Zum Tod von Herbert Blomstedt
Das Gewandhaus zu Leipzig nimmt in einem Nachruf Abschied von seinem ehemaligen Kapellmeister
Herbert Blomstedt
1927 – 2026
In tiefer Trauer nehmen wir Abschied von unserem ehemaligen Gewandhauskapellmeister und Ehrendirigenten Herbert Blomstedt, der am 04.11.2026 im Alter von 99 Jahren in Göteborg verstorben ist. Mit Herbert Blomstedt verliert das Gewandhausorchester einen der bedeutendsten Dirigenten unserer Zeit, einen außergewöhnlichen Musiker und einen Menschen von seltener Bescheidenheit, Integrität und Güte. Über Jahrzehnte prägte er das musikalische Leben Leipzigs weit über seine Amtszeit als Gewandhauskapellmeister hinaus. Wo immer Herbert Blomstedt das Podium betrat, begegneten ihm Publikum und Orchester mit außergewöhnlicher Zuneigung und tiefem Respekt. Seine Konzerte waren nie Selbstdarstellung, sondern stets ein Dienst an der Musik.
Von 1998 bis 2005 war Herbert Blomstedt 19. Gewandhauskapellmeister. Nach seinem Ausscheiden blieb er dem Orchester als Ehrendirigent in tiefer freundschaftlicher Verbundenheit erhalten. Noch im hohen Alter stand er mit bewundernswerter geistiger Klarheit, ungebrochener Neugier und großer künstlerischer Präsenz am Pult der führenden Orchester der Welt. Im Jahr 2022 wurde ihm für sein herausragendes Wirken das Große Verdienstkreuz mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen. Bereits 2017 ehrte ihn die Stadt Leipzig mit ihrer Ehrenmedaille.
Noch im Jahr seines 90. Geburtstages leitete Herbert Blomstedt die vierwöchige Jubiläumstournee des Gewandhausorchesters zum 275-jährigen Bestehen des Orchesters durch Europa und Asien. Bis zuletzt dirigierte Herbert Blomstedt mit einer künstlerischen Hingabe und inneren Kraft, die Musikerinnen, Musiker und Publikum gleichermaßen berührten.
„Die Musik soll sprechen – ich sehe meine Aufgabe darin, dass die Musik möglichst viel sagt, ich möglichst wenig.“ Kaum ein Satz beschreibt Herbert Blomstedts künstlerisches Credo treffender. Mit seiner Demut vor der Partitur, seiner außergewöhnlichen Musikalität und seiner tiefen Menschlichkeit wurde er für Generationen von Musikerinnen und Musikern zum Vorbild.
„Mit Herbert Blomstedt verlieren wir einen der größten Musiker unserer Zeit und einen außergewöhnlichen Menschen“, sagt Gewandhausdirektor Prof. Andreas Schulz. „Er hat das Gewandhausorchester künstlerisch nachhaltig geprägt und uns zugleich gelehrt, dass Größe aus Bescheidenheit erwächst. Seine Güte, seine Wahrhaftigkeit und seine unerschütterliche Hingabe an die Musik werden uns für immer Vorbild bleiben. Wir verneigen uns in Dankbarkeit vor seinem Lebenswerk.“
„Freunde.“ Mit diesem einen Wort beantwortete Herbert Blomstedt in einem Interview die Frage, was er einmal hinterlassen wolle, erinnert Bernhard Krug, Vorsitzender des Orchestervorstands. „Dass Herbert Blomstedt gerade dieses Wort wählte, sagt alles über ihn. Er hinterlässt unzählige Freunde in aller Welt – und ganz besonders in Leipzig. Er prägte unser Orchester mit höchster musikalischer Autorität, niemals durch Macht, sondern durch Vertrauen, Respekt und Menschlichkeit.“
Herbert Blomstedt übernahm das Gewandhausorchester 1998 als Nachfolger von Kurt Masur. Während seiner Amtszeit erneuerte er das Orchester behutsam, aber nachhaltig. Er schärfte Klang und Klangkultur, etablierte eine historisch informierte Aufführungspraxis, führte die deutsche Sitzordnung wieder ein und erweiterte das Repertoire entscheidend – von Bach, Händel, Haydn und Mozart bis hin zu Berwald, Sibelius, Nielsen und Stenhammar. Zugleich setzte er Maßstäbe in den Werken von Beethoven, Schubert, Mendelssohn, Brahms und Bruckner, deren Interpretationen bis heute Referenzcharakter besitzen.
