Der (geheime) Star ist das Programm
25 Jahre „Raritäten der Klaviermusik“ im Schloss vor Husum
Eines sollte klar sein: Bei dem Festival „Raritäten der Klaviermusik“ im Schloss vor Husum geht es nicht darum, Stücke dritter oder vierter Güteklasse, welche die Geschichte unter „unbrauchbar“ abgelegt hat, zu rehabilitieren. Es geht dem Festivalleiter, Pianisten und Pädagogen Peter Froundjian vielmehr darum, erstrangige Werke wieder zu Gehör zu bringen, ganz gleich aus welchem Kulturkreis oder von welchem Komponisten sie stammen. 
Peter Froundjian
Foto: Kai ChristensenUnd sein Engagement bringt alljährlich zahlreiche Enthusiasten nach Husum, der grauen Stadt am Meer, die sich in diesen acht Tagen der Raritäten-Musterung durch bedeutende Pianisten sehr aufhellt.
Wer das Festival noch nicht kennt und Klavieromane ist, der hat definitiv etwas verpasst. Aber es ist noch nicht zu spät, schon 25 Jahre agieren in Husum entfesselte Pianisten – und man darf vermuten, dass es die kommenden 25 Jahre nicht anders werden wird. Klugerweise hat Peter Froundjian keine modischen Expansionspläne, höher, schneller, weiter muss es nicht werden – nur interessant darf es bleiben.
KH: Herr Froundjian, In diesem Jahr 2011 feiert Ihr Festival „Raritäten der Klaviermusik“ im Schloss vor Husum 25-jähriges Bestehen. Wie hat es angefangen und warum?
Peter Froundjian: Bevor 1987 die ersten „Raritäten der Klaviermusik“ vom Stapel liefen, hat es natürlich eine Vorgeschichte gegeben, die sich bildet aus meinen eigenen Erfahrungen und Erlebnissen als Pianist, als Hörer, als Konzertgänger – und aufgrund meiner Neugier was Klavierliteratur betrifft. Ich bin weder ein ausgebildeter Kulturmanager, wie es heute viele gibt, noch hatte ich je geplant, ein Festival auf die Beine zu stellen. Aber damals hat ein gewisses Unbehagen am Musik- und Konzertleben bei mir die Idee eines solchen Festivals reifen lassen. Bis heute denke ich, dass es notwendig war. Ich mache die ganze Sache sehr handverlesen, das kostet viel Zeit und Mühe, dafür aber hat es – wie man heute so sagt –eine gewisse Nachhaltigkeit.
KH: Worin bestand dieses Unbehagen?
Peter Froundjian: Wenn man ein interessierter Konzertgänger ist, merkt man bald, dass immer wieder dasselbe gespielt wird, ein relativ eingeengter Kanon von Werken. Der Aufbau der Programme ist auch immer derselbe. Das Unbehagen, das ich vor 30 Jahren hatte, empfinde ich auch heute noch, wenn ich Programme sehe, die ebenso aufgebaut sind, mit genau den gleichen Werken. Es geht offenbar nicht um die Musik, es geht um die Interpreten. Dadurch aber entfällt eine unglaubliche Menge an wunderbaren Werken. Zwischen einem konservativen Musikverständnis, das nur bestimmte Werke gelten lässt, und einer Seitenlinie, die nur die so genannte „Neue Musik“ unterstützt, gibt es einen breiten Korridor von Stücken, die gar nicht beachtet werden. Das hat sich zwar in den 1980 und 1990er Jahren ein wenig gewandelt, man ist offener geworden für das Repertoire außerhalb des deutsch-österreichischen Raumes und auch außerhalb der Avantgarde. Aber ich wollte damals eben aus diesem Spannungsfeld ausbrechen und habe deshalb versucht, eine ganz bestimmte Art des Repertoires zu präsentieren.
KH: Dieses reicht vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart …?
