Jubilare, Experimente und Geburtstagskinder
Bremer Philharmonikern feiern Werke von Ives, Bartók und Schönberg und laden Geburtstagskinder dazu ein
In ihrer 200. Spielzeit widmen sich die Bremer Philharmoniker und ihr Generalmusikdirektor Marko Letonja gern auch anderen Jubilaren. So würdigen sie beim 3. Philharmonischen Konzert gleich zwei Komponisten, die beide in diesem Jahr ihren 150. Geburtstag hätten: Charles Ives und Arnold Schönberg. Ives ist mit seinen betörenden Two Contemplations: The Unanswered Question und Central Park in the Dark vertreten, Schönberg steht mit der Orchestrierung des g-Moll-Klavierquartetts von Brahms auf dem Programm. Cineasten kommen ebenfalls auf ihre Kosten: Mit Béla Bartóks Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta erklingt die Musik einer legendären Szene aus Stanley Kubricks Filmklassiker Shining. In Anlehnung an den Konzerttitel „Geburtstagskinder on stage“ gibt es unter dem Motto Geburtstagkinder in den Konzertsaal ein kostenloses Ticket für alle, die an einem der drei Konzerttage selbst Geburtstag haben.
Two Contemplations
„I don´t write music for sissy ears!“, sagte Charles Ives, einer der unkonventionellsten, eigenwilligsten Komponisten des frühen 20. Jahrhunderts, und stellte damit unmissverständlich klar, dass er es aushalten kann, wenn jemand seine Musik als kompliziert und schwierig empfindet. Als gutsituierter Versicherungsvertreter war er in seinem kompositorischen Schaffen weder von Auftraggebern noch von der Gunst des Publikums oder der Kritiker abhängig. Inspiriert von traditionellen Musikparaden, bei denen mehrere Kapellen oftmals gleichzeitig zu hören waren, experimentierte Ives mit Dissonanzen und der gleichzeitigen Verwendung von kontrastierenden Rhythmen und verschiedenen Tonalitäten. The Unanswered Question bezeichnete er als „kosmisches Drama“, in dem eine Trompete Streicher und Holzbläser sieben Mal mit der „immerwährenden Frage nach dem Dasein“ konfrontiert. Dem stellte er mit Central Park in the Dark ein „Bild in Tönen“ gegenüber, das eine New Yorker Sommernacht aus der Perspektive einer Parkbank beschreibt. Ives lässt hier die Vielfalt der nächtlichen Geräusche einer Großstadt erklingen, u.a. Straßenmusiker, Unterhaltungsfetzen, wiehernde Pferde, Sirenen der Feuerwehr. Ungeachtet des von seinen Werken irritierten, befremdeten Publikums setzte er neue Maßstäbe in der Musikgeschichte. Kein Geringerer als Arnold Schönberg sagte über Ives: „Es lebt ein großer Mann in diesem Land – ein Komponist. Er hat das Problem gelöst, wie man sein Selbst erhalten und dennoch lernen kann. Missachtung begegnet er mit Verachtung. Er ist nicht gezwungen, Lob oder Tadel hinzunehmen. Sein Name ist Ives.“
Klavierquartett
Arnold Schönberg selbst gilt als Wegbereiter der sogenannten Zwölftönigkeit und als Erneuerer der Musik, ohne dabei seine Wertschätzung der Tradition zu verleugnen. So schrieb er in einem Brief: „Ich lege nicht so sehr Gewicht darauf, ein musikalischer Bauernschreck zu sein, als vielmehr ein natürlicher Fortsetzer richtig verstandener, guter, alter Tradition.“ In seiner Orchestrierung von Brahms‘ Klavierquartett op. 25 kommt dies meisterhaft zum Ausdruck. Auf die Frage, was ihn zu dieser Bearbeitung bewogen habe, antwortete Schönberg schlicht: „1. Ich mag das Stück. 2. Es wird selten gespielt. 3. Es wird immer sehr schlecht gespielt, weil der Pianist, je besser er ist, desto lauter spielt, und man nichts von den Streichern hört. Ich wollte einmal alles hören, und das habe ich erreicht.“ Dirigent Otto Klemperer, der 1938 in Los Angeles die Uraufführung leitete, schwärmte: „Man mag das Originalquartett gar nicht mehr hören, so schön klingt die Bearbeitung “. Nicht von ungefähr wird Schönbergs Orchesterbearbeitung mit einem Augenzwinkern auch als fünfte Symphonie von Johannes Brahms bezeichnet.
Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta
Nur zwei Jahre zuvor schrieb Béla Bartók Musikgeschichte. Als einer der angesagten Komponisten seiner Zeit erhielt er anlässlich des zehnjährigen Bestehens des Basler Kammerorchesters einen Kompositionsauftrag. Herausgekommen ist nicht nur eines der großen Meisterwerke des 20. Jahrhunderts, bei dem der Komponist die Streicher in zwei Orchester aufteilt, sondern eine Musik, die durch ihre suggestive Kraft 44 Jahre später maßgeblich dazu beitrug, Filmfans das Gruseln lehren. Der Regisseur Stanley Kubrick war bekannt für seine kluge Auswahl von Filmmusiken, die er oftmals dem klassischen Repertoire entnahm, um damit die Wirkung der Bilder zu verstärken. Seine Verfilmung von Stephen Kings Bestseller The Shining ist nichts für zarte Gemüter, doch wenn in einer Schlüsselszene der 3. Satz von Bartóks Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta erklingt, entwickelt sich ein Spannungsbogen, der selbst für hartgesottene Kenner des Horrorgenres zur Herausforderung starker Nerven wird. Bartók selbst hatte übrigens beim Schreiben des Konzertes keine Horrorszenarien im Sinn, sondern vielmehr Freude beim Experimentieren mit diversen Schlaginstrumenten, die er kurz zuvor bei einer Instrumentenbaufirma geliehen hatte. Das Publikum der Uraufführung war begeistert. Der Erfolg sprach sich rasend schnell herum, und innerhalb nur eines Jahres wurde das Werk weltweit nahezu 50 Mal gespielt. Paul Sacher, Dirigent des Basler Kammerorchester, resümierte Jahre später: „Wir konnten damals noch nicht wissen, daß uns ein wahres Meisterwerk geschenkt wurde.“.
WAS
- 3.Philharmonisches Konzert der Bremer Philharmoniker
- „Geburtstagskinder on stage“
WANN
- Sonntag, 17. November 2024, 11 Uhr
- Montag, 18. November 2024, 19:30 Uhr
- Dienstag, 19. November 2024, 19:30 Uhr
WO
- Konzerthaus Glocke
- Domsheide 4/5
- 28195 Bremen
Das Programm
- Charles Ives (1874-1954) - Two Contemplations: The Unanswered Question, Central Park in the Dark (Uraufführung am 11. Mai 1946 in New York)
- Béla Bartók (1881-1945) - Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta: 1. Andante tranquillo, 2. Allegro, 3. Adagio, 4. Allegro molto (Uraufführung am 21. Januar 1937 in Basel)
- Johannes Brahms (1833-1897) - Klavierquartett g-Moll op. 25 für großes Orchester gesetzt von Arnold Schönberg: 1. Allegro, 2. Intermezzo. Allegro ma non troppo – Trio Animato, 3. Andante con moto, 4. Rondo alla Zingarese. Presto (Uraufführung am 7. Mai 1938 in Los Angeles)
- Marko Letonja, Dirigat
- Bremer Philharmoniker
Eintrittskarten / Vorverkauf
Eintrittskarten kosten je nach Kategorie zwischen 19 und 56 Euro (ermäßigt 9,50 und 45 Euro) und sind online unter www.bremerphilharmoniker.de, www.glocke.de, www.nordwest-ticket.de und www.eventim.de sowie an deren Vorverkaufsstellen und der Abendkasse erhältlich.
Freikarte für Geburtstagskinder
Wer an einem der drei Konzerttage Geburtstag hat, bekommt bei den bekannten Ticketvorverkaufsstellen (Glocke und NordwestTicket) gegen Vorlage eines Personalausweises oder Führerscheins eine Freikarte für das Konzert; eine Begleitperson erhält eine Ermäßigung von 50%.
