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Klassik Heute Feuilleton

Bericht

Samstag, 4. Februar 2012
Klassik Heute - Hörführer

Mozartwoche Salzburg 25.1. – 3.2. Mozartwoche Salzburg (25.1. – 3.2.)

Schuldigkeiten, Gewinne – Öffnung mit Zukunft

Mozartwoche 2008 verspricht Ende Januar, Anfang Februar ein erregendes, vielfältiges, im besten Sinne polarisierendes Programm. Mozart erklingt selbstverständlich allerorten und in allen erdenkbaren Besetzungen, aber auch die Musik des 20. Jahrhunderts mit Werken von Messiaen und Bartók, im Fokus dazu eine reiche Auswahl aus dem Schaffen Weberns, dessen (zumeist) minimalisierende Kunstanschauung als ein geradezu mysteriöser Reflex zum opulenten, aber zugleich aber auch auf Wesentlichstes konzentrierten Oeuvre Mozarts neue Erfahrungen verspricht.

In den drei Konzerten, die hier im feuilletonistischen Vorübergehen berührt sein sollen, standen die Stücke Weberns noch nicht zur Diskussion. Hingegen zwei wundersame, den weiten Feldern des auskomponierten Fühlens, des Schauens und des andächtigen, gleichsam ästhetisch-wissenschaftlichen Hörens zugedachte Arbeiten des französischen Meisters Olivier Messiaen: Les Offrandes oubliées und Réveil des oiseaux für Klavier und Orchester! Die Wiener Philharmoniker unter der Leitung von Ingo Metzmacher – die zum Konzertschluss auch eine packende, sehnige Mozart-Sinfonie (KV 543) erklingen ließen – zeigten hier ein mehr als respektables Engagement, nämlich eine ornithologische Feinfühligkeit, die weit über den konzertanten Repertoire-Alltag hinausreichte, auch wenn dieser Alltag bekanntlich keine schlechten Resultate zeitigt.

Am Klavier tönte, surrte, schnäbelte, girrte der höchst Messiaen-kundige französische Pianist Pierre-Laurent Aimard. Dies gewissermaßen in seiner Eigenschaft als Vier-Sterne-Interpret der Musik des späteren 20. Jahrhunderts. Er hat seit vielen Jahren das Zeug, Licht und Couleurs in diese mit heißem Herzen errechnete Musik Messiaens zu zaubern. Und auch als Persönlichkeit zeichnet er – gestisch, fingernd, beschwörend, erklärend – für alles Heutige verantwortlich. Beklemmend, ja enttäuschend ist es allerdings, wenn dieser „pianist in residence“ der Mozartwoche 2008 ein Klavierkonzert des heimischen, aber doch flüchtigen genius loci zu betreuen hat. Hier zeigen sich reichlich technische Schwächen, bestätigen sich viele Zweifel an seinem feinmechanischen Vermögen, wie sie schon aufkamen, als Aimard einst bei den sommerlichen Festspielen Beethovens D-Dur-Sonate (op. 10,3) oder später in Graz (unter Harnoncourt) an den fünf Beethoven-Klavierkonzerten herumlaborierte. Dieses Konzert KV 488 hier im Festspielhaus war zerwalktes, zerdehntes, konservatorisches Mittelmaß – sofern man auch nur über ein wenig Überblick über das internationale Leistungsvermögen Dutzender, ja Hunderter Tastenkonkurrenten verfügt.

Von einem musikantischen Heißluftballon mit sicherer Bodenhaftung ist zu reden, wenn der französische Kapellmeister Marc Minkowski vor und mit seinen Musiciens du Louvre Grenoble aufsteigt – und im Namen Glucks und im Auftrag Mozarts auch ebenso sicher wieder landet. Minkowski gehört nicht – wie im Folgenden Nikolaus Harnoncourt – zu den von Wissens- und Genauigkeitsdrang erfüllten Interpreten. Er wirft sich förmlich in die Musik des alten, in seiner Don Juan-Ballettpantomime jugendlich-angriffslustigen Christoph Willibald Gluck, er weiß Konzertarien Mozarts (mit Anne Sofie von Otter) aufreizend, blumig zu umgarnen. Und mit der strahlenden, wahrhaft Jupiter-stolzen C-Dur-Sinfonie (KV 551) von Mozart führen er und seine aufmerksamen „Louvre“-Kuratoren die in Salzburg genießend-lernenden Mozartianer aller musiksozialen Schichten für eine halbe Stunde in Gefilde heilsamen unwissenschaftlichen Wissens.

