Cantar del Alma
Saxophone and Piano
MDG 903 2390-6
1 CD/SACD stereo/surround • 58min • 2025
03.07.2026
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Gesamteindruck:![]()
Klassik Heute
Empfehlung
Warum sollte ausgerechnet das Saxophon, dem im klassischen Konzertsaal bis heute ein leiser Vorbehalt anhaftet, nicht dürfen, was sonst der menschlichen Stimme eigen ist – atmen, seufzen, flüstern? Klassisches Saxophonspiel folgt anderen Gesetzen als der Jazz; schon das Mundstück verlangt eine eigene Haltung. Carlos Giménez gewinnt daraus einen Klang von einer Innigkeit, die in jedem Moment trägt. Fast scheint es gleichgültig, was er spielt – allein dieser Ton zieht den Hörer in seinen Bann. Doch Giménez und der Pianist José Alberto del Cerro wissen nicht nur genau, wie sie spielen, sondern auch, was.
Zwei starke Stimmen
Der programmatische Ausgangspunkt ist klug gewählt. Federico Mompous Cantar del Alma, jenes ins Beinahe-Nichts entrückte Lied, gibt dem Album seine ästhetische Marschroute vor: Reduktion, Innenschau, das Vertrauen darauf, dass die leise Geste mehr ausrichtet als der große Effekt. Lyrisch, intim, beinahe klassizistisch setzt das Duo ein und macht sofort klar, dass sich hier niemand beweisen will. Del Cerro legt dem Saxophon am Flügel eine dunkle Eleganz unter – zwei starke Stimmen, die ihr ganzes Können in den Dienst der Musik stellen, statt es vorzuführen. Die Farbe von Giménez' Ton bleibt dabei verschattet und leuchtend zugleich, glänzend und biegsam.
Kontrastreiches Programm
Den dramaturgischen Faden spinnen die sechs Romanzen op. 38 von Sergej Rachmaninow weiter. Es ist riskant, diese späten, harmonisch schillernden Gesänge der Singstimme zu entwenden – doch gerade hier zeigt sich die Klasse des Duos. Del Cerro hält das spätromantische Geflecht durchsichtig, ohne ihm die Schwüle zu nehmen; sein Anschlag besitzt jene Mischung aus Wärme und Kontur, die solche Musik braucht, damit sie nicht im Parfüm erstickt. Danach wird das Programm kontrastreich, indem es Vertrautes gegen unbekanntes, spanisch grundiertes Repertoire setzt. So entfaltet sich eine Reise durch viele Gefühlszustände – lyrische Innerlichkeit, Melancholie, dann wieder etwas Tänzerisches, in das die karibisch eingefärbte Diktion von Montsalvatges Cinco canciones negras mit jenem Augenzwinkern hineinpasst, das dem Album guttut. Hier pulst das pralle Leben eines Menschen, der tief empfindet.
Steigerung, Tiefe und Überzeugungskraft
Von einem Zentrum aber, einem Höhepunkt, auf den hin sich alles entwickelt, lässt sich dennoch sprechen: Wagners Tristan-Liebestod. Man mag diese Transkription für überheblich halten, bevor man sie gehört hat – doch dann schweigt jeder Einwand, denn gerade hier bietet das Duo seine ganze künstlerische Überzeugungskraft auf. Der berühmte Akkord, der sich nicht auflösen will, findet im langen Atem des Saxophons eine fast körperliche Entsprechung; die Adaption lebt nicht allein von der grenzenlosen Emotionalität des Instruments und der Konzentration, mit der beide die unerlöste Sehnsucht ausbreiten, sondern ebenso davon, dass alles Vorherige diesen Moment vorbereitet hat. Ein so vertrautes Stück, in solch neuer Steigerung und Tiefe durchlebt, gehört zu den schönsten Überraschungen des Albums.
Temperamentvoller Zugabenblock
Die abschließenden Obradors-Lieder lösen sich aus dem weiten Bogen: leichter, iberischer, anmutiger – fast ein temperamentvoller Zugabenblock nach einem Recital, in dem aufs Ganze gegangen wurde. Dass alles so unmittelbar wirkt, verdankt sich nicht zuletzt der referenzverdächtigen Detmolder Produktion: Dabringhaus und Grimm betten das Duo in einen natürlichen, offenen Raum, ohne aufdringliche Direktheit, ohne Schönfärberei. Das körnige Obertonspektrum des Saxophons bleibt erhalten, der Flügel steht plastisch und farbig daneben; wer über eine SACD-fähige Anlage verfügt, wird mit einer Tiefenstaffelung belohnt, die das Konzept des Albums – Intimität, Atem, vokale Nähe – erst vollständig einlöst.
Das eigentlich Verblüffende an diesem Album ist die Unaufgeregtheit, mit der sich alles vollzieht. Zwei Musiker haben hier einen Ton gefunden und sie vertrauen ihm. „Cantar del Alma" ist ein leises, beharrliches Plädoyer dafür, dass die Seele auch durch ein Stück gebogenes Messing singen kann.
Stefan Pieper [03.07.2026]
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Komponisten und Werke der Einspielung
| Tr. | Komponist/Werk | hh:mm:ss |
|---|---|---|
| CD/SACD 1 | ||
| Federico Mompou | ||
| 1 | Cantar del Alma | 00:03:20 |
| Sergej Rachmaninow | ||
| 2 | Nächtlich im Garten op. 38 Nr. 1 | 00:01:41 |
| 3 | Zu ihr op. 38 Nr. 2 | 00:02:18 |
| 4 | Margeriten op. 38 Nr. 3 | 00:02:19 |
| 5 | Der Rattenfänger op. 38 Nr. 4 | 00:02:47 |
| 6 | Ein Traum op. 38 Nr. 5 | 00:03:15 |
| 7 | A-oo! op. 38 Nr. 6 | 00:02:27 |
| Xavier Montsalvatge | ||
| 8 | Cuba dentro de un piano op. 4 Nr. 1 (aus: Cinco canciones negras op. 4) | 00:04:22 |
| 9 | Punto de Habanera op. 4 Nr. 2 (aus: Cinco canciones negras op. 4) | 00:01:19 |
| 10 | Chévere op. 4 (aus: Cinco canciones negras op. 4) | 00:02:15 |
| 11 | Canción de cuna para dormir a un negrito op. 4 Nr. 5 (aus: Cinco canciones negras op. 4) | 00:02:15 |
| 12 | Canto negro op. 4 Nr. 6 (aus: Cinco canciones negras op. 4) | 00:01:11 |
| Richard Wagner | ||
| 13 | Tristan und Isolde (Vorspiel und Liebestod) | 00:15:21 |
| Fernando Jaumandreu Obradors | ||
| 15 | La mi sola, Laureola (aus: Canciones clásicas españolas) | 00:02:41 |
| 16 | Al Amor (aus: Canciones clásicas españolas) | 00:00:58 |
| 17 | Corazón porque pasáis (aus: Canciones clásicas españolas) | 00:01:17 |
| 18 | El majo celoso (aus: Canciones clásicas españolas) | 00:02:23 |
| 19 | Con amores, la mi madre (aus: Canciones clásicas españolas) | 00:01:42 |
| 20 | Del cabello más sutil (aus: Canciones clásicas españolas) | 00:01:00 |
| 21 | Chiquitita la novia (aus: Canciones clásicas españolas) | 00:02:37 |
Interpreten der Einspielung
- Carlos Gimenez (Saxophon)
- José Alberto Cerro (Klavier)