Marko Letonja
Seit Beginn der Spielzeit 2018/2019 ist Marko Letonja Generalmusikdirektor der Bremer Philharmoniker. Mit dem Orchester ist er in Bremen sowie regelmäßig auf bundesweiten Gastspielen zu erleben und tourte höchst erfolgreich im April 2023 durch Südkorea. Marko Letonja war von 2011 bis 2018 Chefdirigent des Tasmanian Symphony Orchestra, das er auf ein neues künstlerisches Niveau brachte und dem er zu neuem Glanz verhalf. Von 2012 bis 2021 war er Chefdirigent des Orchestre Philharmonique de Strasbourg. Zu den Höhepunkten seiner dortigen Amtszeit zählen u.a. erfolgreiche Tourneen sowie die hochgelobte konzertante Aufführung von Bartóks Herzog Blaubarts Burg in der Philharmonie de Paris und Ginasteras Beatrice Cenci an der Opera National du Rhin. Als Gastdirigent arbeitet Letonja u.a. mit den Wiener Symphonikern, den Münchner Philharmonikern, dem Orchester Filamonica della Scala in Mailand und dem Berliner Radio-Symphonieorchester, dem Seoul Philharmonic, dem Mozarteum Salzburg und dem Stockholmer Opernorchester zusammen und gastiert u.a. an den Opernhäusern in Wien, Rom, Dresden, Berlin, München und Lissabon. Zudem ist er gern gesehener Gast in Australien und Neuseeland und wurde 2008 zum Principal Guest Conductorbdes Orchestra Victoria Melbourne ernannt. Letonja begann sein Studium als Pianist und Dirigent an der Musikakademie von Ljubljana und schloss es 1989 an der Akademie für Musik und Theater in Wien ab. Schon zwei Jahre später wurde er Musikdirektor der Slowenischen Philharmonie, die er bis zu seiner Ernennung zum Chefdirigenten und Musikdirektor des Sinfonieorchesters und des Theaters Basel leitete.
Charles Ives (1874-1954)
Charles Ives gehörte zu den Künstlern, die sich den Luxus leisten konnten, ihre schöpferischen Kräfte ohne Rücksicht auf Konventionen auszuleben. Vielleicht war es seine wirtschaftliche Unabhängigkeit, die ein entscheidender Faktor für die von jeglicher Konvention losgelöste Experimentierfreude und die zuweilen geradezu anarchische Lust war, mit der Ives immer wieder aufs Neue die über Jahrhunderte tradierten Gesetzmäßigkeiten der Tonkunst durch subversive Störfeuer ad absurdum führte. In The Unanswered Question verwendet Ives die Techniken der Polytonalität und Polyrhythmik zum ersten Mal konsequent. Das Werk besteht aus drei separaten, musikalisch unabhängig voneinander verlaufenden Ebenen: einem Streichorchester, das eine Reihe langer Pianissimo-Akkorde spielt, einer Solotrompete, die sieben Mal dasselbe atonale Motiv aus fünf Tönen wiederholt, und einem Flötenquartett, das der Trompete mit einer weiteren atonalen Tonfolge zunehmend aufgeregt antwortet. Das Stück verebbt schließlich im Nichts, die Streicher summen leise in der Ferne, „wie die ewige Musik der Sphären“. Die Miniatur-Tondichtung Central Park in the Dark bildet den zweiten Teil des Diptychons. Die Erzählung ist eher impressionistisch als linear, da die Erinnerungen an Klangeindrücke aus längst vergangenen Zeiten in einer quasi filmischen Schichtung zusammengefügt werden. Ives' nächtliche Musik beginnt mit mäandernden Streicherharmonien im Pianissimo. Diese Idylle wird durch eine zunehmend chaotische Abfolge von städtischen Klängen überlagert. Doch schließlich hüllt die Dunkelheit die Szene wieder in besinnliche Heiterkeit. The Unanswered Question solle laut Ives „eine Betrachtung über eine ernste Angelegenheit“ sein, während Central Park in the Dark „eine Betrachtung über nichts Ernstes“ sein soll.
