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CD-Besprechung

Igor Levit

On DSCH

Sony Classical 19439809212

3 CD • 3h 51min • 2020

08.10.2021

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Klassik Heute
Empfehlung

Igor Levit war 2015 recht konsequent, als er Bachs Goldberg- und Beethovens Diabelli-Variationen mit The People United Will Never Be Defeated! von Frederic Rzewski koppelte. Wie er nun bei der Pressevorstellung des neuen 3 CD-Albums verriet, hätte er eigentlich schon damals gerne die gewaltige Passacaglia on DSCH des Briten Ronald Stevenson (1928-2015) eingespielt, fühlte sich aber dafür noch nicht bereit. Nun hat der Pianist das 85-minütige Stück mit dem umfangreichsten Klavierwerk des Widmungsträgers, Dmitri Schostakowitschs 24 Präludien & Fugen op. 87, kombiniert und verhilft damit in erster Linie wohl Stevensons bisher nur Spezialisten vertrautem Geniestreich endlich zur verdienten breiteren Öffentlichkeit.

Passacaglia mit 300 Variationen

Stevenson, überzeugter Pazifist und Marxist, verehrte sehr früh Ferruccio Busoni – in seinem 1. Klavierkonzert etwa verwendet er ausgiebig Material aus dessen Oper Doktor Faust. So erklärt sich auch die Unterteilung der Passacaglia on DSCH (1961-62), die das auf Schostakowitschs Initialen aufbauende Bassthema ohne Unterbrechung in ca. 300 Variationen verarbeitet, in drei architektonische Blöcke: Pars prima, Pars altera, Pars tertia. Das kennen wir vom Busoni-Klavierkonzert, aber ebenso werden die 12 Sätze im 4½-stündigen Opus Clavicembalisticum (1930) des britischen Exzentrikers Kaikhosru Sorabji eingeteilt – gleichfalls als Busoni-Hommage; und der neunte Satz enthält eine Passacaglia mit 81 Variationen. Die weitere Verbindung ergibt sich aus Stevensons enger Freundschaft mit dem Pianisten John Ogdon. Dieser hatte Sorabjis O.C. 1959 privat bei den Stevensons gespielt (Sorabji untersagte damals alle öffentlichen Aufführungen seiner Werke).

Musikalische Weltreise

Innerhalb dieser drei großen Abschnitte bringt Stevenson dann einerseits diverse Formen klassischer Musik unter: Sonaten-Allegro, Walzer, Suite, Nocturne usw. Im 2. Teil wird klar, dass es hier zusätzlich um eine musikalische Weltreise geht, vor allem auch nach Afrika. Den Höhepunkt des 3. Teils bildet eine riesige Tripelfuge (gibt’s ebenfalls im O.C.), die über dem Passacaglia-Bass zunächst ein 12-töniges Thema durchführt, dann DSCH mit BACH kombiniert, um schließlich noch das Dies irae als Memento für die Holocaust-Opfer einzubinden. Das barocke Finale lässt völlig offen, ob das Stück nun positiv oder negativ ausgeht. Diese kräftezehrende und hochemotionale Achterbahn wurde vor Levit bereits sechs Mal aufgenommen, zweimal vom Komponisten selbst. Die letzte, leider viel zu wenig beachtete Einspielung von James Willshire hat dabei neue Maßstäbe gesetzt. In ihrer Anschlagskultur sowie bei der Disposition der Tempi erweisen sich Levit und Willshire über weite Strecken als erstaunlich seelenverwandt. Im ersten Teil ist Levits Schwäche, dass er das ja nur aus vier Tonhöhen bestehende Thema zu lange zu offensichtlich herausstellt, was schnell ermüdet und die Konzentration des Hörers auf den ja wichtigeren Rest eher behindert; da ist Willshire klarer Sieger. Im 2. und 3. Teil gewinnt Levit mit empathischem Ausdruck, natürlich ohne die stellenweise allzu berserkerhafte Intensität eines John Ogdon übertrumpfen zu wollen. Die Fuge und der Schluss gelingen Levit grandios, so dass das lange Stück konsistent und geschlossen wirkt – allemal faszinierend.

