encora enc-030
2 CD • 1h 35min • 2025
22.09.2026
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Gesamteindruck:![]()
Womöglich ist dem ein oder anderen Freund britischer Musik der Name Bernard Benoliel durch seine Begleittexte zu diversen CD-Veröffentlichungen (u.a. bei Chandos) geläufig; überhaupt war Benoliel als langjähriger Sekretär des Ralph Vaughan Williams Trust ein Zeit lang durchaus präsent im britischen Musikleben. Dabei war Benoliel (1943–2017) eine facettenreiche Person, gebürtiger Amerikaner mit französischen, arabischen und italienischen Wurzeln, Privatstudent von Stefan Wolpe, ab 1971 weitestgehend in Europa ansässig, zuletzt in Amsterdam, nicht nur Musiker, sondern auch im Immobiliengeschäft aktiv. Als Komponist hat er gerade einmal 15 Werke hinterlassen, die teils über sehr lange Zeiträume hinweg entstanden. Kommerzielle Einspielungen davon untersagte er, obwohl z.B. ein Rundfunkmitschnitt seiner Sinfonia Cosmologica in Zirkulation gewesen ist (vor Jahren meine eigene Erstbegegnung mit seiner Musik). Mit seinen drei Klaviersonaten, gespielt von Ralph van Raat, legt das kleine Label encora nun die dritte Doppel-CD mit Musik Benoliels vor; am Ende soll das Gesamtwerk auf CD verfügbar sein.
Drei Eckpfeiler von Benoliels Schaffen
Die Entstehungsdaten der drei Klaviersonaten decken einen Großteil von Benoliels Schaffensjahren ab. Relativ komplex scheint die Entstehungsgeschichte der Klaviersonate Nr. 1 op. 3 nach Thomas Manns Doktor Faustus zu sein: gibt das Beiheft grundsätzlich 1977 an (und damit offenbar einige Jahre später als die Sinfonie op. 5), so scheint eine Frühfassung bereits Jahre zuvor vorgelegen zu haben, und zudem hat das Werk wohl erst in den späten 1990er Jahren seine endgültige Gestalt erhalten, zu einer Zeit, zu der Benoliel generell seine früheren Werke durchsah und teils auch revidierte. Die Sonate Nr. 2 op. 9 nach Géricaults Fragments Anatomiques entstand 1989, die Sonate Nr. 3 op. 13 Thunder Perfect Mind (deren Titel sich auf einen gnostischen Text bezieht) dann 2004. Bereits die Titel sind insofern aufschlussreich, als dass literarische und philosophische Einflüsse und Bezüge in Benoliels Schaffen grundsätzlich eine wesentliche Rolle spielen. Auf der anderen Seite sind die stilistischen Unterschiede zwischen den drei Werken für eine Zeitspanne von etwa 30 Jahren bemerkenswert gering.
Hoher Dissonanzgrad, komplexe Rhythmik, dezidierte Expressivität
Dies gilt sogar noch ein gutes Stück allgemeiner, denn auch im Vergleich zum zweiten Album der Serie (u.a. mit der Sinfonia Cosmologica) sind die Höreindrücke insgesamt ausgesprochen konsistent. Benoliel selbst hat sich immer wieder auf die (nicht zuletzt deutsche) Spätromantik berufen, aber die Klanglichkeit seiner Musik ist doch eine wesentlich andere. Der Dissonanzgrad ist in der Regel sehr hoch, der Tritonus spielt häufig eine exponierte Rolle, auch Sekunde, Septime, None oder gleich clusterartige Ballungen – eine fast schon konsonanzvermeidende Musik, in der tonale Bindungen keine Rolle spielen. Benoliel liebt die tiefen, pechschwarzen Lagen, rabiate, zuweilen geradezu brutale Akkordik (vgl. die Klangballungen kurz vor Ende des 1. Satzes der Sonate Nr. 1) und zerklüftete Linien, häufig geprägt von weiten Intervallsprüngen. Seine Rhythmik ist extrem differenziert und arbeitet fast durchgängig mit Triolen, Quintolen, Synkopen und irregulärer Metrik, wenn die Musik etwa kurzfristig in einen 7/8-Takt wechselt, dessen erste vier Achtel dann wiederum zur Quintole werden, allerdings nicht im Sinne einer kontinuierlichen Achtelbewegung (Sonate Nr. 1, 1. Satz, T. 71). Wohlgemerkt: gleichförmige, motorische rhythmische Bewegungen kommen bei Benoliel äußerst selten vor, weswegen man übrigens auch nur schwer ein echtes Gefühl für Tempo bekommt. Ohne Partitur würde man etwa wohl kaum auf den Gedanken kommen, dass in den ersten Minuten der Sonate Nr. 3, die mit ihren glockenartigen Klängen wenigstens partiell etwas fasslicher anmutet, faktisch vier verschiedene Tempi vorgeschrieben sind! Grundsätzlich wirkt Benoliels Musik dabei eher langsam, auch dann, wenn er im 1. Satz der Sonate Nr. 1 ein Allegro ma non troppo (freilich mit Viertel = 66) schreibt. Was mir in seiner Musik bei aller dezidierten (auf die Dauer freilich relativ gleichförmigen) Expressivität weitgehend abgeht, ist ein Gefühl für Richtung, für Entwicklung.
Bemerkenswertes Engagement
Davor, dass ein kleines Label wie encora die Courage hat, ein solches Projekt zu lancieren, gilt es den Hut zu ziehen, ebenso wie vor der Leistung von Ralph van Raat, der die komplexen Partituren sehr beredt und differenziert umzusetzen versteht und insbesondere nicht darauf setzt, die Attacke, die dieser Musik ohnehin innewohnt, noch einmal besonders hervorzuheben, kein expressives Maximum also, sondern eher Abstufungen. Viel Engagement also, das ich gerne würdige. Mit der Musik selbst fremdele ich indes nach wie vor.
Holger Sambale [22.09.2026]
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Komponisten und Werke der Einspielung
| Tr. | Komponist/Werk | hh:mm:ss |
|---|---|---|
| CD/SACD 1 | ||
| Bernard Jack Benoliel | ||
| 1 | Klaviersonate Nr. 1 (nach Thomas Manns Doktor Faustus) | 00:16:13 |
| 3 | Klaviersonate Nr. 2 (nach Gericault's Fragmenten Anatomiques) | 00:39:37 |
| CD/SACD 2 | ||
| 1 | Klaviersonate Nr. 3 (Thunder Perfect Mind) | 00:38:48 |
Interpreten der Einspielung
- Ralph Raat (Klavier)
