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CD-Besprechung

Songs of Rain

Karolina Errera | Lilit Grigoryan

Genuin GEN 22769

1 CD • 65min • 2021

29.07.2022

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Die in Moskau geborene Bratschistin Karolina Errera präsentiert zusammen mit ihrer auf gleicher gestalterischer Wellenlänge spielenden Pianistin Lilit Grigoryan eine Auswahl emotionaler Musik von Dowland bis Britten, und ihr Spektrum umfasst mehr als nur Regenlieder ohne Worte, vielmehr Seelenlandschaften. Insofern wäre der Titel „Songs of Rain“ als understatement zu lesen. Die CD kann auf jeden Fall mit oder ohne programmatischen Hintergrund ausgekostet werden!

Brittens „Tränen“ nach Dowland: Wunderbar!

Brittens rund 350 Jahre nach der Zeit John Dowlands, Mitte des 20. Jahrhunderts entstandenes, Opus 48 Lachrymae – Reflections on a Song by J. Dowland umfasst elf Kostbarkeiten, in denen beide Musikerinnen höchst glücklich agieren. Das Timbre der Viola ist, wann immer es passt, wunderbar seidig-dunkel, sonor, und von dort aus modulations- und farbenreich.

Gemischtes Programm

Transkriptionen bilden die ersten 3 und die letzten 5 Stücke der CD. Zunächst überzeugt Tschaikowskys A tear trembles aus den Romanzen des Jahres 1869, Sensibilität ohne jede Sentimentalität. Noch etwas intensiver ist Rachmaninows frühe Romanze op. 4 Nr. 3 komponiert und gespielt, gefolgt von einer Übernahme (weniger als drei Minuten) aus John Dowlands First Booke of Songes or Ayres (1597). Auch wenn die anfängliche Reihenfolge der Positionierung in der 65minütigen Performance der CD nicht die einzig sinnvolle Möglichkeit der Abfolge dieses Repertoires sein dürfte, treffen die Musikerinnen auf ihre Weise stets den richtigen „Ton“ und expandieren namentlich bei Rachmaninow an geeigneter Stelle die Dynamik ins Leidenschaftliche. Im Zusammenspiel herrscht bei hohem Formgefühl Übereinstimmung – in agogischem „timing“, Kontrastierung und Ausbalancierung der Dynamik, und dies gilt für die gesamte Produktion!

Brahmssonate in G-Dur: Viola statt Violine

Für Adaptierung der Ersten Violinsonate von Brahms unter Wahrung der originalen Tonart wählen Bratscherin und Pianistin eine sehr sorgfältige, hoch musikalische, etwas weniger zupackende Gangart als männliche Kollegen, wie etwa vor 70 Jahren etwa fabelhaft und mitreißend Szymon Goldberg mit Artur Balsam (Hänssler Profil), noch früher Georg Kulenkampff mit Georg Solti am Klavier (Decca). Oder heute der innovative Christian Tetzlaff und Lars Vogt oder hoch solide Ulf Wallinen mit Roland Pöntinen (letztgenannte bereits sehr beachtlich vor über 20 Jahren bei Arte nova; Neuinterpretation auf SACD: BIS-2369).

Dass die Interpretation der Musikerinnen auf vorliegender CD auch bei Brahms von vorbildlichem Ernst ist, das steht für mich außer Frage; nur: wirkt nicht der in weite Registerlagen ausgreifende Tonsatz insgesamt etwas zu brav (was auch dem geschuldet sein mag, dass die Violine auf der e-Saite in G-Dur nunmal mehr zu strahlen vermag als ihre größere, dunklere Schwester Viola)? Wunderbar ist, wie die Pianistin die Registerlagen des sehr gut aufgenommenen Steinway kundig und subtil abtönt. Doch fordert nicht gerade die Oktavierung in ausgreifende Registerlagen des Tonraums nach oben wie nach unten ein Quäntchen mehr Zündstoff an manchen Stellen?

Auch wünschte ich mir im Melodischen bei Brahms manches mehr ausmusiziert, bestimmte Gesten extrovertierter, „gerichteter“ phrasiert. Wir hören hier eine der feinsten und nach innen gerichtet delikatesten, (mich) allerdings nicht durch und durch überzeugenden Wiedergaben der Sonate; Errera und Grigoryan zeigen mehr die Lyrik und weniger das Drama dieser Musik.

Ulf Wallin und Roland Pöntinen haben die Brahms(violin)sonaten nach über 20 Jahren zum zweiten Mal aufgenommen – entsprechend wünschenswert wäre, dass man von Errera und Grigoryan in Zukunft weiteres romantisches Repertoire hören wird!

Romeos Julia: Reminiszenz – Tod, entsetzlicher Schmerz ?

Julias Tod aus Prokofjews Opus 64 ist von den Musikerinnen bezwingend musiziert, über weite Strecken abermals unter ihrer höchst angenehmen Bevorzugung der Introversion (ähnlich wie in der Brahmssonate). Die Dissonanzen des Schmerzes jedoch sollten hier schneidender erklingen! Wer andere Versionen von Romeo und Julia für volles Orchester (etwa unter russischen Dirigenten oder Celibidaches Prokofjew-Stil) favorisiert, wird bei den achteinhalb Minuten dennoch gebannt zuhören können ob der kammermusikalischen Feinheit der Musikerinnen (das Arrangement für Viola und Klavier stammt von Vadim Borisovsky).

Vor der Brahmssonate erklingt instrumental das kaum zweiminütige Lied aus dessen Opus 59 (Nachklang), das neben dem hier nicht aufgenommenen, mehr als doppelt so langen Regenlied op. 59, 3 der motivischen Idee des Finalsatzes der Sonate Pate gestanden hat.

Ritterschlag einer Bratscherin

Tabea Zimmermann hat an der in Moskau geborenen Karolina Errera die „seltene Gabe“ hervorgehoben, die „wunderbaren musikalischen Talente mit außerordentlich gutem Geschmack und einer bescheidenen und uneitlen Persönlichkeit zu verbinden“: „Karolina Errera has a rare gift of combining her wonderful musical talents with an outstandingly good taste and a humble and modest personality that is not so common nowadays“ (www.karolinaerrera.com). Wir können auf Wiederbegegnungen gespannt sein.

Dr. Matthias Thiemel [29.07.2022]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Peter Tschaikowsky
1Unendliche Liebe op. 6 Nr. 4 00:04:07
Sergej Rachmaninow
2In the silence of the mysterious night op. 4 Nr. 3 00:03:25
John Dowland
3If My Complaints Could Passions Move (aus: First Booke, 1597) 00:02:43
Benjamin Britten
4Lachrymae op. 48 (Reflections on a song by Dowland) 00:15:06
Sergej Prokofjew
15Romeo und Julia op. 64 (Suite Nr. 1 - Auszüge: Julias Tod) 00:08:24
Johannes Brahms
16Nachklang op. 59 Nr. 4 00:01:59
17Sonate Nr. 1 G-Dur op. 78 für Violine und Klavier (Regenlied-Sonate) 00:29:24

Interpreten der Einspielung

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