Harnoncourt nun hatte sich die schwierige, gleichwohl verführerische Aufgabe zugedacht, mit seinem alt gedienten, dem Wesen und der Zielsetzung nach unverbraucht gebliebenen Concentus musicus Mozarts frühes, sehr frühes geistliches Singspiel Die Schuldigkeit des Ersten Gebots (KV 35) in Erinnerung zu bringen. Eine wohlvorbereitete, dem Können und Werden des 11jährigen Mozart angemessene Übung, die heute nicht minder staunen lässt als die wenigen Zeitzeugen, die das Glück hatten dabei zu sein (sofern sie überhaupt etwas von all dem Ungewöhnlichen bemerkten…). Gute, sehr gute Sänger – John Mark Ainsley, Kurt Streit, Patricia Petibon, Eva Mei und natürlich auch Elisabeth von Magnus –, dazu markant dienende Instrumentalisten – Herbert Tachezi (Orgel), Stefan Gottfried (Cembalo), Herwig Tachezi (Cello) – leisteten hier die historisch-klangliche Untermauerung zur Freude eines Publikums, das sich bei aller in den letzten Tagen gezeigten Offenheit für das Neue doch gerne mit dem (in diesem Fall kindlichen) Urvater dieses Festivals beschäftigt.

Mit ihrer in diesem Jahr vieldiskutierten Konzeption der programmatischen Öffnung, ja der literarischen Konfrontation mag die Internationale Stiftung Mozarteum gelegentlich an Grenzen des Machbaren und Wünschenswerten gestoßen sein, aber es führt doch keine Wegstrecke in eine gedeihliche Zukunft, die sich nicht auch an den Hörgewohnheiten, vor allem aber auch Hörerwartungen einer jüngeren Publikumsklientel orientiert. Leistungen und Angebote etwa der Wiener Veranstalter, aber auch der sommerlichen Festspiele in Salzburg geben gute, ermunternde Beispiele. Und so war es zu begrüßen, wenn ein neues, ungemütlich chiffriertes, anregend-verstörendes Werk für zwei Klaviere und Orchester, nämlich Im Lichte von Johannes Maria Staud, in Auftrag und dann auch mit einigem Erfolg von kompetenten Interpreten gegeben wurde. Ein weiteres Mal war es Pierre-Laurent Aimard, nun aber mit der jungen Pianistin Tamara Stefanovich, der sein Vermögen unter Beweis stellte, bislang Unausgesprochenes plastisch auszuformulieren. Und auch die Camerata Salzburg – neben der Staud-Premiere auch mit Werken von Webern (op. 10) und Mozart (Serenade KV 185) unterwegs – zeigte sich in günstigem Licht, wobei an diesem Abend mit Jonathan Nott einer der kundigsten, anregendsten Orchesterleiter am Pult für Ordnung und Spannung bürgte, den der gegenwärtige Musikbetrieb von Ort zu Ort schickt.

Problematisch scheint mir die Konzentration auf Musik „unserer Zeiten“, wenn am späten Abend nur mehr Stücke von Messiaen und Sofia Gubaidulina angesetzt sind – Mozart also gleichsam unter Hausarrest steht. Überdies sind Messiaens gewaltige, ebenso erschütternde wie erfreuende Visions de l’amen für zwei Klaviere nicht geeignet, von Akkordeonstücken der russischen Meisterin umrahmt bzw. wesensfremd unterbrochen zu werden. Der vergleichsweise spannungsmüde Italiener Teodoro Anzelotti war dazu verurteilt, fauchend, tremolierend, seufzend gegen eine der bedeutendsten Arbeiten für Klavierduo anzukämpfen, zumal die ad hoc zusammengestellte Formation mit Christopher Hinterhuber und Marino Formenti trotz mancher unvermeidlicher Koordinationsprobleme eine im expressiv Lauernden wie im Ekstatischen atemberaubende Leistung bot.

Faszinierend auch eine Aufführung von Karl Amadeus Hartmanns Concerto funebre für Violine und Orchester mit der (barfuß auftretenden!) Geigerin Patricia Kopatchinskaja – unterstützt, abgedunkelt, angefackelt vom Mozarteum Orchester, dessen Leiter an diesem Abend, Louis Langrée, sich für weitere Aufgaben zu empfehlen vermochte. Hier zeigte sich, wie unter gewissen Voraussetzungen schonungslose Individualität einer Interpretin, gepaart mit Werk- und Kulturkenntnis, eine Aussage formuliert, die dem bestürzt lauschenden Hörer nicht anders als allgemeingültig in Erinnerung bleibt!

Peter Cossé, 13.2.2008

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