN 3-7959-0849-3).

Vergleichsaufnahmen: Brahms: Backhaus – Böhm (Hänssler 94203); Anda – Rosbaud (Hänssler 94203), Curzon – Knappertsbusch (Decca 478 1386); Weissenberg – Prêtre (DVD Medici arts 3078048); E. Fischer – Furtwängler (Testament SBT 1170); E. Fischer – H. Münch (Music & Arts 1080/6); Richter – Leinsdorf (RCA), Shukow - Roshdestwensky (Melodya).

Peter Cossé [03.04.2009]

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.KomponistWerkhh:mm:ss
1 J. Brahms Konzert Nr. 2 B-Dur op. 83 für Klavier und Orchester 00:47:06
6 R. Schumann Blumenstück Des-Dur op. 19 00:06:35

Interpreten der Einspielung

Interpret(en)Besetzung
Wilhelm Kempff Klavier
Orchestra Alessandro Scarlatti Di Napoli Della Rai Radiotelevisione Italiana Orchester
Pietro Argento Dirigent
 
HCD0909;4260137510124

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