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Besprechung CDSalterio obbligato

Salterio obbligato

Vivaldi • Porpora • Paisiello

cpo 555 753-2

1 CD • 11min • 2023

25.05.2026

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 9
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

„Kommet zuhauf, Psalter und Harfe wacht auf!“ – dieser Aufruf im Kirchenlied „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren“ ist mir aus dem evangelischen Kindergottesdienst noch erinnerlich. Dass es sich bei diesem Psalter um ein Musikinstrument handelt, war mir damals nicht bewusst, aber auch später in meiner Beschäftigung mit barocker Musik habe ich es nicht wirklich wahrgenommen. Das vorliegende Album, von Elisabeth Seitz und dem Ensemble nuovo aspetto (neuer Blickwinkel) gestaltet, schließt also bei mir eine Bildungslücke, und ich denke, bei vielen anderen Musikfreunden auch.

Ungewöhnliche Renaissance

Das Psalterium, eine in den überwiegenden Fällen trapezförmige Kastenzither, die man im Deutschen oft etwas prosaisch als „Hackbrett“ bezeichnet hat, erlebte seit Beginn des 18. Jahrhunderts eine ungewöhnliche Renaissance und wurde im Theater, in der Kirche und zu höfischen Anlässen nicht nur als Bestandteil des Generalbasses, sondern verstärkt auch als Solo-Instrument eingesetzt. Es wird gezupft oder mit Schlegeln angespielt und erzeugt – der Harfe ähnlich – einen spezifischen ätherischen Klang. Die Neuentdeckung und Erweiterung seiner klanglichen Möglichkeiten ging entscheidend von Rom aus, wo Florio Ubaldi als herausragender Virtuose den Tonumfang des Instrumentes erheblich vergrößerte. Bald wurde das Salterio (dies die italienische Bezeichnung) zu einem regelrechten Mode-Instrument – auch in anderen Metropolen wie Neapel, Madrid, Lissabon und Wien.

In dem vorliegenden Album stehen Kompositionen im Mittelpunkt, in denen der solistische Einsatz des Instruments besonders gefordert ist. Und dabei kommen nicht nur anerkannte Meister wie Vivaldi, Paisiello und Porpora zu Wort, sondern auch eine Reihe heute unbekannter Musiker, deren Arbeiten das Kennenlernen durchaus lohnen.

Sakrale Verwendung

Am Heiligabend 1723 kam im römischen Papstpalast eine pastorale Weihnachtskantate des erst 19jährigen Konzertmeisters Giovanni Battista Costanzi (1704-1778) heraus, die das Wunder der Heiligen Nacht aus der Sicht der Hirten reflektiert. Dem Salterio kommt dabei neben der Tenorstimme eine zentrale Bedeutung zu, die in der Arie L’innocenza che rendesti in einer großen Schlusskadenz gipfelt. Zum geistlichen Genre zählen auch die Motette Lex Dei eius des römischen Kirchenmusikdirektors Gaetano Carpani (1692-1785), der ein Vers aus dem 36. Psalm zugrunde liegt, und eine Arie aus der Kantate Come le limpide der Wiener Tastenvirtuosin Marianna von Martines (1744-1812), die auf dem 41. Psalm basiert.

Oratorium und Oper

In dem Oratorium La Betulia liberata auf ein später vielfach vertontes Libretto von Pietro Metastasio, das in der Fastenzeit 1734 am Wiener Kaiserhof erklang, behandelt der Hofkomponist Johann Georg Reutter (1708-1772) die alttestamentarische Geschichte von der Ermordung des assyrischen Belagerers Holofernes durch die fromme Witwe Judith, die zur Befreiung der Stadt führte. Das Salterio wird hier als Basso-continuo-Stimme in den Chorpassagen und als brillierendes Solo-Instrument in den Gesängen der Judith eingesetzt, begleitet vom Pizzicato der Violinen und Instrumentalbässen. Da das Originalinstrument, ein so genanntes „Pantalon“, nicht erhalten geblieben ist, wird hier das Sopraninstrument in den solistischen Passagen durch ein größeres Salterio in Tenor-/Bass-Lage ergänzt. Die venezianische und die neapolitanische Opernschule vertreten Antonio Vivaldi (1678-1741) und Giovanni Paisiello (1740-1816), in deren Opern Il giustino bzw. La Claudia vendicata dem Salterio eine bedeutende solistische Rolle zukommt.

