Mörder des Musikzuckers
Mit neun Sinfonien, vielen Klavierminiaturen und drei Streichquartetten ein heimlicher „Klassiker der Moderne“ war der seit Edvard Grieg bedeutendste norwegische Komponist.
„Ja, es liegt wohl Gewaltsames in meiner Musik – einmal hat ein Polizist meine Hände begutachtet und behauptet, dass Mord in ihnen läge … Ich hoffe nur, dass dann die Zuckerfabrikanten die Leidtragenden sind.“
Als sein Berliner Kompositionsprofessor Friedrich E. Koch kritisierte, in seiner Musik sei so viel Stein, erwiderte der 24jährige Sæverud: „Ich liebe Stein. Stein, Fels ist das Fundament unter allem anderen. Darüber kommt die Erde, die großen Bäumen wie zarten Blumen Halt gibt.“ Wäre nicht vor ihm Grieg gewesen, so hätte Harald Sæverud wohl so etwas wie der „Bartók Norwegens“ werden können. So aber wuchs er hinein in ein nationalromantisches Milieu, mit dem er früh radikal brach. Geboren am 17. April 1897 zu Bergen an einem Ort, der einst sowohl Friedhof als auch Hinrichtungsstätte gewesen war, floh er früh vor den Garstigkeiten des Lebens in die magische Welt der Musik und der umgebenden Natur.
Schon die ersten Kompositionsversuche sind höchst individuell. Später hat Sæverud immer wieder betont, er habe von niemandem etwas gelernt und alles selbst gefunden. Den 1916–18 komponierten ersten Satz seiner ersten Sinfonie zeigte er Christian Sinding, der nicht fassen konnte, wie ein junger Mann fast ohne Ausbildung ein solches sinfonisches Format vorlegen konnte, auch wenn ihm die aus kleinen Motiven aufgebaute, ungeschönte Sprache befremdlich erschien. Als Student in Berlin schrieb er seine glutvolle Klaviersonate in g-Moll. In reifen Jahren komponierte er für Klavier ausschließlich Miniaturen, unter welchen die vier Bände Lieder und Tänze aus Siljustøl herausragen – welch’ unbändiger, tiefer Humor aus diesen Stücken spricht, welche Poesie und unverbrüchliche Originalität! Mit fortwährendem Gewinn kann man sich hineinhören in diese tönenden Gestalten, wo Sæverud mit jenen so typischen plötzlichen Wendungen des Geschehens operiert, die doch stets mit motivischer Logik korrespondieren und die Atmosphäre nicht zerstören, sondern neue Blicke freigeben.
Sæveruds Welt, seine Affektsprache bewegt sich auf einer sehr feinstofflichen Ebene, was kraftvolle, ja derbe Gestalten durchaus einschließt – ihn kennzeichnet urwüchsige Sensibilität. Oft sind es nicht die Themen, die so bemerkenswert erscheinen, nicht das Ausgangsmaterial, sondern die Art, wie diese meist äußerst knappen Motive behandelt werden. Mögen sie auch aller überflüssigen Zutaten entledigt sein, so sind sie doch immer äußerst charakteristisch, haben Entschiedenheit und Individualität.
Gegen Ende der zwanziger Jahre wurde Sæveruds Stil zusehends radikaler. Die Klaviersuite op. 6 etwa berührt sich mit dem frühen Prokofieff und Bartók. Mit der Familiengründung – Sæveruds Sohn Ketil Hvoslef ist heute einer der wichtigsten norwegischen Komponisten – fand er zu jener inneren Balance, die sein Schaffen bis ins hohe Alter begleitete. Die scharfen Attacken wurden noch zielgerichteter ins Werk gesetzt, im Wechselspiel mit dem Zarten, Lyrischen, präzis Einfachen. Als Sinfoniker schuf er sich einen unverwechselbaren Orchesterklang. Die 1942 komponierte ostinato e crescendo-Obsession Kjempeviseslåtten (Canto rivoltoso) wurde zum Symbolstück des musikalischen Widerstandes gegen die deutsche Besatzung. Internationale Anerkennung fanden die einsätzigen Sinfonien Nr. 6 (Sinfonia dolorosa) und 7 (Salme) sowie seine neue, antiromantische Schauspielmusik zu Ibsens Peer Gynt. Doch die späteren Werke, die eigentlichen Höhepunkte seines Schaffens, darunter die viersätzigen Sinfonien Nr. 8 und 9 und die drei Streichquartette, fanden in einer Welt mit anderen musikalischen Idealen nicht mehr die ihnen gebührende Anerkennung. Bis zuletzt schöpferisch agil, starb Harald Sæverud am 27. März 1992, kurz vor seinem 95. Geburtstag, in Bergen. Heute beginnt man, ihn zu entdecken.
Diskographische Hinweise Harald Sæverud
Anspieltip: Kjempeviseslåtten
Sinfonien Nr. 4-8, Canto ostinato, Galdreslåtten, Rondo amoroso; Bergen Philh., D. Kitaenko.
Simax 2 CD PSC 3124
Sinfonie Nr. 3, Violinkonzert; T. Sæverud (Violine), Stavanger SO, O. K. Ruud.
BIS 872
Sinfonie Nr. 9, Klavierkonzert u.a.; Noriko Ogawa (Klavier), Stavanger SO, A. Dmitriev.
BIS 962
Siljuslåtten, Vade mors, Peer Gynt-Suiten Nr. 1 und 2, Klavierkonzert, Divertimento für Flöte und Streicher, Gjætlevise-Variationen, Kjempeviseslåtten, Violinromanze, Variazioni piccoli, Fanfare und Hymne etc.; T. Sæverud (Violine), E. Røttingen (Klavier), Bergen Philh., K. Andersen.
Simax 2 CD PSC 3125
Komplette Soloklaviermusik; Einar Røttingen.
Simax 3 CD PSC 1116
Streichquartette Nr. 1-3; Hansa Quartett.
Simax PSC 1141
Oboenkonzert, Sinfonien Nr. 6 und 7.; E. N. Larsen (Oboe), Oslo Philh., M. Jansons etc..
Aurora 4953
Lucretia-Suite, Fagottkonzert etc.; R. Rønnes (Fagott), Stavanger SO, A. Dmitriev.
BIS 822
Violinromanze, Violinkonzert, 20 kleine Duette für 2 Violinen, Elegie für Violine Solo; T. Sæverud (Violine) u.a.
Simax PSC 1087
Sinfonie Nr. 9, Galdreslåtten, Kjempeviseslåtten, Rondo amoroso; Royal Philh. Orch., P. Dreier.
Aurora 4913
Sinfonie Nr. 6, Peer Gynt-Suiten Nr. 1 und 2, Galdreslåtten, Kjempeviseslåtten; Stavanger SO, A. Dmitriev.
BIS 762
Fagottkonzert (+ O. Berg, Nordheim); R. Rønnes (Fagott), Stavanger SO, G. Oskamp.
Aurora 1934
Peer Gynt-Suiten Nr. 1 und 2 (+ Grieg); Norwegisches RSO, A. Rasilainen.
Finlandia 0630-17675-2
Christoph Schlüren, 1.1.1999