Die herzogliche Gambe • The Ducal Viol
Franz Xaver Hammer – Joseph Haydn – Johannes Mathias Sperger
Thomas Fritzsch • Klaus Mertens • Michael Schönheit
Rondeau ROP6287
1 CD • 78min • 2025
22.07.2026
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Gesamteindruck:![]()
Thomas Fritzsch, dem die Musikwelt bereits die Wiederentdeckung des einzigen Exemplars der 12 Fantasien für Viola da Gamba von Georg Philipp Telemann und vieler weiterer Werke für dieses Instrument in der Osnabrücker Ledebur-Sammlung verdankt, wurde erneut fündig. Diesmal stöberte er 14 Kompositionen von Franz Xaver Hammer (1746-1817), für den Joseph Haydn höchstwahrscheinlich seine Cello-Konzerte komponierte, in einer in Schwerin aufbewahrten Handschrift der Schlosskapelle Ludwigslust auf, bei der die Gambe originellerweise vorwiegend mit 2 Hörnern kombiniert wird. Da es der Weltersteinspielungen noch nicht genug waren, kamen zwei Divertimenti von Hammers für seine Kontrabasskonzerte berühmten Ludwigsluster Kollegen Johann Matthias Sperger (1750-1812) hinzu.
Die Gambe in der Zeit der Klassik
Nach landläufiger Meinung endete die Geschichte solistischen Gambenspiels mit Carl Friedrich Abel (1723-1787). Das Instrument verlor allerdings bereits um 1740 an allgemeinem Interesse, wovon Hubert Le Blanc in seiner geistreichen „Verteidigung der Viola da Gamba gegen die Angriffe der Violine und die Anmaßungen des Violoncells“ beredtes Zeugnis ablegt. Allerdings ließ sich Franz Xaver Hammer noch 1778 eine neue Gambe von Stadlmann in Wien bauen, der auch seinen damaligen Dienstherren auf Eszterházá mit dessen Lieblingsinstrument, dem Baryton belieferte. Diese wundervoll restaurierte Gambe erklingt in dieser Aufnahme. Auch verschiebt sich das Ende des offiziellen Gambenspiels somit auf das Jahr 1817. Dass die barocken Sonderformen der Streichinstrumente auch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch gelegentlich Verwendung fanden, belegt das virtuose Solo für Viola d’amore – einst ebenfalls Nebeninstrument der Gambisten – in Meyerbeers Hugenotten.
Interessante Entdeckungen
Hammers 14 Gambenstücke sind einzeln recht hübsch und in der Kombination mit den beiden Hörnern elegante höfische Unterhaltungsmusik. Als einzelne Häppchen zum Dessert höchst attraktiv, jedoch zu ähnlich, sodass sich aufgrund der schieren Menge eine gewisse Praliné-Übersättigung einstellen muss. Gut, dass sie durch die musikalisch substanziellen Divertimenti Spergers unterbrochen werden. Haydns Kantate Deutschlands Klage auf den Großen Friedrich Borußens König ist eine lange als verschollen geltende Kuriosität, die – ursprünglich für vierstimmigen Chor, obligates Baryton und Continuo – auf einen recht schwülstigen Text komponiert, aber gelegentlich auch solistisch dargeboten wurde.
Engagierte Interpretation
Thomas Fritzsch und seine Mitstreiter Michael Schönheit (Fortepiano), Stephan Katte, Pedro Rodrigues (Hörner), Eva Salonen (Violine), Stephan Wünsch (Cello) widmen sich diesem Cocktail unterhaltsamer Musik mit spürbar engagierter Entdeckerfreude. Fritzschs Instrument verfügt über einen eher schlanken Ton, was jedoch auch auf die vorzugsweise Verwendung der hohen Saiten in den Kompositionen des späten 18. Jahrhunderts liegen kann, die dem Instrument – ganz im Gegensatz zur Sonorität eines Marin Marais – einen eher ätherischen Charakter verleihen. Kompliment an die beiden Hornisten, die sich kammermusikalisch zurückzuhalten vermögen. Da die Werke kompositorisch eher mit den routinierten Formeln des späten Galanten Stils spielen, hätten „veränderte Reprisen“ das Ganze noch reizvoller erscheinen lassen. Die Haydn-Kantate liegt in der Oberstimme eher tenoral, was Klaus Mertens hörbar Schwierigkeiten bereitet, die sich vor allem in aspirierten Bindungen und einigen aus der Linie herausfallenden Tönen äußert.
Aufnahmetechnisch wurde alles richtig gemacht. Der Booklet-Text des Gambisten und Entdeckers ist außerordentlich informativ.
Thomas Baack [22.07.2026]
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Komponisten und Werke der Einspielung
| Tr. | Komponist/Werk | hh:mm:ss |
|---|---|---|
| CD/SACD 1 | ||
| Franz Xaver Hammer | ||
| 1 | Sammlung Ludwigslust Nr. 14 (Aria. Zauber Music des Azors) | 00:03:17 |
| 2 | Sammlung Ludwigslust Nr. 15 (Chor des femmes Re Theodor) | 00:02:03 |
| 3 | Sammlung Ludwigslust Nr. 16 (Der Traum il Re Theodor) | 00:02:38 |
| Johann Matthias Sperger | ||
| 4 | Divertimento G-Dur MeiS C V/2 für Fortepiano und Viola da gamba | 00:14:38 |
| Franz Xaver Hammer | ||
| 7 | Sammlung Ludwigslust Nr. 10 (Adagio) | 00:04:08 |
| 8 | Sammlung Ludwigslust Nr. 11 (Contra Tempo Menuetto) | 00:02:18 |
| 9 | Sammlung Ludwigslust Nr. 12 (Rondeau) | 00:02:48 |
| 10 | Sammlung Ludwigslust Nr. 13 (Grazioso) | 00:02:23 |
| Joseph Haydn | ||
| 11 | Deutschlands Klage auf den Tod Friedrichs Borußens König | 00:12:39 |
| Franz Xaver Hammer | ||
| 14 | Sammlung Ludwigslust Nr. 1 (Menuetto) | 00:02:19 |
| 15 | Sammlung Ludwigslust Nr. 2 (Allegro) | 00:01:23 |
| 16 | Sammlung Ludwigslust Nr. 3 (Adagio) | 00:02:17 |
| 17 | Sammlung Ludwigslust Nr. 4 (Menuetto) | 00:01:51 |
| 18 | Sammlung Ludwigslust Nr. 5 (Presto) | 00:00:57 |
| Johann Matthias Sperger | ||
| 19 | Divertimento B-Dur MeiS C V/4 für Fortepiano und Viola da gamba | 00:11:57 |
| Franz Xaver Hammer | ||
| 22 | Sammlung Ludwigslust Nr. 6 (Sonata à Viola da gamba) | 00:03:56 |
| 23 | Sammlung Ludwigslust Nr. 7 (Andantino) | 00:01:50 |
| 24 | Sammlung Ludwigslust Nr. 8 (Menuetto) | 00:03:43 |
| 25 | Sammlung Ludwigslust Nr. 9 (Presto) | 00:01:09 |
Interpreten der Einspielung
- Thomas Fritzsch (Viola da gamba)
- Klaus Mertens (Bariton)
- Michael Schönheit (Fortepiano)
- Stephan Katte (Horn)
- Pedro Rodrigues (Horn)
- Eva Salonen (Violine)
- Stephan Wünsch (Violoncello)