Einsatz in Portugal und Spanien

Der Portugiese António Teixeira (1707-1774), der in Rom seine musikalische Ausbildung erhielt und später bei Hofe hohe kirchenmusikalische Ämter innehatte, ist nicht nur mit Sakralmusik hervorgetreten, sondern hat auch Gesangseinlagen für Komödien und sogar ganze Opern geschrieben. In einer Arie aus Guerras do Alecrim e da Monjerona (Kriege zwischen Rosmarin und Majoran) zeigt er sich von der burlesken Seite. Ein Diener macht einem Hausmädchen den Hof und wird dabei durch heftige Niesanfälle beeinträchtigt. Ein zusätzlicher Verfremdungseffekt entsteht hier durch die Geräusche eines Kurzwellensenders, die an die Stelle des gesungenen Rezitativs treten.

Der zunächst in Parma tätige Francesco Corselli führte nach seiner Berufung nach Madrid den italienischen Musikstil in Spanien ein. Die Arie aus Achille in Sciro (1744) gibt dem Salterio eine wesentliche Begleitfunktion neben Oboen, Flöten und Streichern. Der Generation Beethovens gehört der Spanier Gaspar Esmit Comaposado (1767-1819) an, der als Organist und später Kapellmeister in Galicien tätig war. Sein dreisätziges Konzert für Salterio, von paarweise besetzten Oboen und Hörnern sowie Streichern begleitet, schöpft die virtuosen und klangfarblichen Möglichkeiten des Instruments aus.

Aus einem Guss

Der Einsatz des Kammerensembles nuovo aspetto, das sich auf Wiederentdeckungen barocker Werke für ungewöhnliche Besetzungen spezialisiert hat, macht diese kleine Entdeckungsreise durch das Salterio-Repertoire genussreich und spannend. Der Gesamtklang ist, auch unter Einbindung der Blasinstrumente, immer wie aus einem Guss, der Musizierstil beschwingt und pulsierend. Die Protagonistin Elisabeth Seitz agiert mit uneitler Bravour und bringt die Seele ihres Instruments zum Schwingen. Auch die Sänger können da mithalten. Vor allem der Sopranist Valer Sabadus, der in vier Solo-Einsätzen nicht nur seine schon viele Jahre bewährte Musikalität und Virtuosität unter Beweis stellt, sondern auch die Emotionen glaubhaft vermittelt. Der Altist Franz Vitzthum beeindruckt nicht weniger durch Klangschönheit und Wärme. Sehr ansprechend sind aber auch Stimme und Vortragsstil des lyrischen Tenors Christian Dietz. Dem Bassbariton Manfred Bittner kommt in dem portugiesischen Beitrag die buffoneske Rolle zu, die er mit üppigen stimmlichen Mitteln ausschöpft. Vorbildlich ist das Booklet, das neben einem ausführlichen Essay, den gesungenen Texten in drei Sprachen auch mehrere Fotos und Illustrationen enthält.

Ekkehard Pluta [25.05.2026]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Giovanni Battista Costanzi
1Due piccoli agnelletti ... L'Innocenza che rendesti (aus: Elpino, Tirsi e Angelo) 00:05:33
Giovanni Paisiello
2Non fedele, ma crudele (aus: La Claudina vendicata) 00:04:24
Francesco Corselli
3Ch'io t'abbandoni ... Tornata sereni (aus: Achille in Sciro) 00:09:27
Marianne Martines
4A così indegni accenti (aus: Come le limpide) 00:05:24
Gaetano Carpani
5Lex Dei eius (Motetto) 00:05:11
António Teixeira
6Não posso ó Sevadi (aus: Guerras do Alecrim e Manjerona) 00:05:41
Gaspar Esmit Comaposada
7Concierto de Salterio 00:11:03
Antonio Vivaldi
9Ho nel petto un cor sì forte (Aria) (aus Giustino RV 717) 00:06:52
Nicola Antonio Porpora
10Dorindo, dormi anchor? (Sinfonia) 00:01:12
Georg Reutter d.J.
11Basta. Dovute non son tai lodi a me ... Lodi al gran Dio (aus: La Betulia liberata) 00:04:30
Gaspar Esmit Comaposada
12Concierto de Salterio, 3. Satz Rondó 00:06:54

Interpreten der Einspielung

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