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Bericht

Donnerstag, 23. Mai 2013
Klassik Heute - Hörführer

Oper zwischen Show und Anspruch – erfolgreicher Start der Oper Schenkenberg

Im schweizerischen Aargau startet das neues Festival mit "Carmen"

Schinznach-Dorf ist ein Ort im Aargau mit 1200 Einwohnern, nicht weit von Zürich entfernt und in der Nähe der deutschen Grenze gelegen, umgeben von Hügeln und Weinbergen. Die Idee, in dieser verschlafenen Idylle ein Opernfestival ins Leben zu rufen, erscheint aberwitzig. Der Tenor Peter Bernhard, der dort wohnt, hatte sie trotzdem und setzte sie über Jahre hinweg zielstrebig in die Tat um.

Zu seiner eigenen Überraschung fand er bei den ersten Ansprechpartnern, den Gemeinden des Schenkenberger Tales, zu dem Schinznach-Dorf gehört, weit offene Türen. Mit dem gesicherten Startkapital von 60 000,- Franken trat man dann an mögliche Sponsoren heran, die sich in beeindruckend großer Zahl einfanden, an der Spitze die Neue Aargauer Bank, und die Veranstalter in die Lage versetzten, dieses Projekt nicht nur in künstlerischer, sondern auch in organisatorischer Hinsicht hochprofessionell in Angriff zu nehmen.

Der Beobachter aus Deutschland mag es kaum glauben, dass so etwas möglich ist. Bei uns kommen auf einen Menschen, der eine Idee hat, wenigstens 10, die sie ihm wieder ausreden wollen. Und selbst Institutionen, die sich längst etabliert und ihre Qualität wiederholt unter Beweis gestellt haben, werden hier mit den Jahren nicht etwa immer besser ausgestattet, sondern unter Hinweis auf irgendwelche Finanzkrisen immer kürzer gehalten und bis zur Handlungsunfähigkeit heruntergespart. Die Oper Schenkenberg ist schon von daher ein vorbildliches Modell.

Sie zeigt sich als solches aber auch in künstlerischer Hinsicht, da sie bereits mit ihrer ersten Produktion eine Antwort auf die Frage gibt, wie „Oper im Freien“ die richtige Balance zwischen Unterhaltung und Anspruch finden kann. Die Stückwahl, Bizets Carmen, war für den Start recht geschickt. Jordanka Milkova als Carmen
Jordanka Milkova als Carmen
Foto: Ingo Hoehn
Denn es handelt sich um eine der populärsten Opern des Repertoires, mit der man ein großes Publikum nicht nur aus der Region, sondern auch von außerhalb und sogar aus Deutschland anziehen konnte. Und zudem um ein Stück, das überwiegend in Außenräumen spielt. Gemeinsam mit dem Bühnenbildner Karel Spanhak wurde die Idee entwickelt, auf einem umwaldeten Platz auf dem Feldschen-Hügel eine Arena aufzubauen, die als Schauplatz der Handlung dient, während die (maximal 1500) Zuschauer wie beim Stierkampf auf den Tribünen sitzen. Schon Wochen vor der Premiere ragte dieser Bau wie eine Trutzburg aus der Landschaft heraus und weckte bei den Vorübergehenden Lust auf das kommende Opern-Event.

In diesem Arena-Rund veranstaltet die Freilichtbühnen-erfahrene Regisseurin Anette Leistenschneider ein theatralisches Volksfest, ohne dabei das Stück zu verraten. Pferde kommen auf die Bühne und Autos (Escamillo wird mit einem offenen Luxusschlitten vorgefahren), Kinder führen artistische Kunststückchen vor, Flamenco-Tanz und folkloristische Kostüme beleben die Szene bei Lillas Pastia. Doch diese Stimmung schaffenden Schau-Effekte sind keine Zutaten und Einlagen, sondern werden dramaturgisch begründet. Die Regisseurin hat die Handlung in die Zeit der Franco-Diktatur verlegt. Das Militär ist allgegenwärtig, die Schmuggler sind mit den Partisanen verbündet, denen sie Waffen liefern. Ein überlebensgroßes Reiterstandbild des Generals dominiert die Bühne im 1. Akt, der dritte spielt sich um das Wrack eines abgeschossenen Kampffliegers ab. Die notwendigen Umbauten auf offener Szene löst die Regisseurin als militärische Choreographie: Francos Soldaten kommen hier zum zivilen Einsatz.

In dieser Produktion beginnt Carmen als komische Oper und endet als Tragödie. Die wird von den Sängern, die durchweg auch überzeugende Schauspieler sind, mit Intensität und psychologisch differenziert erspielt. Es gibt viele starke kammerspielartige Momente in diesem bunten Bühnenspektakel. Die aufgefrischten Dialoge werden deutsch (und ohne Opernpathos) gesprochen, gesungen wird dagegen im originalen Französisch. Das funktioniert bestens und ohne Brüche und ist dem Verständnis des Geschehens sehr förderlich.