Ebenso nachhaltig wirkte Herbert Blomstedt über das Konzertpodium hinaus. Er gab entscheidende Impulse für die Musikvermittlung, initiierte Familienkonzerte, begründete die Mendelssohn-Festtage und stärkte die internationale Ausstrahlung des Gewandhausorchesters. Entscheidende Impulse zur Internationalisierung und Professionalisierung hat er mit der Neuausrichtung des künstlerischen Managements gegeben und dafür auch die Position des Gewandhausdirektors wiederbesetzt. Zahlreiche preisgekrönte Einspielungen dokumentieren sein künstlerisches Vermächtnis.
Herbert Blomstedt war eine Ausnahmeerscheinung – nicht allein wegen seiner überragenden musikalischen Begabung, sondern weil er Kunst und Menschlichkeit in einzigartiger Weise miteinander verband. Das Gewandhausorchester verliert seinen Ehrendirigenten und eine in jeder Hinsicht vorbildliche und wegweisende Persönlichkeit. Leipzig verliert einen seiner größten Künstler. Seine Musik, sein Geist, seine Zugewandtheit und seine Menschlichkeit werden bleiben.
Die Großen Concerte des Gewandhausorchesters unter der Leitung von Andris Nelsons am 5., 6. und 8. November werden seinem Andenken gewidmet sein. Ein Kondolenzbuch liegt ab Freitag, 6. November 2026, im Hauptfoyer für einen persönlichen Abschied bereit.
- Fr., 6.11., 10 bis 18 Uhr
- Sa., 7.11., 10 bis 18 Uhr
- Mo., 9.11., 10 bis 17 Uhr
- Di., 10.11., 10 bis 18 Uhr
- Do., 12.11., 14 bis 18 Uhr
- Fr., 13.11., 10 bis 18 Uhr
Ein Vermächtnis, das bleibt
Die Zusammenarbeit mit dem Gewandhausorchester wurde von verschiedenen Labels dokumentiert. Dabei gilt die beim deutschen Klassiklabel Querstand herausgegebene Gesamteinspielung der Sinfonien von Anton Bruckner mit dem Gewandhausorchester als Referenzaufnahme dieser Werke und wurde 2013 mit dem International Classical Music Award ausgezeichnet.
Bei DECCA erschienen CDs mit Werken von Brahms, Bruckner, Hindemith, Mendelssohn und Strauss; die High Mass von Sven-David Sandström wurde bei der Deutschen Grammophon veröffentlicht und Mendelssohns Elias bei RCA Red Seal. Querstand veröffentlichte neben der Bruckner-Gesamteinspielung auch eine zehn CDs umfassende Auswahl von Leipziger Konzertmitschnitten aus Blomstedts Zeit als Gewandhauskapellmeister.
Im Juli 2017, anlässlich des 90. Geburtstages von Herbert Blomstedt, erschien beim Leipziger Label Accentus Music die Einspielung sämtlicher Sinfonien von Ludwig van Beethoven. In der Saison 2019/2020 wurden alle Sinfonien und die Ouvertüren von Johannes Brahms für das Label Pentatone im Gewandhaus aufgezeichnet, die 2022 veröffentlicht wurden. Kurz darauf erschien beim Label Accentus Music eine CD mit Werken von Wolfgang Amadeus Mozart und Jan Václav Voříšek.
Seine letzte Aufnahme mit dem Gewandhausorchester erschien 2022 bei Deutsche Grammophon mit Werken von Franz Schubert (Sinfonie Nr. 7 h-Moll D 759 „Unvollendete“ und Sinfonie Nr. 8 C-Dur D 944), aufgenommen 2021 während der Corona-Pandemie.
Accentus Music hat im Jahr 2023 noch einmal die wegweisende Gesamteinspielung der Bruckner-Sinfonien veröffentlicht, die in den Jahren 2005-2012 aufgezeichnet wurden. Im April 2024 vollendete Herbert Blomstedt mit der Einspielung von Franz Schuberts 2. und 4. Sinfonie seinen Schubert-Zyklus mit dem Gewandhausorchester. Der Zyklus erscheint im Frühjahr 2027 bei Deutsche Grammophon. Die Einspielung der Sinfonien von Franz Berwald, ein spätes Herzensprojekt von Herbert Blomstedt, wird, ebenfalls 2027, beim Label Pentatone veröffentlicht.
