Es ist ein zweifellos großes Verdienst dieser Aufnahme, das immer noch recht unbekannte Repertoire der russisch-orthodoxen Kirche der Barockzeit wiederzuentdecken. Höchst interessante Beziehungen zur „westlichen“ Kirchenmusik dieser Zeit werden dabei ebenso deutlich wie der „eigene Stil“ – so stehen z.B. das ganz im dramatisch-kontrastreichen Stil eines Giovanni Gabrieli und Heinrich Schütz komponierte Gloria von Vasilij Titov (Tr. 5) oder der obligatorisch kontrapunktische Schlußteil von Herr, tu mir mein Ende kund (Tr. 11) von Dmitrij Bortnanskij der schlichten strophische Marienverehrung eines unbekannten Komponisten (Ttr. 4) oder dem durchaus volkstümlich anmutenden Lobet den Namen des Herrn (Tr. 8) von Nikolaj Dileckij wirkungsvoll gegenüber.
Ohne die Umgebung des Rituals – gerade im orthodoxen Gottesdienst durch optische und akustische Wahrnehmungen durchaus als eine Art „geistliche Gesamtkunst“ zu betrachten – ist freilich die rein musikalische Qualität der Kompositionen unterschiedlich zu bewerten; einige Stücke, wie z.B. die oben genannte Marienverehrung wirken doch etwas eintönig. Dies liegt aber keineswegs an der Interpretation, denn der Estnische Philharmonische Chor bietet nicht nur eine erstklassige, stimmlich homogene und gut artikulierte Wiedergabe, sondern auch einen sensibel ausgekosteten Kontrast zwischen westlich ausgeprägtem und „ureigenem“ russisch-orthodoxem Stil – köstlich dabei der Wechsel vom volkstümlich klingenden Männerchor von Dileckij zur elaborierten Vokalkunst von Bortnjanskij (Tr. 8 und 9) oder die fein differenzierte Klangfarbenpalette in An den Flüssen von Babylon von Artemij Vedel‘ (Tr. 10).
Éva Pintér (24.12.2003)