Béla Bartók (1881-1945)
Béla Bartók begann 1936 während seines jährlichen Sommerurlaubs mit der Arbeit an einer Auftragskomposition anlässlich des 10. Jubiläums des Basler Kammerorchesters. Bereits Anfang September war das Werk fertig, Der Beginn der Musik für Streicher, Schlagzeug und Celesta zeichnet sich durch eine geheimnisvolle Atmosphäre aus: Die Streicher sind durchweg in zwei Klangkörper geteilt. Die mit Dämpfer spielenden Bratschen beider Streichergruppen präsentieren ein Thema, das Gegenstand einer Fuge ist. Dieses förmlich dahinkriechende, unregelmäßige Motiv beherrscht nicht nur den gesamten Satz, sondern spielt auch in den folgenden Sätzen eine wichtige Rolle. Nach der Präsentation des Themas durch die Bratschen greifen verschiedene Streicher das Thema auf. Mit dem Hinzutreten von Pauken und Becken entwickelt die Musik eine zunehmend suggestive Kraft. Im zweiten Satz geht es hoch her. Der ständige klangliche Wechsel zwischen den beiden Streichorchestern wird hier voll ausgeschöpft. Die Pauken und nun auch Klavier und Harfe tragen zu einer klangvollen, impulsiven Klangtextur bei, die vor vitaler Energie nur so explodiert, sich ganz kurz auf eine spielerische Episode zurückzieht und dann wieder den ursprünglichen Weg aufnimmt. Provokativ, abschreckend, unheimlich, ist der 3. Satz das Gegenteil einer romantisch gefärbten Nocturne. Der Xylophon-Einsatz auf einem einzigen Ton folgt der Fibonacci-Reihe. Gepaart mit Pauken-Glissandi ist dies ein Vorbote eines außergewöhnlichen Klangrausches, den Bartók hier entfesselt. Das Hauptthema des Finales, eine lebensfrohe, dynamische Melodie im bulgarischen Tanzrhythmus, zeichnet sich durch Wildheit, rhythmische Fallstricke und schnell wechselnde Metren aus. Der Satz endet mit dem Tanzthema, das mit entschlossener, unnachgiebiger Brillanz ins Ziel rast.
Johannes Brahms (1833-1897)/Arnold Schönberg (1874-1951)
.Schönberg orchestrierte das Klavierquartett g-Moll op. 25 von Johannes Brahms 1937. Bereits wenige Monate später wurde es 1938 vom Los Angeles Philharmonic Orchestra unter der Leitung des damaligen Musikdirektors Otto Klemperer uraufgeführt. Brahms mochte sein Klavierquartett als Beispiel für die sogenannte „entwickelnde Variation“ verstanden haben. Er unterzog sein thematisches Material stetigen Variationen und Verwandlungen, anstatt bis zum Durchführungsteil eines sonatenförmigen Satzes zu warten. So konnte er aus diesem sich ständig entwickelnden Material ganz neuartige Strukturen schaffen. Ein Beispiel dafür findet sich gleich zu Beginn des ersten Satzes. Brahms führt ein Vier-Ton-Motiv ein, das zur Grundlage des gesamten Satzes wird und zahlreiche Verwandlungen erfährt. Das Intermezzo ist die Art von Satz, die Brahms im Laufe seiner Karriere als Ersatz für das traditionelle Scherzo verfeinern sollte. Es ist ein feinsinniger Streichergesang, der sich stets in einem entspannten Temporahmen bewegt und eine warme Eleganz ausstrahlt. Das Andante con moto ist ein langsamer Satz, ganz typisch für Brahms, strahlend und heiter. Das Finale schließlich ist eine brillante rhythmische und melodische Tour-de-Force, bei der die Form des Rondos mit ihrem wiederkehrenden Refrain als brillanter Bauplan für dynamische Kontraste dient, wie man sie in traditionellen ungarischen Tänzen findet. Im Hauptrefrain verwendet Brahms ein charakteristisches Zweier-Metrum: schnell mit einem stampfenden daktylischen Akzent auf dem ersten Schlag. In den folgenden Episoden schafft Brahms Strukturen, die den Klang des Cimbaloms heraufbeschwören, eines Hackbretts, das in Ungarn und Rumänien weit verbreitet ist. Brahms nutzt die klare Rondo-Struktur für ein kalkuliertes Drama, das die wilde Eskalation und ungezügelte Entfesselung des sogenannten „Zigeuner-Stils“ in geregelte Bahnen lenkt.
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