Im Jahr 2016 hat Herbert Blomstedt dem Gewandhaus eine Beethoven-Büste des Leipziger Bildhauers Felix Ludwig gestiftet, die im Foyer des Konzerthauses aufgestellt wurde. Ebenfalls Schenkungen Blomstedts sind eine bronzene Grieg-Büste (2009), die im Garten des ehemaligen Stammsitzes des Musikverlages C.F. Peters in der Talstraße 10 steht, sowie der Schrank im Arbeitszimmer des Museums im Mendelssohn-Haus. In seiner Leipziger Amtszeit hat Herbert Blomstedt zahlreiche kirchliche und soziale Einrichtungen mit Spenden bedacht.
Biografische Angaben
In den USA im Jahr 1927 als Sohn schwedischer Eltern geboren, erhielt Herbert Blomstedt seine erste musikalische Ausbildung am Königlichen Konservatorium in Stockholm und an der Universität Uppsala. Später studierte er Dirigieren an der Juilliard School of Music in New York, zeitgenössische Musik in Darmstadt sowie Renaissance- und Barockmusik an der Schola Cantorum in Basel und arbeitete unter Igor Markevitch in Salzburg und Leonard Bernstein in Tanglewood.
Am 3. Februar 1954 debütierte Herbert Blomstedt als Dirigent mit dem Philharmonischen Orchester Stockholm. Sein fünfzigstes Bühnenjubiläum feierte Herbert Blomstedt am 24./25. Juni 2004 in Leipzig mit der Wiederholung seines Debütkonzerts aus dem Jahr 1954 (Bach, 2. Ouvertüre h-Moll/ Beethoven, 1. Klavierkonzert/ Hindemith, Sinfonie Mathis der Maler). Nach seinem Dirigenten-Debüt leitete er als Chefdirigent bedeutende skandinavische Orchester wie das Oslo Philharmonic Orchestra und das Dänische und Schwedische Radio-Sinfonieorchester. Von 1975 bis 1985 war er Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle Dresden, mit der er neben verschiedenen europäischen Ländern auch die USA und Japan bereiste, und die er regelmäßig dirigierte. Nach einer Serie erfolgreicher Konzerte mit dem San Francisco Symphony Orchestra wurde Herbert Blomstedt ab der Saison 1985/1986 zum Chefdirigenten dieses renommierten Orchesters berufen. Nach zehn Jahren beendete Herbert Blomstedt seine erfolgreiche Tätigkeit in San Francisco, kehrte aber als Ehrendirigent alljährlich dorthin zurück. Von 1996 bis 1998 wirkte er als Chefdirigent des NDR-Sinfonieorchesters in Hamburg. Herbert Blomstedt musikalisches Schaffen ist auf unzähligen Tonträgern dokumentiert.
Herbert Blomstedts ehemalige Orchester in San Francisco, Leipzig, Kopenhagen, Stockholm und Dresden ernannten ihn ebenso zum Ehrendirigenten wie die Bamberger Symphoniker und das NHK Symphony Orchestra in Tokio. Von 2019 an war er außerdem Ehrenmitglied der Wiener Philharmoniker.
Gewähltes Mitglied der Königlich-Schwedischen Musikakademie
Herbert Blomstedt war ein gewähltes Mitglied der Königlich-Schwedischen Musikakademie, mehrfacher Ehrendoktor und Träger des Großen Verdienstkreuzes mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. 2011 erhielt Blomstedt die Bach-Medaille der Stadt Leipzig. Im April 2016 wurde er für sein künstlerisches Lebenswerk mit dem renommierten dänischen Léonie-Sonning-Musikpreis ausgezeichnet. Im Juni 2017 wurde er mit dem Brahms-Preis der Brahms-Gesellschaft Schleswig-Holstein e.V. geehrt. Noch im September 2026 wurde er mit dem japanischen Praemium Imperiale ausgezeichnet.
Eine Ausnahmeerscheinung in der Musikwelt war Herbert Blomstedt nicht zuletzt auch dank seines Ethos und seines besonderen Führungsstils, der auf Kompetenz statt Machtausübung gründete, sowie aufgrund seines breiten intellektuellen Horizonts. Neben seinem nie nachlassenden Interesse an aktuellen musikwissenschaftlichen Erkenntnissen – noch in den letzten Jahren hat er mit dem Gewandhausorchester einen Bruckner-Zyklus auf Basis der Neuausgaben von Paul Hawkshaw gestartet - verfügte er über ein legendäres Gedächtnis und eine umfassende, disziplinenübergreifende Bibliothek.
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