Ausnahmsweise muß bei dieser Begegnung des Dresdner Kreuzchores mit geistlichen Gesängen, was ja zum künstlerischen – nicht unbedingt immer studiotechnischen – Alltag dieses hochqualifizierten Ensembles gehört, der einführende Leitgedanke des Beiheft-Autors Karsten Blüthgen hervorgehoben werden. Es geht dabei um nichts Geringeres als um Felix Mendelssohn Bartholdys berechtigte Frage, gar Sorge, „wie es zu machen sein sollte, daß bei uns die (Kirchen) Musik ein integrirender Teil des Gottesdienstes, und nicht blos ein Concert werde“ (1835). Roderich Kreile, Kreuzkantor seit 1997, versierter Chorpädagoge und Kirchenmusiker mit Leib und Seele, scheint ganz bewußt eine Antwort auf Mendelssohns Frage und Forderung gesucht und gefunden zu haben. Die vorliegende Aufnahme ist ein klingender und zugleich klangschöner Beweis dafür. Dem erfolgreichen und bewährten Kruzianer-Dirigenten gelingt es überzeugend, den Zuhörer dieser CD, der sie im Regelfall in profanen Wohn- oder Arbeitszimmern, auch im nicht minder weltlichen Heimstudio mit Kopfhörern zu genießen beabsichtigt, in die von den Komponisten intendierten, religiösen Andachtsformen einzubeziehen.
Hier ist es darüber hinaus die eindrucksvolle, kirchenmusikalische Auswahl berühmter Beiträge eines Brahms, Reger, Rheinberger im Kontext mit den der Gegenwart näherstehenden Barber, Distler und Raphael. Spürbar wird die von Mendelssohn erträumte und gesuchte Nähe zum gottesdienstlichen Ritual, zur Predigt und zum Gebet erreicht. Deutlich offenbart und bewährt sich das Geheimnis eines aus purem Klang und unverstellter Reinheit bestehenden Knabenchores, wenn er denn, wie hier (und bei vergleichbaren Spitzenchören) absolut intonationssicher, homogen in allen seinen melodischen Spannungslinien, Phrasierungskünsten und dynamischen Atembögen zu einer bewunderungswürdigen Ausdruckskraft in der textlichen Gestaltung geführt wird: Man spürt es deutlich an dem Kontrast zu dem chortechnisch zwar genauso makellos bewältigten Opus 13 von Schönberg von 1907, das aber eben doch aus einer anderen, eher dramatisch von gesellschaftlichen Umbrüchen und Kriegsängsten gepeinigten Geisteswelt kommt. Nur schwer läßt sich heutzutage die damals noch absolut spätromantisch-tonale, sehr expressionistische Klangvision Schönbergs nachvollziehen, die sich vor dem Hintergrund einer pathetischen, aber textlich kaum verfolgbaren Textvorlage von Conrad Ferdinand Meyer ereignet. Mit Respekt zu bewundern bleibt allerdings die enorm sichere und souveräne a-cappella-Leistung bei der Wiedergabe dieses komplizierten Doppelchorsatzes, ganz bewußt wohl als „konzertierende“ Schlußsteigerung einer ansonsten verinnerlichenden Kirchenmusikstunde im Sinne Mendelssohns gedacht.
Gerhard Pätzig (22.06.2006)