Die Sängerbesetzung genügt hohen Ansprüchen. Jordanka Milkova, derzeit in Nürnberg engagiert, wo sie die Partie in der nächsten Spielzeit singen wird, ist eine rassige Carmen, die sich auf die Attraktivität ihres dunklen, herben Mezzos verlassen kann und nicht künstlich Erotik herstellen muß. Peter Bernhard (Don José) und Jordanka Milkova (Carmen)
Peter Bernhard (Don José) und Jordanka Milkova (Carmen)
Foto: Ingo Hoehn
Ihr steht in Peter Bernhard, gelernter Schauspieler und Schüler von Nicolai Gedda, ein stolzer Don José gegenüber, der sich stimmlich von Akt zu Akt steigert. Die beiden Protagonisten schaukeln sich gegenseitig hoch. Ihr Showdown, obwohl vergleichsweise konventionell inszeniert, geht unter die Haut. An der Partie des Escamillo, die einen Bass mit tenoraler Höhe verlangt, habe ich schon viele prominente Sänger scheitern gehört. Wieland Satter bewältigt die Rolle mit seinem kernigen Bassbariton ohne Mühe und Druck in der Höhe, und er verfällt auch nie ins Brüllen. Das Stück funktioniert nur, wenn Micaela keine einfältige Unschuld vom Lande, sondern eine echte Gegenspielerin Carmens ist. Jana Havranová ist trotz ihres liebenswerten Äußeren und ihrer obligatorischen Blondheit eine ausgesprochen starke Frau und entschiedene Ersatzmutter Don Josés, die auch sängerisch Ausdruck vor Klangschönheit setzt. Wieland Satter (Escamillo)
Wieland Satter (Escamillo)
Foto: Ingo Hoehn
Das vokale Gesamtniveau wird durch die Besetzung der Nebenrollen mit Sängern des ersten Faches gesichert. Besonders der Bariton Tobias Hächler (Moralés) läßt aufhorchen, aber auch Christina Clark (Frasquita), Maria Rebekka Stöhr (Mercédès), Tobias Scharfenberger (Dancaïro), Karl-Heinz Brandt (Remendado) und Morgan Moody (Zuniga) liefern stimmlich ansprechende, darstellerisch präzise Rollenporträts.

Besonders eindrucksvoll ist die Leistung des Chors, der aus Laiensängern aus der Region besteht und von seinem Leiter Valentin Vassilev auf professionelle Klangfülle und Präzision getrimmt wurde. Auch in der szenischen Aktion zeigt er die Zuverlässigkeit eines Berufschors, ohne dabei die erfrischende Spiellaune zu verlieren, die begeisterten Amateuren eigen ist. Wenn sich die Zigarettenarbeiterinnen ihrer Kittel entledigen und in der Unterwäsche die hippelig werdenden Soldaten anmachen, ruft das beim Zuschauer ein wohlwollendes Schmunzeln hervor.

Das Orchester musste für diese Produktion ad hoc zusammengestellt werden, nachdem sich die vorgesehene Formation (das Aargauische Kammerorchester) kurz zuvor aufgelöst hatte. Dem mit dem Werk bestens vertrauten Dirigenten Marc Tardue war es jedoch gelungen, die Musiker in relativ kurzer Probenzeit zu einem homogenen Klangkörper zu formen. Bei Tardue klingt Bizet „molto secco“, besonders bei den Streichern, dramatische Spannung entsteht aus rhythmischer Energie. Das Schmugglerquintett
Das Schmugglerquintett
Foto: Ingo Hoehn
Obwohl der Dirigent die Bühne im Rücken hatte und die Sänger auf Monitore angewiesen waren, auf die sie erfreulicherweise nur selten starrten, gab es in der Premiere keine nennenswerten Koordinationsprobleme. Ein Mitarbeiter des Festivals erzählte mir, dass Tardue von Anfang an bei allen szenischen Proben dabei gewesen sei und diese oft auch selbst am Klavier begleitet habe. Das kommt im heutigen Opernbetrieb leider sehr selten vor, aber es sollte Schule machen. Die musikalische Qualität der Aufführung beruhte im wesentlichen darauf, dass man durch den Probenprozeß gut aufeinander eingespielt war.

Das erwartungsfrohe Publikum zeigte sich vom Beginn der Vorstellung an in bester Stimmung, es gab Szenenapplaus auch bei kurzen Nummern, und dass bei den orchestralen Wiederholungen des Toreroliedes rhythmisch mitgeklatscht wurde, versteht sich fast von selbst. Dem selbst gestellten Anspruch, Oper für Alle zu veranstalten, ist die Oper Schenkenberg mit ihrer ersten Produktion völlig gerecht geworden. Ein guter Start.

Ekkehard Pluta, 18.8.2010

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