Schostakowitschs Hommage an Bach

Als Hommage an Bachs Wohltemperiertes Klavier entstanden nach dessen 200. Todesjahr Schostakowitschs 24 Präludien und Fugen (1951) durch alle Tonarten. Heute kaum vorstellbar, dass sich der Komponist damit einmal mehr vor dem Vorwurf des Konstruktivismus fürchten musste. Nicht Bachs Kunst der Polyphonie steht jedoch hier im Fokus, vielmehr eine geradezu enzyklopädische Vielfalt an ausdrucksmäßigen, musikalischen Charakteren. Von den zahlreichen verfügbaren Aufnahmen haben den Rezensenten bislang besonders die von Roger Woodward und Alexander Melnikov begeistert. Woodward ist nicht nur bei den quirligeren der Präludien meist sogar etwas geschwinder als Levit – ohne oberflächlich zu werden; Melnikov spielt bei einigen Fugen durchsichtiger, insgesamt feiner im Anschlag. Levits besonderes Verdienst liegt darin, dass er in den Stücken des Zyklus, die zunächst eher simpel und ausdrucksmäßig flach erscheinen, Schostakowitschs Einsamkeit und Verängstigung vor Stalins Repressionen entdeckt. Er versucht also erst gar nicht, hier etwas hineinzudeuten, sondern überlässt sich der kaum stattfindenden Entwicklung der Musik, so dass dieses Manko sich als emotionaler Spiegel der Befindlichkeit des Komponisten entpuppt. Das geschieht nicht einfach zufällig, sondern ist große Kunst: solche der Verweigerung, des teilweise inneren Exils. Bei anderen Nummern ist Levit dann wieder energisch, entschlossen, virtuos zupackend, wird so allen Facetten gerecht, eben gerade Schostakowitschs Überlebenswillen. Klanglich erstaunt der Pianist durch enormen Einfallsreichtum und Farbigkeit.

Fast vier Stunden komplexe Musik, verständlich dargeboten

Igor Levit erfindet bei keinem der beiden Werke auch nur ansatzweise das Rad neu, legt aber Darbietungen hin, die immer stimmig, zielgerichtet und verständlich sind, rein pianistisch unangreifbar. Die Aufnahmetechnik ist exzellent und Anselm Cybinskis einfühlsamem wie informativem Booklettext gebührt besonderes Lob. Sony darf sich jetzt schon freuen, erfolgreich das Risiko eingegangen zu sein, schwierige, teils unbekannte Literatur einem großen Publikum nahezubringen – und das hübsche Design muss man einfach mögen.

Vergleichsaufnahmen: [Stevenson] John Ogdon (1966, in: John Ogdon – Legendary British Virtuoso, EMI 7 04637 2 [17CD]); James Willshire (2013, Delphian DCD34119) – [Schostakowitsch] Roger Woodward (1975, Celestial Harmonies 14302-2); Alexander Melnikov (2009, harmonia mundi HMC 902019.20).

Martin Blaumeiser [08.10.2021]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Dimitri Schostakowitsch
1Präludium und Fuge C-Dur op. 87 Nr. 1 00:05:10
3Präludium und Fuge a-Moll op. 87 Nr. 2 00:02:20
5Präludium und Fuge G-Dur op. 87 Nr. 3 00:03:42
7Präludium und Fuge e-Moll op. 87 Nr. 4 00:07:43
9Präludium und Fuge D-Dur op. 87 Nr. 5 00:03:18
11Präludium und Fuge h-Moll op. 87 Nr. 6 00:06:53
13Präludium und Fuge A-Dur op. 87 Nr. 7 00:03:26
15Präludium und Fuge fis-Moll op. 87 Nr. 8 00:08:24
17Präludium und Fuge E-Dur op. 87 Nr. 9 00:03:43
19Präludium und Fuge cis-Moll op. 87 Nr. 10 00:07:37
21Präludium und Fuge H-Dur op. 87 Nr. 11 00:03:05
23Präludium und Fuge gis-Moll op. 87 Nr. 12 00:08:17
CD/SACD 2
1Präludium und Fuge Fis-Dur op. 87 Nr. 13 00:07:14
3Präludium und Fuge es-Moll op. 87 Nr. 14 00:06:53
5Präludium und Fuge Des-Dur op. 87 Nr. 15 00:03:57
7Präludium und Fuge b-Moll op. 87 Nr. 16 00:10:08
9Präludium und Fuge As-Dur op. 87 Nr. 17 00:05:19
11Präludium und Fuge f-Moll op. 87 Nr. 18 00:05:13
13Präludium und Fuge Es-Dur op. 87 Nr. 19 00:04:42
15Präludium und Fuge c-Moll op. 87 Nr. 20 00:09:17
17Präludium und Fuge B-Dur op. 87 Nr. 21 00:04:00
19Präludium und Fuge g-Moll op. 87 Nr. 22 00:05:14
21Präludium und Fuge F-Dur op. 87 Nr. 23 00:06:28
23Präludium und Fuge d-Moll op. 87 Nr. 24 00:13:36
CD/SACD 3
Ronald Stevenson
1Passacaglia On DSCH 01:25:25

Interpreten der Einspielung

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