Christoph Graupner
Gottes Wille meint es gut
Complete Cantatas for Tenor and Bass
cpo 555 785-2
1 CD • 68min • 2025
04.06.2026
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Gesamteindruck:![]()
Klassik Heute
Empfehlung
Zu Lebzeiten hoch angesehen – er war sogar als Thomaskantor in Leipzig im Gespräch –, spielte Christoph Graupner (1683-1760) später in der Musikgeschichte nur eine marginale Rolle. Erst in jüngster Zeit erlebte sein reichhaltiges Œuvre eine kleine Renaissance, an der das von dem Sänger Dominik Wörner gegründete Kirchheimer BachConsort einen wesentlichen Anteil hat. Seit 2017 finden im pfälzischen Kirchheim regelmäßige Wiederaufführungen seiner Kantaten statt, die vom SWR aufgezeichnet und von cpo auf CD dokumentiert werden. Die bisherigen Veröffentlichungen haben in der Fachpresse einhellige Zustimmung gefunden. Die neueste Folge mit allen sechs Kantaten für Tenor und Bass bestätigt die hohe Qualität von Graupners Musik und ihrer engagierten Interpreten.
Vielfalt der Ausdrucksmittel
Fünfundvierzig Jahre, von 1709 bis 1754 (dem Jahr seiner Erblindung) war Graupner als Kirchenmusiker am Hofe von Hessen-Darmstadt tätig und hat in dieser Zeit nicht weniger als 1400 kirchliche Kantaten komponiert. Das legt den Verdacht auf eine Serienproduktion, auf routiniertes Handwerk nahe. Geht man von den bisherigen CD-Veröffentlichungen aus, ist dieser Verdacht völlig unbegründet. Graupners Kantatenwerk überzeugt gerade durch seine außergewöhnliche Vielfalt und seine musikalische Phantasie, die einen zeitgenössischen Kritiker zu der Einschätzung führte, den Komponisten als „Genie mit eignem Gepräge“ einzustufen und gegen die Schar „sklavischer Nachbeter“ in seiner Zeit abzugrenzen.
Die Vielfalt der Formen und Ausdrucksmittel ist auch in der vorliegenden Sammlung zu studieren. Drei Kantaten aus dem Jahre 1714 (Ach! Wo find ich meine Liebe, Wenn Not und Angst am größten ist und Du gehst, o Jesu, willig zu dem Sterben) gehören zur Gattung der strophischen Oden-Dichtungen, die nach Auskunft des Musikologen Peter Wollny im Booklet zu diesem Zeitpunkt schon aus der Mode gekommen war. Im Stil von bekannten Kirchenliedern geschrieben, orientieren sie sich in Versmaß und Reimschema an Chorälen. Entsprechend vereinfacht ist auch die Führung der Singstimmen, denen keine Virtuosität abverlangt wird. Trotz dieser formalen Einschränkungen gewinnt Graupner den Texten besondere Farben ab, indem er Streichern und Basso continuo zwei Oboen, im zweiten Satz von Du gehst, o Jesu zusätzlich zwei solistische Blockflöten beigesellt.
Altersreife
Aus dem Kirchenjahr 1721/22 stammen die beiden madrigalischen Kantaten Gottes Wille meint es gut und Warum willst du unser so gar vergessen mit ihrem spannungsreichen Wechsel von Rezitativen, dacapo-Arien und Chorälen. Dass Graupner sich im Laufe der Jahrzehnte nicht abnutzte, sondern seine Kunst ständig weiterentwickelte, belegt die 1742 entstandene Kantate Die Andacht fragt nach dir, die hier an den Anfang des Programms gestellt ist. Ein reifes Alterswerk voller überraschender Einfälle, das schon das einleitende Tenor-Rezitativ weit auffächert (Arioso, Secco-Rezitativ, compagnato-Rezitativ, instrumentale Wiederholung des Arioso), dann in den Arien für Tenor und für Bass mit Takt- und Harmoniewechseln und Synkopen überrascht und in einen heiter-spielerischen Choral mündet.
Mitreißende Wiedergabe
Die Interpretation dieser Fundstücke durch das Kirchheimer BachConsort unter seinem Leiter Florian Heyerick, der auch das Cembalo spielt, ist mitreißend. Statt sakraler Behäbigkeit erlebt man eine feurige, der inneren Dynamik der Musik folgende Wiedergabe – ohne die Tempo-Exzesse, die sich bei so vielen Aufführungen barocker Musik eingebürgert haben. Mit kleiner Besetzung wird ein Maximum an Klangwirkung erreicht. Die Streicher bersten in den schnellen Sätzen vor musikalischer Vitalität, die Solo-Oboe entwickelt gelegentlich trompetenartige Strahlkraft. Die beteiligten Künstler vermitteln nicht nur den musikalischen, sondern auch den spirituellen Gehalt der Kompositionen. Und der besteht vor allem im Ausdruck froher Zuversicht, dem unerschütterlichen Glauben an Gott und das Vertrauen in Jesus. Die beiden Sänger sind ein ideales Medium für diese Inhalte. Der helle, auch von innen leuchtende Tenor von Georg Poplutz verbindet sich mit dem ausdrucksvariablen Bassbariton von Dominik Wörner zu einer organischen Einheit, in den Chorälen scheinen die beiden Stimmen sogar zu einer einzigen zu verschmelzen. So geraten diese Ersteinspielungen zu einem eloquenten Plädoyer für einen lange Verkannten, der in seiner Zeit nicht einer unter Vielen war, sondern ein Großmeister seiner Zunft, der weit aus dem Schatten des einzigartigen Johann Sebastian Bach heraustrat.
Ekkehard Pluta [04.06.2026]
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Komponisten und Werke der Einspielung
| Tr. | Komponist/Werk | hh:mm:ss |
|---|---|---|
| CD/SACD 1 | ||
| Christoph Graupner | ||
| 1 | Die Andacht fragt nach dir GWV 1111/42 (Epiphanie 1742) | 00:15:31 |
| 7 | Ach! Wo find ich meine Liebe GWV 1112/14 (Erster Sonntag nach Epipanie 1714) | 00:09:28 |
| 10 | Wenn Not und Angst am größten ist GWV 1114/14 (Dritter Sonntag nach Epiphanie 1714) | 00:09:16 |
| 13 | Gottes Wille meint es gut GWV 1114/22 (Dritter Sonntag nach Epiphanie 1722) | 00:10:52 |
| 20 | Du gehst, o Jesu, willig zu dem Sterben GWV 1119/14 (Estomihi 1714) | 00:09:12 |
| 24 | Warum willst du unser so gar vergessen GWV 1134/21 (Kantate, Vierter Sonntag nach Ostern 1721) | 00:12:56 |
Interpreten der Einspielung
- Georg Poplutz (Tenor)
- Dominik Wörner (Bass)
- Kirchheimer BachConsort (Ensemble)
- Florian Heyerick (Cembalo, Dirigent)