Peter Froundjian: Prinzipiell schon. In den Programmen sind aber am häufigsten Werke aus der Zeit zwischen etwa 1850 und 1930 zu finden, der großen Zeit des Klaviers. 
Rittersaal im Schloss vor Husum
Foto: Kai ChristensenUnd aus dieser Zeit ist vieles liegen geblieben, was kennenswert ist. Schon in den ersten Jahren des Festivals wurden viele Kompositionen aufgeführt, die außerhalb des zentraleuropäischen Raumes entstanden sind, Ireland etwa, Palmgren, Medtner, Szymanowski, französische Komponisten … Französische Musik beginnt natürlich nicht mit Debussy, wie es häufig bei uns den Anschein haben mag. Aber die Komponisten vor ihm stehen hierzulande nicht so hoch im Kurs und werden deshalb kaum beachtet. Man sieht bzw. hört nicht ihr spezielles Flair und die eigene Idiomatik. Überhaupt habe ich mich immer sehr für nationale Schulen interessiert, sie sagen etwas auf eine nicht übertragbare Weise und sind daher einzigartig.
KH: Wer waren die Pianisten des ersten Jahres und warum gerade die?
Peter Froundjian: Im ersten Jahr habe ich selber einen Abend bestritten, dann habe ich Michael Ponti herangezogen, denn er war ja auch ein Vorkämpfer für vergessene Literatur; er hat den ersten Abend gespielt. Es ist auch ein amerikanischer Pianist gekommen, der sich für Godowsky eingesetzt hat, Daniel Berman; es waren noch vertreten Boris Bloch, Rainer M. Klaas und Eckhard Sellheim. Neben interessanten Programmen war eine weitere Absicht von mir, Pianisten einzuladen, die zwar in ihrem Land bekannt sind, aber bei uns gar nicht. Ich glaube, ich war der erste, der den Alkan-Spezialisten Ronald Smith eingeladen hat, er hat sonst nicht in Deutschland gespielt. Dann hatte ich einige italienische Pianisten, auch sind viele aus England gekommen, Hamish Milne, Piers Lane, später Stephen Hough. Ich habe natürlich versucht Pianisten zu bekommen, die in ihrem Interesse ähnlich ausgerichtet waren wie ich.
KH: Ihre wesentliche Vorgabe von Anfang an war, dass das Repertoire zählt und der Pianist „nur“ Ausführender ist ... Wie aber suchen und finden Sie die Pianisten?
Peter Froundjian: Der (geheime) Star ist das Programm, das ist richtig. Aber natürlich strebe ich danach, die bestmögliche Aufführung der Stücke zu gewährleisten. Und man entwickelt im Laufe der Zeit ein Gefühl dafür, ob das Interesse genuin ist, man weiß, womit sich die einzelnen Pianisten auseinandersetzen. Marc-André Hamelin zum Beispiel, der ja mittlerweile berühmt geworden ist, hat ein echtes Interesse, unbekannte Literatur zu erforschen und sich dafür einzusetzen. Und natürlich wirke ich bei der Programmgestaltung der einzelnen Abende wie auch des gesamten Festivals gewissermaßen im Hintergrund mit, bei manchen Pianisten mehr, bei manchen weniger. Ich kenne auch in den allermeisten Fällen die Noten der vorgeschlagenen Stücke und kann so beurteilen, was auf das Publikum zukommt.
KH: Warum findet Ihr Festival gerade in Husum statt?
Peter Froundjian: Das hat hauptsächlich mit meiner Biographie zu tun. Nachdem ich lange in Berlin an der Hochschule der Künste – jetzt UdK – als Lehrbeauftragter gearbeitet hatte, habe ich mich seinerzeit in Husum um eine ziemlich attraktive Stelle an der Musikschule beworben, die eben auch im Schloss angesiedelt ist. 
