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Besprechung CDAdolf Reichel

Adolf Reichel

Sinfonien Nr. 1 und 2
Berner Symphnieorchester • Christoph-Mathias Mueller

Schweizer Fonogramm SF0023

1 CD • 71min • 2025

28.08.2026

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 9
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Mit Musik aus der Schweiz hat es in mancherlei Hinsicht seine eigene Bewandtnis: es gibt erheblich mehr (quantitativ und qualitativ), als es auf den ersten Blick scheinen mag, und bei einem Blick auf die Kataloge stellt man immer wieder mit Bedauern fest, wieviel Gutes und Lohnenswertes doch allzu rasch in Vergessenheit geraten ist. Auf der anderen Seite begegnet man bis zum heutigen Tage immer wieder ganz bemerkenswerten Schweizer Komponisten bis zurück ins 19. Jahrhundert, die aus welchen Gründen auch immer über Jahrzehnte keine Rolle gespielt haben – Fritz Brun und Joseph Lauber seien etwa unter den Neuerscheinungen der letzten 15 Jahre genannt. Hier reiht sich als jüngster Fund nun auch Adolf Reichel (1816–1896) ein.

Befreundet mit Revolutionären und Ahnvater einer Musikerdynastie

Reichel, Sohn eines westpreußischen Gutsbesitzers, hat einen erstaunlichen Lebensweg vorzuweisen, der ihn nicht nur in Metropolen wie Berlin, Paris oder Dresden führte, sondern auch Freundschaft mit Revolutionären wie Michail Bakunin oder Alexander Herzen schließen ließ; auch mit Karl Marx war er bekannt. In die Schweiz zog es ihn erst 1867, als er Musikdirektor in Bern und später u.a. erster Chefdirigent des heutigen Berner Symphonieorchesters wurde; es ist somit „sein“ Orchester, das hier den ersten Tonträger mit seinen beiden Sinfonien vorlegt. Reichel wurde dort Stammvater einer veritablen Musikerdynastie; in der Tat ist seine Ururenkelin Regina, eine Geigerin, eine der treibenden Kräfte hinter seiner musikalischen Renaissance, ihrerseits verheiratet mit dem Trompeter Max Sommerhalder, der den sehr informativen, profund in Vita und die beiden Sinfonien einführenden Begleittext beigesteuert hat – ein Stelldichein bekannter Namen also.

Ein musikalischer Traditionalist

In musikalischen Belangen war Reichel ein Traditionalist, teils erklärtermaßen und in bewusster Ablehnung der Musik Wagners oder Liszts, teils bedingt durch seine musikalische Prägung und sein künstlerisches Naturell. Beide Sinfonien entstanden in den 1860er Jahren, die erste 1860–63, die zweite wohl 1869, und natürlich ist diese Musik für ihre Entstehungszeit entschieden konservativ orientiert. Reichel geht insbesondere vom frühen Beethoven aus, selbst dann, wenn etwa im Finale der 1. Sinfonie das Finale von Beethovens Siebter kurz anklingen mag, aber es ist in Summe doch eher der Beethoven der Sinfonien Nr. 1, 2 oder 4, der Reichel am nachhaltigsten beeinflusst. Ein wichtiger Bezugspunkt ist die Musik der Frühromantik, etwa die frühen Sinfonien von Schubert oder Louis Spohr; erwähnenswert der lichte, fast spielerische Klangcharakter von Reichels Musik, in der u.a. die Holzbläser eine wichtige Rolle spielen. Auch Mendelssohn scheint hier und da durch, aber letztlich eher am Rande und nota bene nicht in den Scherzi. Spätestens dann, wenn man sich im langsamen a-moll-Andante der Sinfonie Nr. 2 ein wenig an Bizets frühe Sinfonie erinnert fühlen mag, sollte man sich aber gewahr werden, dass es hier sicher nicht nur um direkte Einflüsse geht (die es gerade zwischen diesen beiden Werken schlicht nicht gegeben haben kann), sondern auch um die generelle musikalische Sprache einer Epoche.

Frische, unprätentiöse Musik

Anhand der Tonarten d-moll und C-Dur sowie der zeitlichen Nähe beider Werke liegt es nahe, ein Gegensatzpaar etwa im Sinne von Brahms’ Opera 80 und 81 oder den beiden Volkmann-Sinfonien zu vermuten. Tatsächlich ist dies keineswegs der Fall: Sommerhalder weist im Beiheft völlig zutreffend darauf hin, dass Reichel von Tonartencharakteristik nichts hielt, und so ist auch die d-moll-Sinfonie, deren Ecksätze in Moll beginnen und enden, eigentlich ein eher heiteres Werk. Die Kopfsätze beider Sinfonien zeichnen sich jeweils durch intensive, ja geistreiche Arbeit mit der eher lakonischen, bewusst elementar gehaltenen Thematik und Motivik aus. Wenn sich die beiden Werke im Charakter dann doch etwas unterscheiden, dann vor allem in ihrer Anlage: die C-Dur-Sinfonie ist die „klassische“ der beiden Sinfonien, mit einem wunderschönen Liedsatz an zweiter, einem ganz regulären Scherzo, vielleicht noch halb Menuett an dritter und einem ambitionierten Sonatensatz an vierter Stelle. Die d-moll-Sinfonie ist lockerer gefügt: hier haben die Mittelsätze fast ein wenig Suitencharakter, im Scherzo wird zum Tanze aufgespielt (mit parodistischer Fagotteinlage kurz vor Schluss), der langsame Satz ist eine Art Serenade, das Finale ein spritziger Kehraus. Christoph-Mathias Mueller dirigiert beide Werke mit Schwung, Energie und unter vorzüglicher Herausarbeitung der feingliedrigen (oft polyphon angelegten) thematischen Arbeit; lediglich die langsamen Sätze könnten eine Spur ruhiger, expliziter lyrisch genommen werden. Frische, unprätentiöse Musik, die ganz einfach eine Menge Spaß macht.

Holger Sambale [28.08.2026]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Adolf Reichel
1Sinfonie Nr. 1 d-Moll 00:34:29
5Sinonie Nr. 2 C-Dur 00:36:49

Interpreten der Einspielung

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