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CD-Besprechung

Dietrich Buxtehude Opera Omnia III

Challenge Classics CC72242

1 CD • 60min • 2006

22.06.2007

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Zusätzlich zur vielbeachteten und künstlerisch glücklich verlaufenen Bach-Totale bei Challenge – anfangs und vormals bei Teldec erschienen – hat Ton Koopman nun auch noch eine umfassende Buxtehude-Initiative gestartet, die dem Musikmarkt pünktlich zum Jubiläumsjahr sowohl bereits Kantaten, Cembalo-Werke als auch nun eine größere Portion aus dem Orgelwerk beschert hat. Seine ohnehin schon intensive Aufnahmetätigkeit hat der Niederländer also noch einmal gesteigert, und dennoch zeigen die aktuellen Orgelaufnahmen nicht auch nur das geringste Zeichen von Ermüdung. Koopman lebt einfach seit vielen Jahren in der Musik, er befindet sich auf seinem künstlerischen Zenith und liefert schon wegen seines überschäumenden Temperaments nie Dutzendware ab. Im Gegenteil hat ihm – wenn man seine Karriere überschaut – eine positiv verstandene Routine stets eher gut getan, weil sie manche Neigung zur Nervosität und Hyperaktivität ein wenig gemäßigt hat. Koopman läuft nämlich, wie die bislang erschienenen zwei Alben mit Orgelwerken Buxtehudes zeigen, dann zur Höchstform auf, wenn seine Kraft sich an einem Widerstand messen kann. Einen solchen Anlaß liefern die Orgeln, für die sich Koopman hier entschieden hat: Sowohl das Instrument von Coci/Klapmeyer in der St. Nicolai-Kirche von Altenbruch (1498/1728) als auch die Wilde/Schnitger-Orgel der St. Jacobi-Kirche von Lüdingsworth sind zwar erstklassig erhalten bzw. erneuert, dazu sehr präzise mitteltönig intoniert worden; sie wurden in den exzellenten Aufnahmen überaus natürlich, direkt, und genügend trocken abgebildet. Schließlich handelt es sich auch um für ihre Zeit prächtige Orgelbauten.

Für Koopmans Verlangen nach Volumen erweisen sie sich freilich immer noch als zu klein. Zu dieser Vermutung muß man kommen, wenn man hört, mit welcher Verve, ja bisweilen Aggressivität Koopman die einzelnen Werke angeht. Er wählt nicht nur durchgehend schnelle Tempi, wohl aus dem Gefühl heraus, daß langsame Tempi bei diesen Miniaturen nicht tragen würden; er verfolgt die Strategie, durch Energetik und eine in ihrer Gegenwärtigkeit anspringende Verzierungsvirtuosität den Hörer zu regelrecht zu überwältigen. Man höre etwa, wie er im Präludium E-Dur BuxWV 141 die einzelnen Motive entschlossen strafft, ähnlich wie in der Choralbearbeitung Nun freut euch, liebe Christeng’mein, wo die winzigen Kurzmotive in ihrer geräuschvollen Perkussivität schon fast prä-mozartisch wirken. In der Ciacona e-Moll BuxWV 160 stellt Koopman ein rhythmisch bestimmtes Non-Legato aus, obwohl ihm natürlich auch ein schmelzendes organistisches Legato zur Verfügung stehen würde; ebenso ins Bild paßt, daß die „pausa“, also die kadenzierende, quasi-improvisatorische Schlußentwicklung des Präludiums G-Dur BuxWV 162, fast slapstickartig schnell ausgeführt wird. Auch die Choralbearbeitungen, etwa Nun lob, mein Seel’, den Herren BuxWV 213, bekommen einen fast drolligen Zug mit, insofern sie an ein mechanisches Spielwerk erinnern – ein Eindruck, den Bernard Foccroulles Interpretation innerhalb seiner bei Klassik Heute rezensierten Gesamteinspielung bei Ricercar nicht einmal von Ferne vermittelt: Dieser führt vielmehr eine gelassene Variationsfolge vor, wo Koopman einen verspielten, geradezu automatenhaften Manierismus evoziert.

Ob das nun die Toccata F-Dur BuxWV 157 ist oder das Präludium D-Dur BuxWV 139, wo er nun wirklich alles aus dem Instrument herausholt, was irgendwie möglich ist: Koopman scheint manchmal geradezu ungeduldig mit den älteren Instrumenten zu sein und versucht, mit einer Überfülle an Information das zu kompensieren, was ihm an Klangpracht abgeht. So erklärt sich, daß die Verzierungspracht selbst für einen Koopman, der bekanntlich immer genug zu tun haben muß, um spielerisch ausgelastet zu sein, in diesen Einspielungen wohl singulär sein dürfte. Im Vergleich gehört, dürfte Foccroulles Gesamteinspielung dem Hörer wohl zahm, mindestens jedoch konventionell vorkommen; in manchen Fällen dürfte er die Natürlichkeit jedoch auch als wohltuend empfinden, da Koopmans Intensität bisweilen, zumal über längere Strecken hinweg, ermüdet. Die perfekte Interpretation dürfte gleichwohl kaum auf einem Mittelweg zu suchen sein; Koopman ist ihr immer dann sehr nahe, wenn er seine Originalität gerade soweit zügelt, daß sie nicht in die Künstelei führt.

Vergleichseinspielung: Buxtehude: Das Orgelwerk; Bernard Foccroulle, verschiedene Orgeln; Ricercar/note 1 250

Dr. Michael B. Weiß [22.06.2007]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Dietrich Buxtehude
1Präludium und Fuge fis-Moll BuxWV 146 00:06:43
2In dulci jubilo BuxWV 197 00:02:08
3Präludium G-Dur BuxWV 162 00:04:44
4Ach Herr, mich armen Sünder BuxWV 178 00:02:56
5Präludium und Fuge E-Dur BuxWV 141 00:05:51
6Nun lob, mein Seel, den Herren BuxWV 213 00:06:19
7Chaconne in e BuxWV 160 00:05:13
8Nun freuet euch, lieben Christen gmein BuxWV 210 (Choralfantasie) 00:12:26
9Präludium D-Dur BuxWV 139 00:05:23
10Von Gott will ich nicht lassen BuxWV 220 00:01:48
11Canzonetta in e BuxWV 169 00:02:57
12Toccata F-Dur BuxWV 156 00:07:04

Interpreten der Einspielung

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