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CD • SACD • DVD-Audio • DVD Video

Besprechung CDChristoph Graupner

Christoph Graupner

Sinfonias
Il Gardinello • Florian Heyerick

cpo 555 779-2

2 CD • 2h 25min • 2023, 2024, 2021

28.05.2026

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Klassik Heute
Empfehlung

Als Interpret und Ensembleleiter wie auch als Produzent hat sich Florian Heyerick um die Musik von Christoph Graupner (1683-1760) außerordentlich verdient ge­macht: Der bel­gische Künstler hat ei­nen maßgeblichen Anteil an der fälligen Wiederbelebung, die dem beachtlichen Schaffen dieses Komponisten seit den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhun­derts zuteil ge­worden ist. Als Generationsge­nosse von Johann Sebastian Bach, Georg Friedrich Händel und Georg Philipp Telemann (mit dem ihn überdies eine enge Freund­schaft ver­band) ge­hört Graup­ner zu den Meistern der deutschen Musik des Spätbarocks, die trotz der Quali­tät ihres Schaffens bald nach ihrem Tod völlig zu Unrecht in Vergessenheit gera­ten sind.

Kündigung verboten

Einhellig wurde Christoph Graupner 1722 in Leipzig zum Thomaskantor gewählt, doch daraus konnte nichts werden: Sein Dienstherr Ernst Ludwig, Landgraf von Hessen-Darm­stadt, ließ sei­nen Musicus nicht ziehen und beorderte ihn kategorisch an seinen Hof zu­rück.

Graupner gehorchte und hielt dann seiner hessischen Stellung bis zum Tod die Treue. Das führ­te zu einem für die musikalische Nachwelt ausgesprochen glückli­chen Umstand: Nach seinem Tod er­kämpfte sich die Familie Graupner in einem langwieri­gen Prozess die Herausgabe seiner kompo­sitorischen Hinterlassenschaft aus der landesherrlichen Bibliothek. Dadurch entgin­gen die Noten der Vernichtung durch eine jener „Säuberungen“, in denen Musik, die im Laufe des musi­kalisch umtriebigen 18. Jahrhunderts in den Schat­ten des ziemlich rasant emporkommenden früh­klassischen Stils geraten und altmodisch geworden war, aus fürstlichen No­tensammlungen getilgt wur­de. Heute befindet sich Graupners umfangreiches Werk nahezu voll­ständig im Be­stand der Universi­täts- und Landesbi­bliothek Darmstadt – ein seltener Glücksfall für heutige Mu­sikforscher, die musika­lische Quel­len aus Graupners Kollegenkreis häufig weitläu­fig zusammen­suchen müssen.

Neue Gattung der Instrumentalmusik

Die „Sinfonia“ war seit der frühesten Zeit des Musiktheaters dem Genre als Instrumental­stück eng verbunden – ob zu Beginn einer Oper oder um wichtige Ab­schnitte des Werks einzuleiten. Schon in Vo­kalwerken von Telemann, Händel, J. S.Bach und anderen Kollegen der Generation entwickel­ten derartige Sinfonien eine Selbständigkeit als Orchesterstück. Damit kündigtet sich die Heraus­bildung der ei­genständigen Gattung der Sinfonie an, die im Laufe des weiteren 18. Jahrhunderts in der Klassik Haydns, Mozarts und ihrer Generationsgenossen zum bestimmen­den Genre der Orchestermusik wurde. Durch das Wirken Ludwig van Beethovens, der beson­ders mit sei­nen neun Sinfo­nien die musikalische Zukunft für den Rest seines Jahrhunderts vor­bildhaft präg­te, wurde die Sinfonie im 19. Jahrhundert zur wichtigsten Form orchestraler Musik neben dem Instrumentalkonzert, das seinerseits in seiner musikalischen Ausgestaltung unter den Einfluss sin­fonischer Formgebung geriet.

