Anzeige

Teilen auf Facebook RSS-Feed Klassik Heute
Klassik Heute - Ihr Klassik-Portal im Internet

CD • SACD • DVD-Audio • DVD Video

Besprechung CDLeo Fall

Leo Fall

Die Straßensängerin

cpo 555 732-2

1 CD • 80min • 2024

20.04.2026

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8
Klangqualität:
Klangqualität: 8
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 8

Die Komödie Pygmalion von George Bernard Shaw, die 1913 am Wiener Burgtheater ihre Uraufführung erlebte, ist in unseren Tagen vor allem in ihrer Musical-Adaption My fair Lady auf den Bühnen präsent. Wenig bekannt ist, dass sie auch als Operettenstoff verarbeitet wurde. Nachdem Franz Lehár das Buch abgelehnt hatte, ging der Auftrag an Leo Fall, der allerdings mit der sehr freien Bearbeitung der Vorlage unter dem Titel Die Straßensängerin (UA Berlin 1921) nicht viel Glück hatte. Der vorliegende Mitschnitt einer Aufführung der Musikalischen Komödie Leipzig füllt auf jeden Fall eine diskographische Lücke.

Libretto-Pfusch

Fritz Friedmann-Frederich, der damalige Intendant des Berliner Metropol-Theaters, versuchte sich hier unter dem Namen Lo Portem (Ananym von Metropol) selbst als Librettist und gewann August Neidhardt, Autor von Leon Jessels Schwarzwaldmädel, als Mitarbeiter. Was sie gemeinsam aus der guten Vorlage herausgefiltert haben, ist sehr beschämend und hat weder Hand noch Fuß. Der amerikanische Millionär Mr. Brown will seine Tochter Mabel mit Mr. Georges verheiraten, der eine bahnbrechende Erfindung gemacht hat, die seinem Unternehmen zugutekommen soll. Mabel hält aber nichts davon, weil sie dessen Sekretär Roland Simpel liebt, und versucht deshalb, ihn sich mit einer Wette vom Leibe zu halten: Innerhalb von drei Wochen soll er eine beliebige Göre zu einer Frau von Welt machen. Die Straßensängerin Sonja kommt da kurz vor dem ersten Aktschluss gerade recht für ein solches Experiment. Sie verliebt sich in den Schnösel und ist sehr gekränkt, als sie dahinterkommt, dass sie nur benutzt wurde. Im 3. Akt begegnet sie uns unvermittelt als Filmstar Anita de Cabreros wieder und der reumütige Georges fleht bei ihr um eine zweite Chance. Man gewinnt den Eindruck, die beiden Librettisten hätten ihren ganzen Ehrgeiz dareingesetzt, die Spuren von Shaws Komödie zu verwischen, um nicht in urheberrechtliche Streitereien verwickelt zu werden. Das hat die fatale Folge, dass die Hauptsache des ganzen Plots, nämlich die Verwandlung einer gewöhnlichen Straßengöre in eine Lady der Society, gar nicht auf die Bühne kommt, sondern zwischen den Akten stattfindet.

Kompositorisches Knowhow

Knapp zwei Monate hatte Fall Zeit, die Partitur fertigzustellen. „Diese Musik ist wie aus der Pistole geschossen“, attestierte ihm sein Freund, der Musikkritiker Ludwig Karpath. Als heutiger Hörer hat man eher den Eindruck, sie sei mit leichter Hand „aus dem Ärmel geschüttelt“. Wo das Libretto keinen logischen dramaturgischen Sinn ergab, konnte man vom Komponisten nicht erwarten, musikalisch einen solchen Sinn zu schaffen. Leo Falls Arbeit zeigt keine andere Ambition als einfach zu gefallen. Er liefert eine Folge von Nummern, die diesen Zweck durchaus erfüllen. Für große Gefühle ist in diesem Sujet kein Platz, entsprechend fehlen schmelzende Kantilenen und echte „Ohrwürmer“. Es sind auch weniger die Solo-Stücke, die Eindruck machen, als die sauber gearbeiteten Ensembles und besonders die beiden ausgedehnten Finali. Und mit dem Rhythmus klappt es bestens, vom Walzer bis zum Jazz ist alles aufgeboten. Das attraktivste, wenn auch im 3. Akt völlig unmotiviert, quasi als „Einlage“ eingesetzte Stück ist der „Jazz“ betitelte Song „Was hat in seinem größten Zorn“, der aber nicht von der Sängerin Sonja, sondern von der Millionärstochter Mabel angestimmt wird. Es handelt sich um einen „Shimmy“, einen Modetanz der Zeit, der damit erstmals auch in die Operette Eingang fand. Fall schrieb ihn während der Proben im Metropoltheater und fügte ihn nachträglich in die Partitur ein.

Leipziger Ehrenrettung

Obwohl bei der Berliner Uraufführung am 24. September 1921 berühmte Stars wie Mizzi Günther (Sonja) und Trude Hesterberg (Mabel) auf der Bühne standen, konnte Die Straßensängerin nicht mehr als einen Achtungserfolg verbuchen. Die Wiener Premiere brachte kein anderes Ergebnis und bald verschwand das Stück ganz von den Spielplänen. Die konzertante Aufführung der Musikalischen Komödie Leipzig, in der die Musiknummern durch knappe Dialoge verbunden sind, kommt nicht nur einer Wiederentdeckung, sondern auch einer kleinen Ehrenrettung gleich. Das Orchester unter Tobias Engeli spielt mit Verve auf, Chor und Solisten verstehen es, lebendige Bühnenatmosphäre zu vermitteln. In der Besetzung gibt es keinen Schwachpunkt. Mirjam Neururer (Sonja) und Joshua Whitener (Mr. Georges) bringen einige Operettenerfahrung und ausreichenden Stimmglanz ein, Nora Lentners Mabel kann da mühelos mithalten. Der noble Bariton Shin Taniguchi (Mr. Brown) empfiehlt sich mehr für Liebhaber- als für Väterrollen, Andreas Rainer als Roland Simpel und Michael Raschle als Sonjas schlitzohriger Vater sorgen für angemessene Buffo-Farben.

Ekkehard Pluta [20.04.2026]

Anzeige

Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Leo Fall
1Die Straßensängerin (Operette in drei Akten) 01:19:13

Interpreten der Einspielung

Anzeige

Klassik Heute - Ihr Klassik-Portal im Internet

Anzeige