Schloss vor Husum
Foto: Thomas LorenzenEs war dort, was die Idee eines Festivals angeht, unbeackertes Land. Man kann nicht sagen, dass ich damit offene Türen eingerannt hätte; aber man hat mich machen lassen – und jetzt hat die Sache Erfolg, es kommen Gäste aus aller Welt. Natürlich dachte ich – da dieses Festival etwas Neues war –, dass sich die Presse dafür interessieren würde. Aber weit gefehlt, die hat (fast) gar nicht reagiert – was ich heute als symptomatisches Indix für meine „Pioniertat“ ansehe! Der erste Artikel in der FAZ kam erst im Jahre 2007. Im Ausland sind die ,Raritäten der Klaviermusik’ sehr viel mehr anerkannt worden, schon sehr früh hieß es beispielsweise im englischen Magazin ,Gramophone’: ,... the most enterprising of Piano Festivals’, nachdem dort internationale Klavierfestivals durchgemustert worden waren. Außerdem war ein Jahr vorher das Schleswig-Holstein Musik Festival etabliert worden, und es schauten alle Augen darauf und alle Gelder flossen dahin.
KH: Das hat aber offensichtlich nichts geschadet, Ihr Publikum kommt aus der ganzen Welt.
Peter Froundjian: Ja, das stimmt. Ich glaube, dass die CDs, die wir gemacht haben und auf denen jeweils einige Werke des jeweiligen Jahres zu hören sind, den Namen weit hinausgetragen haben. Viele Interessierte haben sich die CDs besorgt und sind dann gekommen – und sind wieder gekommen. 
Liederabend im Rittersaal
Foto: Kai ChristensenFür viele ist es auch, wie ich schon oft zu hören bekommen habe, ein Gesamtkunstwerk-Erlebnis, die ganze Woche da zu sein. Deshalb ist die Zahl unserer Abonnenten recht hoch. Im Konzertsaal finden zweihundert Personen Platz. Gut die Hälfte der Besucher kommt aus Deutschland, die Hälfte davon aus Schleswig-Holstein, zehn Prozent aus dem übrigen Europa, acht Prozent von außerhalb Europas.
KH: Wollen Sie das Festival ausbauen?
Peter Froundjian: So lange wir so ausgebucht sind, nein. Husum hat zwar jetzt einen Kongresssaal bekommen, und wir verlagern dieses Jahr auch ein Konzert dorthin. Aber das Ambiente des Schlosses ist sehr beliebt, der Garten dort sehr schön, schon deshalb wollen wir im Schloss bleiben. Und natürlich ist auch die Akustik im Rittersaal des Schlosses sehr gut.
KH: Trägt sich Ihr Festival selber?
Peter Froundjian: Nein, wir haben natürlich nicht besonders hohe Zuschüsse, hauptsächlich vom Kreis Nordfriesland, zu dem das Schloss gehört. Und wir haben einen privaten Förderverein, der einspringt, wenn was fehlt. Darüber hinaus verkaufen wir natürlich die Eintrittskarten.
KH: Wir wünschen Ihnen und Ihrem Festival weitere spannende 25 Jahre und viele interessante Klavierabende. Was haben Sie denn für das Jubiläumsjahr 2011 geplant?
Peter Froundjian: Eine Liszt-Ausstellung von Joachim Draheim im Foyer des Schlosses ist ein weiterer Tribut, den dieses Klavierfestival dem Jubilar zollt. Außerdem ist gewiss von Interesse eine Podiumsdiskussion mit internationalen Klavierexperten zum Thema „Quo vadis Piano?“ und zu der Frage, welchen Stellenwert der Klavierabend als Konzertform heute noch besitzt. Und Marc-André Hamelin wird nach der erstmaligen Gesamtaufführung seiner zwölf Etüden letztes Jahr beim Festival seine kürzlich fertig komponierten „Paganini-Variationen“ in Husum uraufführen.
Das Programm findet man unter www.raritaeten-der-klaviermusik.de.
Ernst Oder, 9.5.2011