Eigene Stimme zwischen Spätbarock und Vorklassik

Graupner steht von seinem Geburtsjahr (übrigens gemeinsam mit dem ebenfalls 1683 geborenen französischen Kollegen Jean Philippe Rameau) in der Mitte zwischen Georg Philipp Telemann (1681) und den 1685 geborenen Jahrgangsgenossen J. S. Bach und Händel (darüber hinaus noch Domenico Scarlatti). Hört man die auf die­ser Doppel-CD versammelten Sinfonien, die in das Programm eingestreuten stimmungs­vollen Einzelsätze sowie zwei mehr der barocken Orchestersuite verpflichteten Stücke der CD, wird deutlich, welchen musikalischen Verstand der hessische Landgraf zweimal unter Beweis stellte: Erstens, als er den an der Hamburger Oper am Gänsemarkt als Cembalist tätigen 25-jährigen Graupner vom Fleck weg an seine Darmstädter Residenz engagierte, und zum zweiten 1722, als er ihn nicht nach Leipzig ziehen lassen wollte. Dort betraute man, nachdem auch an­dere Wunschkandidaten abgesagt hatten, einen gewissen Johann Sebastian Bach mit dem Kantorat an St. Thomas: „Da man nun die besten nicht bekommen könne, müsse man den mittleren nehmen…“: So begründete der Leipziger Ratsherr Platz diese Wahl. Heute würde man dieses Urteil wohl mit dem Satz beschreiben, dass der Prophet im eigenen Lande nichts gelte; dennoch sollte man die Hochschätzung, die Graupner seinerzeit genoss, heute nicht gegen ihn wenden: Wenn man die Ohren spitzt und neugierig zuhört, wird einem hier erstklassige Musik dargeboten.

Herausragende musikalische Fantasie

Offensichtlich hat Graupner die Sinfonie bereits erfunden, bevor sie sich noch als eigenständige Gattung der Orchestermusik etablieren konnte: Diese 10 Sinfonien zeigen neben einer Vision des Genres der Sinfonie und seiner Entwicklung im weiteren Verlauf des 18. Jahrhunderts noch die solide Verankerung Graupners in der musikalischen Tradition, die in den in spätbarocker Tradition stehenden beiden Suiten deutlich zum Ausdruck kommt. Hier erklingt ein vielfältiges und musikalisch eigenständiges Œuvre, das durch seine höchst beeindruckende kompositorische Fantasie auch heutige Hörer begeistern kann.

Einfühlung und Eleganz

Florian Heyerick und seine Musiker präsentieren diese außerordentliche Musik mit intensiver Einfühlung und einer überaus passenden Eleganz. Anstelle des lauten und aufdringlichen Tonfalls, der heute manche Interpretationen spätbarocker Musik zu einem schwer erträglichen Vergnügen macht, werden diese Werke den Hörern in der Vielfalt ihre Nuancen präsentiet, mit der die Breite ihrer der musikalischen Verwurzelung mit der eigenständigen Erfindungsgabe des Komponisten in bestmöglicher Verbindung zur Geltung kommen können.

Detmar Huchting [28.05.2026]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Christoph Graupner
1Sinfonia D-Dur GWV 528 für Orchester, 2 Trompeten, 4 Pauken, Streicher und B.c. 00:05:37
4Sinfonia C-Dur GWV 504 für Streicher und B.c. (2. Satz Allegro moderato) 00:01:52
5Sinfonia E-Dur GWV 562 für 2 Flöten, Streicher und B.c. 00:11:03
8Sinfonia G-Dur GWV 590 für Streicher und B.c. (2. Satz Largo) 00:01:37
9Sinfonia F-Dur GWV 566 für 2 Hörner, 6 Pauken, Streicher und B.c. 00:18:09
15Sinfonia G-Dur GWV 589 für 2 Hörner, Streicher und B.c. 00:11:27
19Entrata per la Musica di Tavola G-Dur GWV 453 für Streicher und B.c. 00:15:12
23Sinfonia F-Dur GWV 577 für Viola d'amore, 3 Violas, Violoncello, Fagott und B.c. (Auswahl) 00:07:16
CD/SACD 2
1Sinfonia D-Dur GWV 545 für 2 Flöten, 2 Trompeten, 4 Pauke, Streicher und B.c. 00:07:42
4Sinfonia C-Dur GWV 505 für Streicher und B.c. (2. Satz Andante) 00:01:56
5Sinfonia D-Dur GWV 529 für 2 Trompeten, 4 Pauken, Streicher und B.c. 00:08:11
8Sinfonia Es-Dur GWV 557 für Streicher und B.c. (2. Satz Andante e piano) 00:02:29
9Sinfonia D-Dur GWV 555 für 2 Flöten, 2 Hörner, 4 Pauken, Streicher und B.c. 00:09:17
12Sinfonia Es-Dur GWV 559 für Streicher und B.c. (2. Satz Andante) 00:02:25
13Sinfonia G-Dur GWV 601 für 2 Flöten, 2 Hörner, Streicher und B.c. 00:08:10
16Sinfonia G-Dur GWV 597 für 2 Hörner, Pauken, Streicher und B.c. (1. Satz Allegro) 00:03:30
17Sinfonia G-Dur GWV 604 für 2 Flöten, 2 Hörner, Streicher und B.c. 00:11:30
21Overture c-Moll GWV 411 für Streicher und B.c. 00:18:55

Interpreten der Einspielung

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