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CD-Besprechung

Jean Sibelius

Vol. 1: Tone Poems

BIS 1900/02

5 CD • 6h 29min • 1995-2007

21.11.2007

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität:
Klangqualität: 9
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Dieser Karton hat auf einen Schlag die Befürchtung zerstreut, die ich vor einigen Monaten äußerte: daß nämlich die bei BIS entstehende Sibelius-Enzyklopädie in die Hände eines Billiganbieters übergehen und als Gesamtpaket nebst Schmalspur-CD-ROM verhökert werden könnte. Dem ist nicht so, vielmehr hat die Firma ihr eigenes, äußerst anerkennenswertes Konzept, wie der beigelegte Veröffentlichungsplan und das große J auf der Rückseite der Box verraten. Demnach sind, die Leerstelle zwischen Vor- und Nachnamen eingerechnet, dreizehn Teile vorgesehen (J-E-A-N S-I-B-E-L-I-U-S), auf die BIS die bisherigen Produktionen nebst verschiedenen Miszellen thematisch verteilen wird. Im März 2010 soll das Unternehmen abgeschlossen sein, und nach allem, was ich bislang aus dieser Reihe kenne, wird es nicht nur eine vollständige, sondern auch eine beinahe vollkommene Serie werden. Wer also bislang noch einige Lücken im Regal hat, sollte sie vorsorglich für die nächsten Kassetten freilassen – ganz gleich, wie die immer hurtiger aufeinanderfolgenden UN-Klimaberichte auch lauten mögen.

Schon vor gut anderthalb Jahrzehnten konnten wir ahnen, daß Osmo Vänskä und das Lahden kaupunginorkesteri ihr gemeinsames Unternehmen nicht als bloße Katalogaufstockung verstanden: Das Violinkonzert (Solist: Leonidas Kavakos) kam damals nicht nur in seiner bekannten Standardversion von 1905, sondern zum ersten Mal auch in der rund zwei Jahre älteren Urfassung heraus, und so war es möglich, einen ersten Eindruck von den steinigen Wegen zu erlangen, über die Sibelius zu seinen Meisterwerken gelangte (BIS CD-500). Im Anschluß waren immer wieder spektakuläre Entdeckungen zu verzeichnen. Die Urgestalten der Saga zum Beispiel oder der Lemminkäinen-Suite, ganz besonders aber der erste Zustand der fünften Symphonie (derzeit noch in einem klassischen 4CD-Set mit all ihren Geschwistern erhältlich) vermittelten eine immer klarere Vorstellung sowohl von der Arbeitsweise wie auch von den Kämpfen des Meisters bei der Suche nach schöpferischer Vollkommenheit. Was da alles weggeschnitten, gestaucht, vereinfacht, gestrafft werden mußte, um das Ideal zu erreichen, erinnert in manchem eher an den Beruf eines Michelangelo: Die perfekte Gestalt war da, sie mußte nur aus dem Stein herausgeschlagen werden. Welche Anstrengung das kostet, insbesondere, wenn man eigentlich weiß, wo’s hingehen soll, einem aber ständig irgendwelche unerklärlichen Störfelder in die Quere kommen, das kann man ahnen, wenn man diese Aufnahmen hört – oder auch die Einspielung der ersten Symphonie, die Osmo Vänskä und das Orchester aus Lahti so herzhaft bei der Gurgel nehmen, als ob es gelte, eine Skulptur aus Ton und nicht aus Tönen zu formen ...

Das J der geplanten Serie enthält nun also gleich alle symphonischen Dichtungen nebst ihren Urzuständen. Dabei sind En Saga, Lemminkäinen, In memoriam op. 59, Finnland erwache (die spätere Finlandia) vielleicht eher „interessant” für das Verständnis der Schaffensprozesse; die beiden Spielarten der Okeaniden op. 73 jedoch sind ohne Frage weit mehr als das: Hier stehen wir tatsächlich zwei verschiedenen und vollgültigen Werken über dieselben Ton-Substanzen gegenüber, die den Hörer jeweils ganz gewaltig mitnehmen können – jedenfalls, wenn sie mit der hier entfesselten Wucht losbrechen.

Überhaupt scheint mir das ein Verdienst der vorliegenden Interpretationen zu sein: diese immense Ausdruckspalette zwischen sensibler, nervöser Atmosphärenzeichnung und Eruptionen, die einen förmlich emporzuschleudern scheinen, als ob man auf einem der kolossalen Sandwürmer des Wüstenplaneten dahinritte. Weshalb ich mich nicht scheue, die Einspielung der letzten Dichtung Tapiola, die es schon in der symphonischen Box (BIS-CD 1286/88) gab, zu einer der mitreißendsten Lesarten zu erklären, die mir je untergekommen sind, und mich eigentlich nur meine chronische Abneigung gegen „superlativste” Attribute davon abhält, sie als „die beste” zu apostrophieren. Noch schwerer wird mir diese Zurückhaltung bei Luonnotar: Wie hier aus den feinsten Streicherfigurationen der Kosmos entsteht, als beginne sich ein Gott oder göttliches Wesen mit äußerster Behutsamkeit zu regen; wie Helena Juntunen die fremdartige Linie der Kalevala-Silben entsprechend vibrieren läßt, bis aus dem Zusammenwirken der beteiligten Kräfte und Spannungspole das Firmament sich wölbt – das habe ich fürwahr noch nie überzeugender, eindringlicher und, auch das kein unverächtliches Kriterium, einfach schöner gehört als hier. Allein für diese acht Minuten und fünfzig Sekunden lohnte sich die Anschaffung dieser Kassette, die sowohl nach Inhalt wie Ausstattung ein mehr als gelungener Anfang ist.

Rasmus van Rijn [21.11.2007]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Jean Sibelius
1En Saga op. 9 00:21:51
2Lemminkainen-Suite op. 22 (Vier Legenden für Orchester) 00:14:24
CD/SACD 2
1Frühlingsgesang op. 16 (Tondichtung) 00:09:18
2The Wood Nymph op. 15 (Ballade für Orchester) 00:21:37
3En Saga op. 9 für Orchester 00:18:03
4Cassazione op. 6 00:12:14
5Musik zu einer Scène 00:05:32
6Finnland erwacht 00:21:37
CD/SACD 3
1Finlandia op. 26 Nr. 7 (Tondichtung für Orchester) 00:08:28
2Frühlingsgesang op. 16 (Tondichtung) 00:07:34
3In memoriam op. 59 (Trauermarsch für großes Orchester) 00:11:21
4Lemminkainen-Suite op. 22 (Vier Legenden für Orchester) 00:49:08
CD/SACD 4
1Pohjolas Tochter op. 49 00:13:10
2Nächtlicher Ritt und Sonnenaufgang op. 55 00:17:20
3Die Dryade op. 45 Nr. 1 00:05:07
4Tanz-Intermezzo op. 45 Nr. 2 00:02:41
5Der Barde op. 64 (Tondichtung) 00:07:32
6Die Okeaniden op. 73 (Letzte Fssg., 1914) 00:10:03
7Tapiola op. 112 00:17:22
CD/SACD 5
1Luonnotar op. 70 für Sopran und Orchester (1913) 00:08:50
2Die Okeaniden op. 73 (Yale version, 1914) – Larghetto 00:07:25
3In memoriam op. 59 (Trauermarsch für großes Orchester) 00:10:25
4Cassazione op. 6 00:12:55
5Scènes historiques Nr. 1 op. 25 (Konzertsuite) 00:18:09
8Scènes historiques Nr. 2 op. 66 (Konzertsuite) 00:17:51

Interpreten der Einspielung

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