Sibelius & Saraste
The 7 Symphonies
Ondine ODE 1525-2T
3 CD • 3h 40min • 2024, 2025,2026
10.09.2026
Künstlerische Qualität:![]()
Klangqualität:![]()
Gesamteindruck:![]()
Schon zweimal hat Jukka-Pekka Saraste die Sinfonien von Sibelius aufgenommen, und zwar beide Male mit dem Finnischen Radio-Sinfonieorchester. Beide Zyklen sind momentan kaum erhältlich. Nun hat sich Saraste, der im April dieses Jahres 70 Jahre alt wurde, den Werken ein drittes Mal gewidmet. Diese Mal steht er am Pult des Philharmonischen Orchesters Helsinki, dem er seit Beginn der Saison 2023/24 als Chefdirigent vorsteht. Nun sind beim Label Ondine, das diese Aufnahmen veröffentlicht, dieselben Werke erst vor kurzem in einer großen Box mit Leif Segerstam erschienen – als Wiederveröffentlichung (sh. http://www.klassik-heute.de/4daction/www_medien_einzeln/25239). Diese gar nicht so alten Aufnahmen besitzen bis heute Referenzwert, und da stellt sich die Frage, ob Saraste mit seinem älteren, mittlerweile verstorbenen Kollegen mithalten kann.
Analytische Sichtweise
Dass ihm dies gelingt, zum allergrößten Teil auch klanglich, ist vorwiegend seiner jahrzehntelangen Beschäftigung mit dem Werk Sibelius' zu verdanken. Seine Sichtweise auf die Musik seines Landsmanns hat sich über die Jahre merklich vertieft. Und dann verfolgt Saraste einen grundverschiedenen Ansatz. Während Segerstam wie einige andere Dirigenten einen warmen, vollen Klang bevorzugt und gelegentlich auch recht breite und gemessene Tempi, die er aber immer mit Leben zu erfüllen vermag, könnte man Sarastes Sichtweise als analytisch bezeichnen. Er betont die Struktur und das motivische Zusammenspiel zwischen den einzelnen Instrumentengruppen, lässt die Musik konsequent für sich sprechen, ohne betont "eigene" Interpretationen anzubieten. Das kommt der intrikat strukturierten Sinfonik Sibelius' sehr zugute. Spätromantisches Pathos und nationale Färbung, wie sie in den Sinfonien 1 und 2 noch gelegentlich anzutreffen sind, werden so gemildert, was der eine oder andere Freund von Sibelius' früher Phase vielleicht bedauern mag. Allerdings kommt so kein Gefühl von Langatmigkeit oder Larmoyanz auf, in die zum Beispiel das Finale der Zweiten unter weniger berufenen Händen durchaus zu verfallen vermag.
Leichte Probleme beim Schluss der Ersten
Allerdings findet sich in der ansonsten formidablen Einspielung der Ersten Sinfonie das einzige größere klangliche Problem des Zyklus': Die letzten beiden Pizzicato-Noten werden durch den finalen Paukenwirbel fast vollständig übertönt. Da es sich bei der Ersten um die einzige Studio-Aufnahme des Zyklus' handelt, hätte dies leicht behoben werden können.
Lebensfreude und Nüchternheit
In den Sinfonien drei bis sieben vermögen Saraste und das Orchester so gut wie vollends zu überzeugen. Besonders gelungen ist die Interpretation der Dritten, die hier endlich einmal in der unverfälschten, geradezu ausgelassenen Lebensfreude erklingt, die man dem Komponisten gemeinhin nicht zutraut. Hat man jemals die bohren, intensiven Ostinato-Figuren der Streicher kurz vor dem Ende mitreißender vernommen? Geradezu provokativ nüchtern geraten ist die Vierte, in der eh kaum die Sonne scheint, bei Saraste überhaupt nicht. In Trockenheit artet diese Ernsthaftigkeit niemals aus, im Gegenteil: Die leichten, tänzerischen Rubati im ansonsten grimmigen zweiten Satz bezaubern einfach. Der dritte Satz wird in Sarastes Interpretation bei einigen Anhängern des Werks vielleicht Kopfzerbrechen bereiten: In weniger als neun Minuten präsentiert uns Saraste dieses "Il tempo largo", während andere Dirigenten mehrere Minuten länger dafür brauchen – Vänskä in Lahti sogar 14! Sarastes Motto scheint zu sein: Nur keine Sentimentalität! Und er kommt damit durch, ohne dass der Satz ins Eilen gerät. Eine interessante Alternative!
Wenig Wünsche bleiben offen
Und auch in der Sechsten erlaubt sich Saraste eine kleine Eigenwilligkeit: Für das Finale nimmt er sich über 10 Minuten Zeit – vielleicht um dem Satz damit mehr sinfonisches Gewicht zu verpassen? Hätte dieser nicht nötig gehabt. Zum einzigen Mal in diesem Zyklus vermisst man ein ganz klein wenig Verve. Zu den Sinfonien fünf und sieben sei lediglich gesagt, dass sie keine Wünsche offenlassen. Besonders der Übergang zwischen den beiden Abschnitten des Kopfsatzes der Fünften ist ebenso organisch wie mitreißend gelungen.
Insgesamt ein sehr überzeugender neuer Sibelius-Zyklus, der sich fast ganz oben einreihen kann, ohne die absoluten Referenzen vergessen zu machen.
Thomas Schulz [10.09.2026]
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Komponisten und Werke der Einspielung
| Tr. | Komponist/Werk | hh:mm:ss |
|---|---|---|
| CD/SACD 1 | ||
| Jean Sibelius | ||
| 1 | Sinfonie Nr. 1 e-Moll op. 39 | 00:37:13 |
| 5 | Sinfonie Nr. 4 a-Moll op. 63 | 00:32:41 |
| CD/SACD 2 | ||
| 1 | Sinfonie Nr. 2 D-Dur op. 43 | 00:41:32 |
| 5 | Sinfonie Nr. 5 Es-Dur op. 82 | 00:30:53 |
| CD/SACD 3 | ||
| 1 | Sinfonie Nr. 3 C-Dur op. 52 | 00:27:09 |
| 4 | Sinfonie Nr. 6 d-Moll op. 104 | 00:28:54 |
| 8 | Sinfonie Nr. 7 C-Dur op. 105 (Fantasia sinfonica) | 00:19:58 |
Interpreten der Einspielung
- Helsinki Philharmonic Orchestra (Orchester)
- Jukka-Pekka Saraste (Dirigent)

