Obscure, Crazy, Fascinating ...
Chamber Music bei Enjott Schneider
Ambiente-Audio ACD-3075
1 CD • 79min • [P] 2026
25.10.2026
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Gesamteindruck:![]()
„Obscure, crazy, fascinating“: Die Titelgebung dieses Albums ist Programm – aber noch mehr ist es die Musik, die den Freigeist des Münchner Komponisten in seiner ganzen Bandbreite offenbart. Acht seiner Kompositionen lassen Dunkles ins Komische kippen, scheinbares Chaos als raffinierte Konstruktion hervortreten und Vertrautes plötzlich fremd erscheinen. Das alles wäre hier nichts ohne die hochmotiviert aufspielenden Interpretinnen und Interpreten, bei denen technische Souveränität mit klanglicher Fantasie und spürbarer Spielfreude zusammen kommen. Neueinspielungen aus den Jahren 2025 und 2026 treffen auf Schätze aus dem Archiv des Bayerischen Rundfunks. Das Ergebnis ist weniger ein geordnetes Werkporträt als ein Kaleidoskop musikalischer Zustände.
Das Unvorhersehbare als Prinzip
Der erste Weg führt zu Bach – oder zu dem, was von ihm übrig bleibt, nachdem Schneiders Vorstellungskraft die vertrauten Linien durcheinandergewirbelt hat. In Obscuritas eröffnet Xaver Eckert auf dem Tenorhackbrett eine tastende, rezitativisch freie Klangrede, aus der sich ein lyrisches Thema herausschält. Goldbergs Träume lässt Bach aus surrealen Traumzuständen hervortreten. Agnes Mayr zaubert eine bachische Flötenfiguration, die von freitonalen Klanggesten, Vibraphonimpulsen und Klavierclustern durchkreuzt wird. Das Unvorhersehbare ist Prinzip: Ein Spiel zwischen Halt und Auflösung, in das unvermittelt eine Jazz-Wendung platzt. Das Trio, das das Werk 2024 aus der Taufe hob, entfaltet einen erstaunlich weiten Klangraum. Mit der Ciaccona mistica kehrt Eckert zum Pantalon zurück. Die barocke Variationsform weist den Weg, doch aus den tiefen Saiten spricht etwas Schicksalhaftes, bis schließlich eine beinahe Morricone-hafte Diktion aufblitzt.
Nächtliche Klangfantasien
Ein zweiter Faden führt in die Nacht, an jene Schwelle, an der sich das Vertraute ins Fantastische verwandelt. In den Klangbildern nach Joan Miró übersetzen Flöte, Vibraphon, zwei Harfen und Cello die Bildwelt des katalanischen Malers in modal organisierte Klangflächen. Ein sonor aufspielendes Cello drängt nach vorn, stampfende Tremoli setzen die Musik unter Strom. Der zweite Satz heißt Personen in der Nacht. Von dort ist es nur ein Schritt zu Nighttime Crime: Felix Eckerts Solo-Posaune wird zum Darsteller nächtlicher Krimifantasien. Sie seufzt, knattert im tiefen Register und changiert zwischen Melancholie, Groteske und Verdacht. Man traut diesem Instrument alles zu, nur keine eindeutige Erklärung.
Eine Bühne für musikalische Clowns
Danach gehört die Bühne den großen Clowns. Die Valentiniade ist Schneiders Verbeugung vor Karl Valentins bizarrer Logik, in der die Dinge gerade dann aus dem Ruder laufen, wenn jemand sie vernünftig ordnen will. Galopps mit Titeln wie Revolutionszwetschgen und Tingel-Tangel rahmen groteske Szenen. Das Blech fährt auf, das Klavier poltert, Fanfaren schleusen ein Marseillaise-Zitat ein. Alles drängt auf die Überholspur, bis eine schneidende Dissonanz mitten in einen Choral fährt. Aufbruch, Parodie oder beides? Schneider hält die Antwort in der Schwebe. Hannes Läubin, Hansjörg Profanter und Pianist Lukas Maria Kuen setzen diese Volten mit leuchtenden Klangfarben und prägnanter Phrasierung in Szene. Valentins Wahlverwandter auf der Leinwand ist Charlie Chaplin. Dessen Fresken lässt das New Munich Brass Quintett leichtfüßig dahintänzeln.
Den Kreis schließt das Karl-Valentin-Epitaph, bei dem Schneider selbst am Klavier sitzt, gemeinsam mit Rainer Fabich und dem Blechbläser-Ensemble der Münchner Musikhochschule. Schneiders Souveränität zeigt sich hier in den erstaunlichen Kleinformaten, die wie musikalische Mikroorganismen ihre eigene Ordnung hervorbringen und sogleich wieder unterlaufen. Raffiniert kalkulierte Effekte treffen auf anarchischen Impuls. Als erfahrener Filmkomponist beherrscht Schneider die Dramaturgie von Spannung, Bruch und Überzeichnung. Doch diese Musik erschöpft sich weder im Komischen noch im Dramatischen. Sie lässt Vertrautes fremd werden und verweigert sich der bequemen Eindeutigkeit. Obskur, verrückt, faszinierend: Das sind hier Zustände, zwischen denen die Musik unablässig die Richtung wechselt.
Stefan Pieper [25.10.2026]
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Komponisten und Werke der Einspielung
| Tr. | Komponist/Werk | hh:mm:ss |
|---|---|---|
| CD/SACD 1 | ||
| Norbert Jürgen Schneider | ||
| 1 | Obscuritas | 00:06:46 |
| 2 | Goldbergs Träume (Eine surrealistische BACH-Hommage) | 00:10:56 |
| 5 | Ciaconna mistica für Pantalon | 00:08:23 |
| 6 | Klangbilder nach Joan Miró | 00:09:32 |
| 8 | Nighttime Crime (A Study for Trombone) | 00:06:40 |
| 9 | Am Ufer der Vernunft (Valentiniade) | 00:19:18 |
| 14 | Charles-Chaplin-Fresken | 00:10:22 |
| 19 | Karl-Valentin-Epitaph | 00:07:02 |
Interpreten der Einspielung
- Xaver Eckert (Hackbrett)
- Agnes Mayr (Flöte)
- Anne Kortenkamp (Flöte)
- Stefan Blum (Vibraphon)
- Uta Schmitt (Harfe)
- Petra Huter (Harfe)
- Markus Wagner (Violoncello)
- Felix Eckert (Posaune)
- Hannes Läubin (Trompete)
- Hansjörg Profanter (Posaune)
- Lukas Maria Kuen (Klavier)
- New Munich Brass Quintet (Blechbläserquintett)
- Rainer Fabich (Saxophon)
- Norbert Jürgen Schneider (Klavier)
- Blechbläserensemble der Hochschule für Musik und Theater München (Blechbläserensemble)
