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Besprechung CDTerra

Terra

Elenora Pertz piano

Solo Musica SM560

1 CD • 61min • 2025

10.06.2026

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Die italienisch-amerikanische Pianistin Elenora Pertz hat als Liedbegleiterin und Kammermusikerin Karriere gemacht; sie leitet die Liedklasse an der Hochschule für Künste Bremen. Unter dem Titel „Terra“ legt sie nun ihr erstes Soloalbum vor, das sie per Crowdfunding finanzierte. Sie wählte dafür 15 Stücke, die sie mit dem Element Erde, dem Thema von Heimat und Verwurzelung, verbindet. Die Bandbreite reicht von Bach über Brahms und Strawinski bis zu Fazil Say, dessen Stück Black Earth den Auftakt macht. Es basiert auf einem anatolischen Volkslied, wobei das Zupfen der Saiten im Bassregister den Klavierklang ergänzt, um die türkischen Laute zu imitieren. Elenora Pertz‘ subtiles Zupfen und Dämpfen der Saiten wird von Tontechniker Wolfram Nehls meisterhaft plastisch eingefangen.

Das Album gliedert sich in drei Abschnitte. Zunächst geht es um Komponisten, die auf Folklore ihrer Heimat zurückgreifen. In Janáčeks Die Friedeker Mutter Gottes aus dem Zyklus Auf verwachsenem Pfade ruft die Pianistin mit fein austarierter Dynamik einen bittersüßen Ausdruck hervor. Im Tanz der jungen Mädchen aus Strawinskis Le Sacre du printemps arbeitet sie scharfe Akzente und metrische Verschiebungen transparent heraus. Mit ihrer kontrollierten Herangehensweise lenkt sie die rohe Energie des Stücks in klare Bahnen.

Junge Mädchen und Mutter Erde

Der zweite Teil behandelt das Thema des Weiblichen, verbunden mit der „Mutter Erde“. In Desdémona von Mel Bonis sowie den Ersteinspielungen In Mary’s Garden von Sheila Silver und Nocturne von Mary Howe entfaltet die Pianistin einen warmen, sanften, kontemplativen Ton. Mit ihrer Auswahl begibt sie sich allerdings in Gefahr, das althergebrachte Klischee des harmlosen „weiblichen Komponierens“ fortzuschreiben.

Dann jedoch erweitert das Brahms-Intermezzo op. 117 Nr. 1 diesen Programmteil. Elenore Pertz lässt hier die Musik atmen, spinnt weite Linien und verdunkelt den Ton im Mittelteil zu schmerzlicher Tiefe.

Das Thema von Zyklus und der Rückkehr durchzieht den letzten Abschnitt. Die Bass-Arie Mache dich, mein Herze, rein aus Bachs Matthäuspassion erklingt hier in einer spätromantischen Transkription für Soloklavier. Mit feinfühligem Pedal lässt Elenora Pertz die Melodie stets singen und bewahrt sie davor, von den dichten Akkorden erdrückt zu werden. Der tröstliche, innige Charakter der Arie bleibt so erhalten.

Beethoven am Ätna

Es folgt das Variationen-Finale aus Beethovens Sonate Nr. 30 op. 109. Das innige Thema bietet Elenora Pertz mit einem warmen, uneitlen Anschlag dar. In den Variationen differenziert sie fein die unterschiedlichen Charaktere. Jedoch wirkt der Triller-Rausch in der sechsten Variation zu mechanisch und grob. Der Eindruck, die Musik würde in reines Licht und kosmische Energie zerfallen, stellt sich daher nicht ein. Auch sonst verwendet Pertz zu üppig das Pedal, so dass sich Beethovens Sonate klanglich der folgenden Schumann-Fantasie op. 17 angleicht.

Zwischen den einzelnen Abschnitten ist ein tiefes Grummeln zu hören: seismographische Tonaufnahmen des Ätna, die das „Terra“-Konzept unterstreichen. Die Pressemeldung beschreibt das Album als „musikalische Meditation über Energie, Zyklen und das Urweibliche, inspiriert von intensiven Naturerfahrungen…“ Elenora Pertz hat wohl, nach Jahren in tageslichtlosen Probenräumen und Konzertsälen, einen Befreiungsschlag unternommen.

Das originelle Programm offenbart eine Fülle von Bezügen, Zitaten und Querverweisen; zudem überzeugt die Musikerin durch eine sensible, natürliche Klangkultur. Jedoch balanciert das Album am Rande einer weltanschaulichen Überfrachtung: Der Zeitgeist von Nachhaltigkeit und Erdung wird den historischen Meisterwerken übergestülpt, die so in Gefahr laufen, auf Meditationshilfe reduziert zu werden. Die Musik ist jedoch stärker als dieses Konzept – sie erdet den Hörer ganz ohne spirituellen Background.

Antje Rößler [10.06.2026]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Fazil Say
1Black Earth für Klavier solo 00:06:34
Tristan Visser
2Etna Boati #1 00:00:30
Leoš Janáček
3The Madonna of Frýdek (Auf verwachsenem Pfade) 00:03:43
Béla Bartók
4Standing Still (Rumänische Volkstänze Sz 56) 00:01:09
Igor Strawinsky
5Dance of the Adolescents (Le Sacre du Printemps) 00:05:05
Tristan Visser
6Etna Boati #2 00:00:15
Edvard Grieg
7Zu deinen Füßen op. 68 Nr. 3 (Lyrische Stücke) 00:03:05
Mélanie Bonis
8II. Desdémona (aus: Femmes de Légende op. 86) 00:02:38
Sheila Silver
9In Mary's Garden (Resilient Earth) 00:01:53
Mary Howe
10Nocturne 00:02:47
Johannes Brahms
11Intermezzo Es-Dur op. 117 Nr. 1 00:05:05
Johann Sebastian Bach
12Mache dich, mein Herze, rein (aus: Matthäus-Passion BWV 244) 00:05:59
Ludwig van Beethoven
13Klaviersonate Nr. 30 op. 109, 3. Satz Gesangvoll, mit innigster Empfindung (Andante, molto cantabile ed espressivo) 00:12:16
Tristan Visser
14Etna Boati #3 00:00:20
Robert Schumann
15Fantasie op. 17, 3. Satz Langsam getragen. Durchweg leise gehalten 00:09:54

Interpreten der Einspielung

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